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Ein Dorf, eine Wirtschaft – und plötzlich ein Pranger

13. Januar 2026 // geschrieben von Manfred
Tina und Alex von der "Alten Brauerei" in Isselbach

Isselbach ist klein. Rund 400 Einwohner, ländlich geprägt, überschaubar wie viele Orte im Rhein-Lahn-Kreis in Rheinland-Pfalz. Früher, erzählen die Leute, gab es im Ort und in den Nachbarorten mehrere Gaststätten – fünf sollen es einmal gewesen sein. Heute ist davon im Kern nur noch eines übrig: die „Alte Brauerei“, geführt von Alex und Tina, einem Geschwisterpaar, das mit diesem Haus nicht nur seinen Lebensunterhalt verbindet, sondern ein Stück Dorfgeschichte. Wer hier einkehrt, spürt schnell: Das ist kein beliebiges Lokal, das ist ein Ort mit Wurzeln.

1881 bekam der Familienbetrieb die Konzession zum Ausschank, die Brauerei existierte nach den alten Aufzeichnungen offenbar sogar schon einige Jahre davor. Alex arbeitet seit seinem 15. Lebensjahr hier mit, inzwischen in fünfter Generation. Hinter dem Haus stand einst die Brauerei, ein altes Backsteingebäude – früher Eisspeicher mit Bierkeller – erinnert noch daran. Und das Bier? Das wird heute wieder mit Stolz ausgeschenkt: ein eigenes Bier, neu aufgelegt in Kooperation mit „Hof Schauferts“, überregional bekannt. Bodenständigkeit, gutes Essen, ehrliche Preise, ein Haus, das nicht nur besucht wird, sondern gebraucht wird.

Zwölf Menschen verdienen hier ihr Einkommen. Die „Alte Brauerei“ ist Speiselokal und Begegnungsstätte zugleich, ein soziales Scharnier im Tal: Kirmes unterstützen, bei Veranstaltungen mithelfen, den autofreien Tag mit Essen und Erfrischungen für Radfahrer begleiten – solche Dinge laufen in Orten wie Isselbach nicht nebenbei, sie funktionieren nur, wenn jemand sie mitträgt. Alex ist im Hauptberuf Notfallsanitäter, ein Macher, keiner, der nach Aufmerksamkeit sucht. Tina ist im Ort verankert und für viele die erste Ansprechpartnerin – auch, weil ihre Nummer die ist, die man fürs Lokal kennt. Und genau das wurde ihr in den Tagen vor dem Bürgerdialog zum Verhängnis.

Neutral bewirten – bis es plötzlich „nicht mehr geht“

Für Alex und Tina war es über Jahre selbstverständlich, Gruppen, Vereine und ja, auch Parteien zu bewirten. Nicht als politische Botschaft, sondern als gelebte Normalität einer Gaststätte: Wer sich benimmt, kann kommen. Alex beschreibt es nüchtern: Die AfD habe sich seit dem Frühjahr regelmäßig getroffen, Vorstandsstammtisch, Vorstandsrunden, später ein nachgeholtes Sommerfest und schließlich die Weihnachtsfeier. Es sei ruhig gewesen, niemand habe Parolen gebrüllt, niemand Gäste angegangen. Genau so, wie es in einem Gasthaus eben laufen sollte, wenn Menschen zusammenkommen.

Der Bruch kam schleichend – und dann abrupt. Schon im Spätsommer, etwa August oder September, seien Nachbarn aufgetaucht und hätten gesagt, man solle „denen“ keine Tür öffnen. Als Tina entgegnete, es sei ein öffentlicher Raum und wer sich ordentlich verhält, könne auch bewirtet werden, war das für manche offenbar keine akzeptable Antwort. Spätestens kurz vor Weihnachten, als bekannt wurde, dass am 9. Januar 2026 ein AfD-Bürgerdialog in der „Alten Brauerei“ stattfinden sollte, wurde aus Missbilligung Druck. Auf dem Weihnachtsmarkt in Limburg – nicht einmal im eigenen Ort, sondern in fremder Umgebung – trat eine Nachbarin an Tina heran und stellte unmissverständlich klar: Das „hätte Konsequenzen“, wenn die Veranstaltung stattfinde.

