Zum Hauptinhalt springen

„Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland“ – Was Russlands Botschafter bei Ben Berndt wirklich sagte

05. September 2026 // geschrieben von Manfred

Russland kämpfe faktisch bereits gegen die NATO. Einen Krieg mit Deutschland wolle Moskau dennoch nicht. Gleichzeitig verweist der russische Botschafter Sergej Netschajew auf die russische Nukleardoktrin und warnt davor, dass auch Moskaus Geduld Grenzen habe. Im mehr als einstündigen Gespräch mit Ben Berndt zeichnet Netschajew ein grundlegend anderes Bild des Ukrainekrieges und der deutsch-russischen Beziehungen als dasjenige, das in Deutschland gewöhnlich zu hören ist. Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuhören – und zwischen Aussage, Interpretation und überprüfbarer Tatsache zu unterscheiden.

Es ist wohl die brisanteste Passage eines ohnehin ungewöhnlichen Interviews. Ben Berndt fragt den russischen Botschafter Sergej Netschajew, ob Russland NATO-Stellungen außerhalb der Ukraine angreifen könnte, wenn Moskau den Krieg inzwischen faktisch als Auseinandersetzung mit dem westlichen Bündnis betrachtet.

Netschajews Antwort fällt zunächst eindeutig aus: „Wir wollen keinen Krieg mit der NATO. Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland.“ Wenig später folgt jedoch eine Formulierung, die ebenso aufmerksam machen sollte: Russland sei noch nicht bereit, seine „mächtigsten Waffen“ einzusetzen, dafür gebe es entsprechende Nukleardoktrinen. Und: „Unsere Geduld ist auch nicht grenzenlos.“

Genau diese Kombination zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch: Netschajew weist die Vorstellung zurück, Russland strebe einen Krieg mit Deutschland oder der NATO an. Gleichzeitig macht er deutlich, wie nah Moskau die westliche Unterstützung der Ukraine inzwischen an einer unmittelbaren Kriegsbeteiligung sieht.

„Wir kämpfen gegen die NATO“

Für Netschajew ist die Grenze zwischen Unterstützung der Ukraine und Beteiligung am Krieg längst weitgehend verwischt.

Westliche Staaten könnten zwar erklären, sie seien keine Konfliktpartei. Aus russischer Sicht überzeugten solche Aussagen jedoch nicht mehr. Netschajew verweist auf Waffen und Munition, Ausbildung, militärische Berater, Rüstungsproduktion, finanzielle Unterstützung und Aufklärungsleistungen. Russland erkenne sehr genau, „wer dahinter steht“. Seine Schlussfolgerung: Russland kämpfe heute praktisch gegen die NATO in der Ukraine.

Damit widerspricht er unmittelbar der offiziellen NATO-Position. Das Bündnis erklärt weiterhin, nicht Kriegspartei zu sein, sondern die Ukraine bei ihrem in der UN-Charta verankerten Recht auf Selbstverteidigung zu unterstützen.

Doch Berndt fragt weiter: Wenn Russland die Situation selbst als Krieg gegen die NATO interpretiert – wann würden dann NATO-Ziele außerhalb der Ukraine zu Zielen Russlands?

Netschajew verweist darauf, kein Militär zu sein. Auf höchster russischer Ebene gelte weiterhin die Zusicherung, keinen Krieg mit der NATO und keinen Krieg mit Deutschland zu wollen.

Danach wird die Antwort allerdings deutlich schärfer.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es um westliche Langstreckenwaffen und Angriffe auf russisches Territorium. Für den Fall, dass Produktionsstätten oder andere Einrichtungen auf NATO-Gebiet unmittelbar Teil solcher Operationen seien, stellt Berndt die Frage nach möglichen russischen Angriffszielen. Netschajew sagt, er hoffe, dass es dazu nicht komme und sich bei westlichen Politikern die Vernunft durchsetze.

Dann folgt sein Hinweis auf Russlands stärkste Waffen:

„Wir sind […] noch nicht bereit, unsere mächtigsten Waffen zu nutzen. Es gibt entsprechende Nukleardoktrinen dazu. Aber wissen Sie, unsere Geduld ist auch nicht grenzenlos.“

Das ist keine ausdrückliche Ankündigung eines Atomwaffeneinsatzes. Es ist aber unübersehbar eine Warnung – und gerade deshalb eine der wichtigsten Aussagen des gesamten Interviews.

Leipzig: Netschajew spricht von einer „Provokation gegen Russland“

Aktueller Anlass des Gesprächs war die dramatische Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen nach dem Anschlagsversuch mit einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle.

