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Die Blase im Herzen der Demokratie

18. Februar 2026 // geschrieben von Manfred
Joana Cotar im Interview bei Jasmin Kosubek (Quelle: Youtube)

Was passiert mit einem Menschen, der jahrelang mitten im Machtzentrum sitzt, dort arbeitet, entscheidet, profitiert – und am Ende sagt: So kann das nicht weitergehen? Die Erfahrungen der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Joana Cotar sind genau deshalb so unbequem, weil sie nicht von außen kommen. Sie stammen aus acht Jahren im Deutschen Bundestag – erzählt im Gespräch mit der freien Journalistin Jasmin Kosubek und verdichtet in Cotars Buch Inside Bundestag. Es ist kein polemischer Rundumschlag, sondern ein ernüchternder Bericht darüber, wie ein System Menschen verändert – und warum gute Absichten darin oft keine Chance haben.

Eine halbe Million pro Abgeordnetem – und das ist nur der Anfang

Die Zahl wirkt fast surreal, gerade weil sie so nüchtern vorgetragen wird: Rund eine halbe Million Euro pro Jahr kostet ein Bundestagsabgeordneter den Steuerzahler – Diäten, steuerfreie Pauschalen, Mitarbeiter, Büros. Dazu kommen Fahrdienste, Hardware, Reisen, Flüge. Cotar spricht nicht von abstrakten Milliarden, sondern von der alltäglichen Selbstverständlichkeit, mit der diese Mittel verfügbar sind. Nicht als Ausnahme, sondern als Grundrauschen parlamentarischer Arbeit.

Ihr Punkt ist dabei kein einfacher Sparappell. Sie betont ausdrücklich, dass viele Mitarbeiter hervorragende Arbeit leisten und manche Abgeordnete extrem hohe Arbeitslasten tragen. Doch genau darin liegt die Schieflage: Das System unterscheidet nicht. Es belohnt Einsatz nicht stärker als Gleichgültigkeit. Wer wenig leistet, kostet genauso viel wie jemand, der sich aufreibt – und genau diese Abwesenheit von Kontrolle sei der Nährboden für Zynismus.

Wenn Verschwendung normal wird

Besonders entlarvend sind die kleinen Mechaniken. Geld, das am Jahresende nicht ausgegeben wird, verfällt. Also wird bestellt. Nicht zwingend aus Bosheit, sondern aus Logik. Wer verzichtet, gilt nicht als vorbildlich, sondern als naiv. „Sonst nimmt es eben jemand anders“, lautet die stille Rechtfertigung. Cotar beschreibt diesen Prozess nicht anklagend, sondern analytisch: Ein Umfeld, das falsche Anreize setzt, produziert falsches Verhalten – selbst bei Menschen, die mit anderen Idealen gekommen sind.

Hier zeigt sich, was sie später immer wieder als „Blase Bundestag“ bezeichnet: ein Elfenbeinturm, in dem sich Privilegien entkoppeln vom Alltag derer, die sie finanzieren.

Reisen, Privilegien und der moralische Kurzschluss

Kaum ein Thema verdeutlicht diese Entkopplung so stark wie die Auslands- und Dienstreisen. Hunderte Reisen, Millionenbeträge, Einzeldienstreisen mit minimaler Rechtfertigung – bis irgendwann das Budget erschöpft ist und plötzlich Regeln verschärft werden. Für Cotar ist das bezeichnend: Nicht Einsicht, sondern Leere der Kasse erzwingt Korrekturen.

Gleichzeitig spart sie nicht mit Selbstkritik. Sie erzählt offen, wie sie selbst begann, Flüge statt Bahn zu nutzen – aus Sicherheitsgründen, aus Angst, abends allein an Bahnhöfen zu stehen. Ein Luxus, den der Bundestag ermöglicht, den aber nicht jede Bürgerin hat. Genau hier liegt der Kern ihrer Analyse: Politik predigt Verzicht, während sie sich selbst Alternativen schafft. Nicht aus Bosheit, sondern weil das System es erlaubt.

Parteien, Geld und die perfekte Fehlkonstruktion

Cotar geht weiter und beschreibt den Bundestag nicht als Ausnahme, sondern als Teil eines größeren Parteienstaats. Parteispenden, Mandatsträgerabgaben, Sponsoring, staatlich finanzierte Stiftungen, Fraktionsgelder – ein Geflecht, in dem Geld immer neue Wege findet. Legal, formal korrekt, demokratisch legitimiert. Und dennoch: zu viel Geld im System, zu viele Karrieren, die davon abhängen, zu viele Netzwerke, die sich selbst stabilisieren.

Ihr vielleicht radikalster Satz lautet: Es ist egal, wen man wählt – solange das System gleich bleibt, ändert sich nichts. Nicht die Partei korrumpiere zuerst, sondern die Mechanik. Wer lange genug bleibt, passt sich an. Auch jene, die angetreten sind, um „aufzuräumen“.

Ein Ausweg? Fachleute auf Zeit statt Parteikarrieren

Aus dieser Diagnose heraus erklärt sich Cotars heutiges Engagement beim Projekt Team Freiheit. Die Idee: Mandat und Parteimitgliedschaft trennen, Karrierepfade kappen, Fachleute für begrenzte Zeit in Parlamente schicken – ohne lebenslange Abhängigkeit von Listen, Netzwerken und innerparteilicher Loyalität. Ob dieses Modell tragfähig ist, bleibt offen. Aber es ist konsequent gedacht: Wer das Problem im System sieht, muss dort ansetzen.

Fazit: Das Problem ist nicht der Skandal, sondern die Gewöhnung

Joana Cotars Erfahrungen sind deshalb so verstörend, weil sie nicht von Einzelfällen erzählen. Sie erzählen von Normalität. Von einem politischen Betrieb, der sich an Zahlen gewöhnt hat, die draußen niemand mehr greifen kann. Von Privilegien, die sich moralisch verselbstständigen. Und von einer Demokratie, die Gefahr läuft, an ihrer eigenen Komfortzone zu ersticken.

Ihr Buch und das Interview liefern keine einfache Lösung. Aber sie stellen die richtige Frage: Wie viel Distanz zwischen Regierenden und Regierten verträgt eine Demokratie, bevor sie ihren Kern verliert?

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