Was mit „Konsequenzen“ gemeint war, erlebten die beiden danach nicht als abstrakte Drohung, sondern als alltägliche Zermürbung. Tina berichtet, wie aus Gesprächen Stimmung wurde, aus Stimmung Gerede, aus Gerede soziale Ächtung. In Eppenrod – wo man die Kirmes mangels eigener Gaststätte in den letzten Jahren teils mit Alex und Tina organisiert hatte – sei im Vorfeld massiv diskutiert worden, man könne „da“ nicht mehr hingehen. Plötzlich wurden nicht nur Parteiveranstaltungen problematisiert, sondern die Wirte selbst politisch markiert, als hätten sie sich „solidarisiert“, obwohl sie genau das ausdrücklich verneinen. Tina brachte es in einem Satz auf den Punkt, der mehr über diese Wochen sagt als jedes Schlagwort: Sie könne doch nicht jedes Mal, wenn jemand anruft, erst einmal fünfzehn Leute nach der Gesinnung befragen.

Wenn Einschüchterung in Tränen endet

Die Wucht traf Tina am stärksten. Nicht, weil Alex unberührt wäre – im Gegenteil: Beide sprechen von einer schweren Woche, von Angst, von Nächten, in denen man schlecht oder kaum schläft, weil die Gedanken kreisen: Was passiert jetzt? Kommt jemand ans Haus? Wird etwas beschädigt? Doch während Alex sagt, ihn habe kaum jemand direkt angegangen, lief bei Tina alles auf. Ihre Nummer ist präsent, ihre Erreichbarkeit wurde zur Angriffsfläche. Nachrichten, Andeutungen, offene Abwertung – und vor allem dieses Denunzieren über Dritte: Freundeskreise, Eltern, Dorfgemeinschaften. Tina schildert, wie sich das wie ein Lauffeuer verbreitete, wie Menschen, die sie seit Jugendtagen kennen, ihren Namen offen nennen, als wäre sie plötzlich jemand anderes geworden. „Meine Schwester hat fast jeden Tag da gesessen und so manche Träne ist geflossen“, sagt Alex. Und das ist der Moment, in dem man begreift, worum es hier wirklich geht: nicht um eine abstrakte Debatte über Parteien, sondern um das Zerbrechen sozialer Beziehungen durch moralische Erpressung.

Die Veranstaltung selbst, so zeigen es unsere Eindrücke vor Ort, verlief ruhig. Draußen gab es Gegenprotest, aber relativ gesittet – nicht zuletzt, weil die Polizei präsent war und die Lage kontrollierte. Es stand im Raum, dass auch Gruppen aus dem linksextremen Spektrum anreisen könnten, der Begriff „Antifa“ fiel als Ankündigung. Am Ende blieb Isselbach von körperlichen Übergriffen und Sachbeschädigungen verschont. Doch wer glaubt, damit sei alles halb so wild, verkennt, wie moderne Einschüchterung funktioniert. Sie muss keine Scheiben einschmeißen, um zu wirken. Sie zielt auf Ruf, Geschäft, Existenz.

Dazu passen die Berichte über negative Bewertungen in sozialen Netzwerken und bei Google. Plötzlich tauchen Ein-Stern-Rezensionen auf, die von einem „grausamen Essen“ sprechen oder Dinge behaupten, die nicht zum bekannten Bild des Hauses passen. Alex sagt offen: Bei dem Durchlauf an Gästen in den Feiertagen könne es theoretisch sein, dass jemand wirklich dort war – aber die Häufung und der Zeitpunkt wirken wie ein Muster. Und tatsächlich dürfte hier die Antifa-Szene ihre Finger im Spiel haben. Eine Rezension stammt von "Ann-Kathrin 161". Die "161" ist ein Antifa-Szenecode und steht für "Antifaschistische Aktion".