Die Bundesregierung macht Russland für den Vorgang verantwortlich und reagierte unter anderem mit der Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und Maßnahmen gegen das Russische Haus in Berlin. Russland weist die Anschuldigungen zurück. Internationale Agenturen wie Reuters berichteten Anfang September über die deutsche Beschuldigung und die russische Gegenreaktion.

Netschajew bezeichnet die gegen Russland erhobenen Vorwürfe bei Berndt als „pure Provokation“ und „absolut beweislos“. Die darauf folgenden deutschen Maßnahmen seien drastischer als alles, was er in der Nachkriegsgeschichte der bilateralen Beziehungen erlebt habe.

Besonders deutlich wird er bei der Frage nach möglichen russischen Motiven:

Wenn Russland in Leipzig tatsächlich etwas hätte anrichten wollen, so Netschajew sinngemäß, hätte dies „ganz anders aussehen“ können. Russland habe aber nicht die geringste Absicht, die deutsche Bevölkerung zu provozieren.

Gleichzeitig kündigt er Konsequenzen an. Die deutschen Entscheidungen blieben „nicht spurlos und nicht ohne Reaktion“.

Moskau hat inzwischen seinerseits Gegenmaßnahmen eingeleitet. Die Eskalation rund um Leipzig ist damit längst nicht mehr nur eine strafrechtliche oder geheimdienstliche Frage, sondern ein weiterer massiver Einschnitt in die Beziehungen zwischen beiden Staaten.

Vom wichtigsten Partner zum historischen Tiefpunkt

Einen erheblichen Teil des Interviews verwendet Netschajew darauf, den Bruch zwischen Deutschland und Russland historisch zu beschreiben.

Deutschland sei lange Zeit Russlands „Partner Nummer eins“ gewesen. Netschajew erinnert an den umfangreichen Handel, Tausende deutsche Unternehmen in Russland, wissenschaftliche Kooperationen, Städtepartnerschaften und den Petersburger Dialog.

Diese Beziehungen seien aus russischer Initiative nicht zerstört worden, behauptet er. Vielmehr hätten deutsche und andere westliche Politiker den Weg der Zuspitzung gewählt.

Das ist offenkundig die russische Interpretation der Geschichte. Dass Russland selbst spätestens mit der Annexion der Krim 2014 und dem großangelegten Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 fundamentale völkerrechtliche Konflikte ausgelöst hat, gehört zwingend zur Gegendarstellung dieser Erzählung.

Bemerkenswert bleibt dennoch, wie stark Netschajew zwischen Deutschland als Staat und der deutschen Bevölkerung unterscheidet. Mehrfach sagt er, Russland habe kein Problem mit dem deutschen Volk.

Seine Darstellung gipfelt in dem Satz:

„Wir wollen keinen Krieg mit der NATO, wir wollen keinen Krieg gegen Deutschland.“

Netschajews Ursprungserzählung des Ukrainekrieges

Besonders weit entfernt von der in Deutschland vorherrschenden Interpretation bewegt sich Netschajew bei der Vorgeschichte des Ukrainekrieges.

Für ihn beginnt der Konflikt nicht am 24. Februar 2022 und auch nicht erst 2014. Seine Ursprünge lägen bereits in den 1990er Jahren.

Westliche Staaten hätten damals begonnen, die Ukraine systematisch von Russland zu entfernen und sie schließlich zu einem gegen Russland gerichteten „Bollwerk“ zu entwickeln.

Ein zentraler Baustein seiner Argumentation ist die NATO-Osterweiterung.

Netschajew sagt, der Sowjetunion sei im Zuge der deutschen Wiedervereinigung versprochen worden, die NATO werde sich „keinen Zentimeter“ nach Osten bewegen. Später seien dennoch mehrere Erweiterungsrunden erfolgt und militärische NATO-Infrastruktur immer näher an Russland herangerückt.

Gerade hier lohnt eine differenzierte Betrachtung.

Ein bindender Vertrag, der eine spätere NATO-Aufnahme mittel- und osteuropäischer Staaten untersagt hätte, existiert nicht. Darauf verweist die NATO bis heute.

