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Ruhige Töne, viele Kümmerer

21. Februar 2026 // geschrieben von Manfred

Am 20.02.2026 lud die SPD Limburg-Weilburg im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Lass uns reden“ zu einem Wahlkampfabend nach Limburg-Staffel. Rund 35 bis 40 Besucherinnen und Besucher fanden sich ein, überwiegend Parteimitglieder und kommunalpolitisch Engagierte. Die Atmosphäre war ruhig, sachlich und frei von Begleiterscheinungen, die man inzwischen von anderen politischen Veranstaltungenkennt: keine Polizeipräsenz, kein Gegenprotest, keine aufgeheizte Stimmung. Auch im Vorfeld gab es keinerlei Berichte über Einschüchterungsversuche gegenüber Gastwirten oder Veranstaltern. Hier blieb die linksradikale Antifa erwartungsgemäß fern.

Auch der Fingerklopfer, der in Corona-Zeiten von Teilen der SPD noch offen angefeindet worden war, wurde freundlich empfangen – so, wie man es in einer funktionierenden demokratischen Kultur erwarten darf.

Bottom-up statt Berlin

Moderiert wurde der Abend vom Landtagsabgeordneten Tobias Eckert, der gleich zu Beginn den thematischen Rahmen setzte. Bundespolitik spielte kaum eine Rolle. Stattdessen betonte Eckert, dass Demokratie nicht in Berlin beginne, sondern in Gemeinden, Stadtverordnetenversammlungen und Kreistagen. Die SPD wolle bewusst über die Lebenswirklichkeit im Landkreis Limburg-Weilburg sprechen – über das, was vor Ort entschieden werde und unmittelbare Auswirkungen habe.

Dieser „Bottom-up“-Ansatz unterschied die Veranstaltung deutlich von vielen anderen politischen Formaten. Während dort häufig bundespolitische Großthemen dominieren, blieb der Blick an diesem Abend konsequent lokal.

Solide Kreisfinanzen als politisches Fundament

Den inhaltlichen Schwerpunkt setzte der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer, zugleich Spitzenkandidat der SPD-Kreistagsliste. Dass Sauer als Hauptamtlicher formal nicht wählbar ist, wurde offen thematisiert. Platz eins auf der Liste sei bewusst gewählt: Eine starke SPD im Kreistag sei Voraussetzung dafür, dass er seine Arbeit fortsetzen könne.

Ausführlich stellte Sauer die Finanzlage des Landkreises dar. Limburg-Weilburg sei derzeit der einzige Landkreis in Hessen mit einem ausgeglichenen Haushalt – einer „schwarzen Null“, die er ausdrücklich verteidigte. Sie sei kein ideologisches Ziel, sondern ein praktisches Instrument. Ein genehmigungsfreier Haushalt sichere Handlungsspielräume, verhindere Eingriffe der Aufsichtsbehörden und schütze freiwillige Leistungen, etwa für Vereine, soziale Träger oder kulturelle Angebote.

Am Ende, so Sauer, wirke sich diese Haushaltsdisziplin ganz konkret auf die Bürger aus: über stabile Umlagen, geringeren Druck auf Kommunen – und indirekt auch auf Steuern und Gebühren.

Müll, Klima und ein greifbares Zukunftsprojekt

Besonders konkret wurde Sauer beim Thema Abfallwirtschaft. Im Mittelpunkt stand die Weiterentwicklung der MBS-Anlage in Rennerod in Verbindung mit dem Pyreg-Verfahren. Künftig soll der aus Restmüll gewonnene Brennstoff nicht mehr verbrannt, sondern karbonisiert werden. Die entstehende Pflanzenkohle bindet CO₂ dauerhaft und wirkt damit als CO₂-Senke.

Nach Darstellung Sauers handelt es sich um einen echten Systemwechsel: Klimaschutz nicht als Kostenfaktor, sondern als technologische Chance. Durch den Wegfall von CO₂-Abgaben könne der Landkreis langfristig stabile Müllgebühren gewährleisten – trotz steigender Personal- und Betriebskosten. Ein seltenes Beispiel dafür, dass ökologische Innovation und unmittelbarer finanzieller Nutzen für die Bürger zusammenfallen.