Gleichzeitig schreiben andere bewusst positive Rezensionen, um gegenzusteuern. Solidarität entsteht, ja. Aber sie entsteht als Reaktion auf Angriff, nicht als Normalzustand. Und auch das ist eine Form der Spaltung: Die einen bleiben demonstrativ weg, die anderen kommen demonstrativ erst recht.

Demokratie lebt vom Gespräch – nicht vom Boykott

Was Alex und Tina in diesen Tagen immer wieder betonen, ist bemerkenswert unaufgeregt. Sie verteidigen keine Partei, sie verteidigen ein Prinzip. Alex sagt sinngemäß: Wenn er zusagt, hält er sein Wort. Das sei sein ganzes Leben so gewesen, und das bleibe so – auch dann, wenn es „Konsequenzen“ gibt. Für ihn ist es ein Eingriff in persönliche Freiheit und wirtschaftliche Autonomie, wenn andere ihm vorschreiben wollen, wen er bewirten darf. Tina sagt, sie habe nie Menschen gemieden, egal ob „bunt“, „rot“ oder „dunkelrot“ – und sie habe ebenso klare Grenzen gezogen, wenn jemand sich danebenbenimmt, auch gegenüber „braun gerichteten“ Mitbürgern: Wer sich nicht benehmen kann, fliegt. Genau dieses „leben und leben lassen“ ist es, was in Isselbach plötzlich nicht mehr gelten sollte.

Das Bittere daran ist die Verdrehung. Wer anderen ständig „Ausgrenzung“ vorwirft, betreibt sie hier selbst. Wer sich auf „Toleranz“ beruft, erklärt sie für beendet, sobald ein Gasthaus neutral bleibt. Wer „Demokratie“ ruft, versucht, einen Bürgerdialog zu verhindern, nicht indem er argumentiert, sondern indem er den Ort und die Betreiber moralisch zerstört. Tina sagt, eine Gegendemonstration sei ihr gutes Recht – damit habe sie kein Problem. Das Problem seien die persönlichen Angriffe, das Denunzieren der Gaststätte, die Stigmatisierung ihrer Person und ihres Bruders. Genau hier kippt Protest in Einschüchterung.

Das Muster ist nicht neu. In Elz und Offheim, in der Region bei Limburg, gab es ähnliche Fälle, in denen Wirte unter massivem Druck gerieten, weil sie Räume für politisch unerwünschte Veranstaltungen bereitstellten. Dort war die existenzielle Bedrohung teils so stark, dass Verträge in Frage standen oder Wirte sich öffentlich distanzierten. In anderen Orten eskalierte es sogar bis zu Schmierereien und eingeworfenen Scheiben. Isselbach ist davon bislang verschont geblieben – noch. Aber die Mechanik dahinter ist dieselbe: Wer das Gespräch nicht führen will, versucht, das Gespräch zu verhindern. Wer eine Meinung nicht aushält, greift den Ort an, an dem sie ausgesprochen werden könnte.

Alex wirkt trotz allem kämpferisch. Er sagt, sie seien immer noch dieselben Menschen wie vorher, „keine anderen Haltungen“. Tina ist ebenfalls standhaft, aber man merkt: Der Preis ist hoch. Enttäuschung darüber, wie schnell ein Dorf bereit ist, zu verurteilen, statt zu fragen. Erschrecken darüber, wie selbstverständlich manche glauben, über Moral Macht ausüben zu dürfen. Und genau deshalb ist diese Geschichte größer als ein einzelner Abend. Sie ist ein Spiegel für eine Gesellschaft, die verlernt, Differenzen auszuhalten.

Demokratie besteht nicht darin, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie besteht darin, dass man überhaupt noch miteinander reden darf – und dass niemand dafür bestraft wird, Räume für dieses Reden bereitzustellen. Wer das nicht akzeptiert, hat kein „Haltung“-Problem. Er hat ein Demokratieproblem.

 

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