Die russische Behauptung, es habe überhaupt keine entsprechenden westlichen Zusicherungen gegeben, lässt sich allerdings ebenfalls nicht einfach halten. Freigegebene Dokumente aus dem Jahr 1990 belegen Äußerungen des damaligen US-Außenministers James Baker gegenüber Michail Gorbatschow über eine Nichtausdehnung der NATO-Zuständigkeit „one inch eastward“. Das National Security Archive der George Washington University dokumentiert auch ähnliche Überlegungen anderer westlicher Politiker. Umstritten ist deshalb weniger, ob solche Äußerungen fielen, sondern welche politische und geografische Reichweite sie hatten und ob daraus eine dauerhafte Verpflichtung für die spätere NATO-Erweiterung abzuleiten war.

Netschajew präsentiert diese historische Kontroverse erwartungsgemäß ausschließlich aus russischer Sicht.

Maidan, Krim und Minsk: die russische Gegenerzählung

Auch die Ereignisse des Jahres 2014 beschreibt Netschajew völlig anders als westliche Regierungen.

Den Machtwechsel in Kiew bezeichnet er als „Staatsstreich“. Präsident Viktor Janukowitsch sei legitim im Amt gewesen. Die anschließend entstandene ukrainische Führung habe Nationalismus und antirussische Politik vorangetrieben.

Netschajew verweist zudem auf die russischsprachige Bevölkerung im Donbass und stellt die Abspaltung der Gebiete sowie die Krim-Annexion als Ausübung eines Selbstbestimmungsrechts dar.

Auch dies ist die russische Rechtsauffassung – nicht die international überwiegend anerkannte völkerrechtliche Bewertung. Die Vereinten Nationen erkennen die von Russland beanspruchten Gebietsveränderungen nicht als rechtmäßig an; die Krim gilt international weiterhin als Teil der Ukraine.

Netschajews Kernargument lautet dennoch: Russland habe den Konflikt nicht begonnen, sondern sei auf eine Entwicklung gestoßen, die über Jahre eskaliert sei.

Die Minsker Vereinbarungen hätten danach acht Jahre lang eine friedliche Lösung ermöglichen sollen. Die Ukraine habe wesentliche Verpflichtungen nicht umgesetzt. Russland habe noch Ende 2021 gegenüber den USA und der NATO versucht, neue Sicherheitsvereinbarungen auszuhandeln. Erst nachdem diese Versuche gescheitert seien, sei es zum bewaffneten Konflikt gekommen.

Damit zeichnet Netschajew den Februar 2022 nicht als Ausgangspunkt, sondern als Endpunkt einer langen Eskalationskette.

Bucha und Boris Johnson: besonders problematische Behauptungen

An einigen Stellen geht Netschajew noch erheblich weiter.

Er behauptet beispielsweise, der Fund zahlreicher getöteter Zivilisten in Bucha im Frühjahr 2022 sei eine gegen Russland inszenierte Provokation gewesen. Zudem stellt er die These auf, der damalige britische Premierminister Boris Johnson habe einen bereits weit fortgeschrittenen russisch-ukrainischen Friedensprozess verhindert beziehungsweise der ukrainischen Führung untersagt, ein entsprechendes Abkommen zu unterzeichnen.

Solche Aussagen dürfen journalistisch nicht als gesicherte Tatsachen wiedergegeben werden.

Insbesondere zu Bucha liegen umfangreiche internationale Untersuchungen vor, die russischen Streitkräften die Tötung von Zivilisten während der Besetzung zuschreiben. Auch die Behauptung, Johnson habe ein fertiges Friedensabkommen schlicht „verboten“, ist in dieser Absolutheit nicht belegt. Dass es im Frühjahr 2022 weitgehende Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine gab und dass westliche Regierungen Einfluss auf die ukrainische Entscheidungsfindung nahmen, ist davon zu unterscheiden.

Gerade diese Passagen zeigen, weshalb ein solches Interview nicht einfach als alternative Geschichtsschreibung gelesen werden sollte. Es ist die Darstellung eines hochrangigen Vertreters einer Kriegspartei – und damit zugleich eine wichtige Primärquelle und interessengeleitete Darstellung.

Harte Kritik an deutschen Medien

Netschajew macht für die dramatisch veränderte Einstellung vieler Deutscher gegenüber Russland neben der Bundesregierung auch die Medien verantwortlich.

Wenn der Bevölkerung auf allen Ebenen immer wieder gesagt werde, Russland sei schlecht, Russland sei der Aggressor und Putin sei schlecht, während andere Informationsquellen blockiert würden, entstehe zwangsläufig ein bestimmtes Bild.

Russische Medien seien in Deutschland beziehungsweise der EU blockiert worden, Journalisten hätten das Land verlassen müssen und die russische Perspektive komme kaum noch vor.

Seine Erklärung lautet sinngemäß: Wer täglich nur eine Version höre, werde diese irgendwann glauben.