Gesundheit als kommunale Verantwortung

Ein weiterer Schwerpunkt lag im Bereich der Gesundheitsversorgung. Sauer verwies auf die Übernahme der Neurologie in Weilmünster, die andernfalls geschlossen worden wäre, sowie auf den Ausbau medizinischer Strukturen im Landkreis. Stipendienprogramme für Medizinstudierende, der Aufbau eines kreiseigenen medizinischen Versorgungszentrums, das Projekt „CAT-Retter“ und die neu eingeführte „Hebamme vor Ort“ wurden als Beispiele genannt, wie der Landkreis dort einspringe, wo Marktmechanismen oder übergeordnete Systeme an ihre Grenzen stoßen.

Gesundheit wurde dabei nicht als Sparposten, sondern als grundlegendes Recht verstanden – ein klassisches sozialdemokratisches Leitmotiv, das an diesem Abend mehrfach betont wurde.

Schule und Ganztag: Die nächste Großbaustelle

Beim Thema Bildung und Betreuung setzte Michael Uhl, Vorsitzender des Kreistags, eigene Akzente. Er verwies auf dreistellige Millionenbeträge, die in den vergangenen Jahren in die Sanierung und Modernisierung der Schulen geflossen seien. Damit sei jedoch nur die Grundlage geschaffen worden.

Die eigentliche Herausforderung stehe erst bevor: der gesetzlich verankerte Anspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Ab dem kommenden Schuljahr zunächst für die ersten Klassen, bis 2029/30 für alle Grundschulkinder. Uhl machte deutlich, dass es dabei nicht nur um Gebäude gehe, sondern vor allem um Personal, Organisation und laufende Betriebskosten. Die Finanzierung sei bislang unzureichend geklärt, die Verantwortung werde faktisch an Kommunen und Kreise weitergereicht. Der Tenor: Man arbeite an Lösungen – doch der Kraftakt werde erheblich.

Wohnen als roter Faden des Abends

Kaum ein Thema zog sich an diesem Abend so konsequent durch mehrere Beiträge wie das Thema Wohnen. Dabei wurde deutlich, dass es längst nicht mehr um klassische Sozialpolitik geht, sondern um eine strukturelle Frage, die tief in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht. Wohnraummangel, steigende Mieten und fehlende Alternativen betreffen junge Familien ebenso wie Auszubildende, Fachkräfte oder ältere Menschen.

Wohnen erschien an diesem Abend als Knotenpunkt vieler Entwicklungen: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, kommunale Finanzen und sozialer Zusammenhalt. Auffällig war, dass es vor allem kommunalpolitisch erfahrene Mandatsträgerinnen und Mandatsträger waren, die diesem Thema breiten Raum gaben – vermutlich auch, weil sie in ihren Gemeinden täglich mit den praktischen Folgen konfrontiert sind. Wohnpolitik wurde dabei weniger als ideologisches Feld verhandelt, sondern als Frage konkreter Machbarkeit und langfristiger Verantwortung.

Planung, Verdichtung und soziale Sprengkraft

Silvia Scheu-Menzer, Bürgermeisterin von Hünfelden und stellvertretende Vorsitzende des Kreistags, näherte sich dem Thema Wohnen aus einer planerischen Perspektive. Als Architektin und Stadtplanerin beschrieb sie einen grundlegenden Wandel der Wohnbedarfe im Landkreis. Über Jahrzehnte habe man vor allem auf Einfamilienhäuser gesetzt – ein Modell, das heute weder flächenmäßig noch sozial zukunftsfähig sei.

Scheu-Menzer plädierte für maßvolle Verdichtung und mehr Geschosswohnungsbau auch im ländlichen Raum. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Hochhäuser, sondern um neue Wohnformen für kleinere Haushalte, ältere Menschen und Alleinstehende. Gleichzeitig warnte sie vor pauschaler Investorenkritik. Viele Projekte im Landkreis seien keine renditegetriebenen Großinvestments, sondern wirtschaftlich knapp kalkulierte Vorhaben lokaler Akteure.

