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Die Goldschmiede, die Bank und die Erfindung der Geldschöpfung - Die Geschichte des Geldes (Teil 3)

08. Februar 2026 // geschrieben von Manfred
Die Geschichte des Geldes 3/7

Als Europa begann, sich langsam vom Metallgeld zu lösen, geschah dies nicht durch einen großen Plan oder eine theoretische Einsicht. Der Übergang vollzog sich beiläufig, fast unbemerkt, in Werkstätten, Lagerräumen und Tresoren. Er wurde nicht von Königen entworfen, sondern von Handwerkern – genauer gesagt von Goldschmieden.

Die Lösung für ein praktisches Problem

Im England des 17. Jahrhunderts geriet das bestehende Geldsystem ins Stocken. Silber- und Goldmünzen waren knapp, ihr Gewicht oft manipuliert, ihr Wert unsicher. Der Handel litt, Vertrauen schwand, Transaktionen wurden riskant. Geld war zwar vorhanden, aber es zirkulierte nicht mehr zuverlässig.

In dieser Situation begannen wohlhabende Bürger, ihre Münzen bei Goldschmieden zu hinterlegen. Diese verfügten über sichere Tresore und genossen lokales Vertrauen. Als Gegenleistung stellten sie Quittungen aus – schriftliche Belege darüber, dass eine bestimmte Menge Gold oder Silber hinterlegt worden war. Zunächst waren diese Zettel nichts weiter als Lagerbescheinigungen.

Doch schon bald änderte sich ihre Funktion.

Wenn ein Beleg zum Geld wird

Die Quittungen begannen zu zirkulieren. Statt das Gold selbst abzuholen, gaben die Besitzer die Zettel weiter. Der Empfänger akzeptierte sie, weil er wusste, dass sie jederzeit gegen Metall eingelöst werden konnten. Aus dem Beleg wurde ein Zahlungsmittel.

Damit war ein entscheidender Schritt vollzogen: Geld begann, sich vom physischen Träger zu lösen, ohne ihn vollständig aufzugeben. Die Quittung war noch gedeckt, aber sie bewegte sich schneller, einfacher und sicherer als das Metall selbst. Vertrauen verlagerte sich vom Objekt zum Emittenten.

Die Goldschmiede erkannten rasch, was das bedeutete.

Der Moment, in dem Geld aus dem Nichts entsteht

Da nur ein Bruchteil der Kunden gleichzeitig ihr Gold zurückforderte, begannen die Goldschmiede, mehr Quittungen auszugeben, als sie Metall besaßen. Kredite wurden nicht mehr in Münzen vergeben, sondern in Papier. Geld wurde geschöpft, nicht mehr nur verwahrt.

Das System funktionierte – solange Vertrauen bestand. Solange die Kunden glaubten, ihre Forderungen jederzeit einlösen zu können, wurde diese Möglichkeit kaum genutzt. Geld entstand nicht mehr aus Knappheit, sondern aus Erwartung.

Hier liegt der Ursprung der modernen Geldschöpfung. Nicht als Betrug, sondern als strukturelle Innovation. Ein System, das Effizienz schuf, Wachstum ermöglichte und Risiken verteilte – aber auch eine neue, unsichtbare Fragilität einführte.

Wenn Vertrauen politisch wird

Diese Fragilität trat offen zutage, als der englische König beschloss, seine Schulden nicht mehr zu bedienen. Die Nachricht löste Panik aus. Gläubiger verlangten ihr Geld zurück, doch das Gold war längst verliehen. Das System kollabierte nicht wegen eines technischen Fehlers, sondern wegen politischer Willkür.

Die Krise machte etwas sichtbar, das zuvor verdeckt war: Geld, das auf Vertrauen basiert, ist nur so stabil wie die Ordnung, die dieses Vertrauen schützt.

Die Antwort darauf war nicht die Rückkehr zum Metall, sondern eine institutionelle Neuerfindung.

Die Bank als Vertrauensmaschine

Mit der Thronbesteigung von Wilhelm von Oranien und der Einschränkung königlicher Macht entstand ein neues Fundament. Das Parlament übernahm Kontrolle über Staatsfinanzen, Steuern sicherten Rückzahlungen, und erstmals wurde Vertrauen rechtlich verankert.

1694 entstand die Bank of England. Sie war keine staatliche Behörde, sondern eine private Institution mit öffentlicher Aufgabe. Ihr Kapital wurde dem Staat geliehen, ihre Banknoten waren durch Edelmetall gedeckt, ihre Existenz durch politische Regeln abgesichert.

Das Entscheidende war nicht das Gold im Tresor, sondern der institutionelle Rahmen. Vertrauen wurde nicht mehr persönlich, sondern systemisch. Geld erhielt Stabilität durch Regeln, nicht durch Charakter.

Die dauerhafte Verschiebung

Mit dieser Entwicklung veränderte sich das Geld endgültig. Es war nun nicht mehr nur ein Tauschmittel, sondern ein Kreditversprechen. Sein Wert beruhte weniger auf dem, was vorhanden war, als auf dem, was erwartet wurde. Wachstum wurde möglich, aber auch Abhängigkeit.

Dieses Muster ist kein historischer Sonderfall. Immer wenn Geld über Kredite entsteht, wächst die Wirtschaft schneller als die materielle Basis. Das funktioniert erstaunlich lange. Und es wirkt stabil – bis politische Entscheidungen, externe Schocks oder Vertrauensverluste die verborgene Konstruktion sichtbar machen.

Die offene Frage

Die Erfindung der Geldschöpfung war ein Triumph der Organisation über die Knappheit. Sie machte moderne Volkswirtschaften erst möglich. Doch sie band Stabilität unauflöslich an Vertrauen in Institutionen.

Was geschieht, wenn dieses Vertrauen nicht mehr selbstverständlich ist, sondern eingefordert werden muss?

Diese Frage blieb im 17. Jahrhundert unbeantwortet. Sie sollte später mit Wucht zurückkehren – zuerst in revolutionären Zeiten, dann in nationalen Zusammenbrüchen.

Fortsetzung folgt in Teil 4: Frankreich und die Assignaten – Inflation als politische Gewalt.

Die Geschichte des Geldes – warum sich alles immer wieder reimt

  1. Teil 1: Der Moment, in dem Geld zur Macht wurde

  2. Teil 2: Papier, Befehl und Vertrauen – wie Geld immateriell wurde

  3. Teil 3: Die Goldschmiede, die Bank und die Erfindung der Geldschöpfung

  4. Teil 4: Frankreich und die Assignaten – Inflation als politische Gewalt

  5. Teil 5: Deutschland 1923 – wenn Geld stirbt, zerfällt die Gesellschaft

  6. Teil 6: Der Goldstandard – Stabilität, Illusion und systemischer Fehler

  7. Teil 7: Fiat-Geld, Schuldenzyklen und Bitcoin – unsere Gegenwart im Spiegel der Geschichte

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