Noch weiter geht Netschajew mit der Andeutung, einige ausländische Kräfte hätten seit Jahrhunderten kein Interesse an einer engen deutsch-russischen Zusammenarbeit. Auf Berndts Nachfrage, wen er damit meine, antwortet der Botschafter ausweichend: Man müsse aus der europäischen Geschichte lediglich „dreimal raten“.

Damit bleibt er bewusst im Bereich der Andeutung.

Was Russland nach Netschajews Worten für Frieden verlangt

Am Ende stellt Berndt die vielleicht entscheidende Frage des gesamten Gesprächs:

Was braucht es für Frieden?

Netschajew nennt zunächst „guten Willen“ der ukrainischen Führung und eine „vernünftige Position“ der europäischen Staaten. Ultimaten werde Russland weder ernsthaft prüfen noch akzeptieren.

Interessant ist dabei seine deutlich positivere Beurteilung der amerikanischen Seite. Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump sei ernsthaft an einer Lösung interessiert. Bestimmte amerikanische Überlegungen seien für Russland akzeptabel gewesen und hätten eine Grundlage für Gespräche darstellen können. Widerstand sei dagegen aus Teilen Europas gekommen.

Eine kurzfristige Waffenruhe lehnt Netschajew ausdrücklich ab.

„Provisorische Waffenruhe – darum geht es nicht.“

Russland wolle einen dauerhaften Frieden mit Sicherheitsgarantien. Die konkreten Bedingungen seien Kiew und den westlichen Staaten bekannt und von Präsident Putin sowie Außenminister Sergej Lawrow mehrfach formuliert worden.

Netschajew zählt diese Bedingungen im Interview an dieser Stelle allerdings nicht vollständig auf. Damit bleibt ausgerechnet bei der entscheidenden Friedensfrage ein erheblicher Interpretationsraum.

Ein Interview, das man hören sollte – ohne alles glauben zu müssen

Das Bemerkenswerte an Ben Berndts Gespräch liegt deshalb nicht darin, dass Netschajew eine vermeintlich „richtige“ Geschichte des Ukrainekrieges erzählt.

Das tut er nicht.

Er erzählt die russische Geschichte dieses Konfliktes.

Aber genau das ist journalistisch relevant.

Denn wer verstehen will, weshalb sich Europa und Russland heute in einer gefährlichen Konfrontation befinden, muss nicht nur wissen, wie Berlin, Brüssel, Washington oder Kiew die Lage bewerten. Er muss ebenso wissen, welches Bedrohungsbild Moskau formuliert, welche historischen Erfahrungen dort angeführt werden und an welchen Punkten Russland rote Linien für sich reklamiert.

Netschajews Botschaft an Deutschland enthält dabei einen kaum auflösbaren Widerspruch:

Auf der einen Seite steht die ausdrückliche Versicherung:

Russland will keinen Krieg mit Deutschland.

Auf der anderen Seite sagt derselbe Botschafter, Russland kämpfe praktisch bereits gegen die NATO. Er spricht über mögliche legitime Ziele außerhalb der Ukraine, verweist auf die russische Nukleardoktrin und fügt hinzu:

„Unsere Geduld ist auch nicht grenzenlos.“

Gerade in dieser Spannung liegt der eigentliche Nachrichtenwert des Interviews.

Ben Berndt hat seinem Gast die Möglichkeit gegeben, die russische Sicht über mehr als eine Stunde zusammenhängend darzustellen – einschließlich Aussagen, denen man widersprechen kann und an manchen Stellen widersprechen muss. Die Alternative dazu wäre allerdings, diese Positionen gar nicht mehr zu hören.

Und das wäre in einer Situation, in der beide Seiten selbst davon sprechen, eine weitere Eskalation vermeiden zu wollen, möglicherweise die gefährlichere Variante.

Hinweis zur Einordnung: Dieser Artikel gibt wesentliche Aussagen des russischen Botschafters Sergej Netschajew aus dem Gespräch bei „ungeskriptet“ wieder. Aussagen zur Verantwortung für den Ukrainekrieg, zu Bucha, zum Maidan, zur Krim, zu NATO-Zusicherungen und zu einzelnen militärischen Ereignissen stellen teilweise die offizielle russische Position dar und sind international umstritten beziehungsweise werden von westlichen Regierungen und internationalen Organisationen anders bewertet. Das Interview selbst ist deshalb als Primärquelle für die russische Position zu lesen, nicht als unabhängiger Tatsachennachweis.