Deutlich wurde auch die Grenze kommunalen Handelns. Förderprogramme wie der frühere Zukunftsfonds hätten wichtige Impulse gesetzt, seien aber finanziell nicht dauerhaft tragfähig. Wohnen, so Scheu-Menzers Fazit, sei längst keine rein technische Frage mehr, sondern entwickle sich zu einem gesellschaftlichen Sprengstoff, der sozialen Zusammenhalt gefährde.

Kommunale Realität zwischen Pflichtaufgaben und Wohnungsnot

Auch Alicia Bokler-Schmidt, Bürgermeisterin von Villmar, griff das Thema Wohnen auf – jedoch stärker aus Sicht der kommunalen Praxis. Sie schilderte die strukturelle Zwickmühle vieler Städte und Gemeinden: wachsende Pflichtaufgaben, steigende Standards, Förderprogramme mit notwendiger Kofinanzierung – bei gleichzeitig schrumpfenden finanziellen Spielräumen. Grundsteuererhöhungen seien politisch heikel, aber vielfach das letzte verbliebene Instrument.

Beim Thema Wohnraum machte Bokler-Schmidt deutlich, dass dessen Mangel längst weit über klassische Sozialpolitik hinausgehe. Junge Familien fänden keine Wohnungen, Auszubildende könnten sich selbst kleine Einheiten kaum leisten, Fachkräfte zögerten, in den Landkreis zu ziehen. Ohne bezahlbaren Wohnraum keine Fachkräfte – ohne Fachkräfte keine Entwicklung. Wohnpolitik müsse daher immer gemeinsam mit Mobilität, Betreuung und Infrastruktur gedacht werden.

Landespolitik als Rahmen, nicht als Ausrede

Tobias Eckert griff mehrfach landespolitische Aspekte auf, ohne den kommunalen Fokus zu verlassen. Er verwies auf Reformen im hessischen Baurecht, die schnelleres, einfacheres und günstigeres Bauen ermöglichen sollen – etwa beim Dachgeschossausbau oder bei Genehmigungsverfahren. Verwaltungen setzten letztlich nur um, was der Gesetzgeber vorgebe. Wenn Prozesse zu kompliziert seien, liege die Verantwortung nicht bei den Ämtern, sondern bei der Politik auf Landesebene.

Weitere Reformpakete seien in Arbeit, allerdings bewusst nicht im Schnellverfahren, sondern in Abstimmung mit Fachverbänden und Kommunen.

Fragerunde ohne Reibung

Die anschließende Fragerunde blieb ruhig und erwartbar. Thematisch dominierten Wohnen, Pflege, Altersarmut und die Rolle von Vereinen. Kritische Nachfragen zielten weniger auf politische Grundsatzentscheidungen als auf praktische Umsetzbarkeit. Die Antworten bewegten sich im bekannten SPD-Koordinatensystem: prüfen, fördern, beraten, vernetzen. Harte Kontroversen blieben aus.

Fazit: Verwaltung kann die SPD – Vision bleibt offen

Der Abend zeigte eine SPD, die ihre Stärke klar in der Verwaltungskompetenz sieht. Die Akteure kennen Prozesse, Zuständigkeiten und Fördertöpfe, sie wissen, wie man Systeme stabil hält und soziale Schieflagen organisiert abfedert. Verantwortung wird nicht geleugnet, sondern ausdrücklich reklamiert.

Auffällig blieb jedoch, worüber nicht gesprochen wurde: Wirtschaft, arbeitende Bevölkerung, Steuerzahler, Finanzierungsprobleme in den Sozialversicherungen, Handwerk, Sicherheit im öffentlichen Raum, Stadtbild oder das zunehmende Fremdheitsgefühl in Teilen der Gesellschaft. Auch große Zukunftsthemen wie demografischer Wandel oder künstliche Intelligenz spielten keine Rolle.

Die SPD präsentierte sich in Limburg-Staffel als Partei der Ordnung, des Kümmerns und der Kontinuität. Für viele mag genau das beruhigend sein. Ob es genügt, um über den eigenen Kern hinaus zu mobilisieren, bleibt offen.

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