Rekordzahlen als Ausgangspunkt – warum wir nachgefragt haben

Als die Stadt Limburg an der Lahn ihre jüngste Erfolgsmeldung veröffentlichte, klang das nach einer klaren Entwarnung: Das Gewerbesteueraufkommen erreicht mit 48,2 Millionen Euro einen neuen Rekord, der ursprünglich für 2025 geplante Fehlbetrag von rund 5,7 Millionen Euro verwandelt sich laut Finanzstatusbericht in einen Überschuss von etwa zwei Millionen Euro. Gleichzeitig investiert die Stadt mit über 22 Millionen Euro so viel wie nie zuvor.
Gerade diese Kombination aus überraschendem Haushaltsumschwung und Rekordinvestitionen war für uns Anlass, genauer nachzufragen. Denn noch im September war im Rathaus von einem deutlichen Minus die Rede. Wie belastbar ist diese finanzielle Wende – und was bedeutet sie für die kommenden Jahre?
Der Haushaltsumschwung: Rekord ja, Planung nur bedingt
In ihren Antworten bestätigt die Stadt, dass der Umschwung im Wesentlichen auf Nachzahlungen bei der Gewerbesteuer zurückzuführen ist, die in der zweiten Jahreshälfte eingingen. Diese seien grundsätzlich nicht vorhersehbar gewesen und daher im September noch nicht absehbar gewesen. Hinzu kamen höhere Vorauszahlungen, die an die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Unternehmen angepasst wurden.
Gleichzeitig stellt die Stadt klar: Nachzahlungen sind in der Regel Einmaleffekte. Zwar können sich positive Unternehmensentwicklungen oder Standortentscheidungen langfristig auswirken, ebenso möglich seien jedoch Rückgänge. Eine Quantifizierung, welcher Anteil der Rekordeinnahmen strukturell und welcher einmalig ist, nimmt die Stadt ausdrücklich nicht vor.
Hinzu kommt, dass von den Mehreinnahmen nur etwa 50 Prozent tatsächlich bei der Stadt verbleiben. Gewerbesteuerumlage, steigende Kreis- und Schulumlagen sowie sinkende Schlüsselzuweisungen schmälern den Effekt erheblich. Sichtbar wird die Volatilität auch an einer Rückzahlung von über einer Million Euro an ein Unternehmen, das inzwischen nicht mehr in Limburg ansässig ist – ausgelöst durch Sachverhalte, die fast zehn Jahre zurückliegen.
Blick nach vorn: 41 Millionen Euro – ohne Sicherheitsnetz
Für das Haushaltsjahr 2026 plant die Stadt mit 41 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen. Das ist weniger als im Rekordjahr, aber 1,5 Millionen Euro mehr als zuvor angesetzt. Grundlage sind die Entwicklung der vergangenen Jahre sowie Prognosen von Bund und Land. Gleichzeitig weist der Kämmerer darauf hin, dass die Erträge im Ergebnishaushalt stagnieren, während die Ausgaben – etwa für Personal – weiter steigen.
Was auffällt: Die Planung arbeitet mit konkreten Punktwerten, nicht mit Szenarien. Aussagen dazu, wie stark sich ein konjunktureller Abschwung auf die Einnahmen auswirken würde, macht die Stadt nicht. Auch bei den Sparvorgaben bleibt der Druck hoch: Für 2026 gilt weiterhin die politische Vorgabe, zwei Prozent im Ergebnishaushalt einzusparen, der aktuell nur durch Rücklagenentnahmen ausgeglichen werden kann.
Großprojekte und Kredite: Entscheidungen ohne Preisschild
Parallel zu den guten Zahlen steht eine ambitionierte Investitionsagenda. Neben laufenden Projekten stehen insbesondere der Neubau der zentralen Feuerwache, die Sanierung der Stadthalle sowie Maßnahmen im städtischen Wohnungsbau an. Dass diese Projekte mit hoher Wahrscheinlichkeit kreditfinanziert werden müssen, bestätigt die Stadt ausdrücklich.
Konkrete Kostenkorridore nennt der Magistrat jedoch bewusst nicht. Die Begründung: Früh genannte Zahlen würden später regelmäßig als Maßstab herangezogen, um Kostensteigerungen zu „belegen“, auch wenn sich Umfang und Ausgestaltung der Projekte noch verändern. Transparenz wird hier zugunsten politischer Vorsicht eingeschränkt.
Immerhin benennt die Stadt erstmals einen Zeitraum: Ab 2028/29 könnte es zu tatsächlichen Kreditaufnahmen kommen – abhängig vom Fortschritt der Projekte. Eine Zielgröße für die Verschuldung oder eine Priorisierung der Investitionen bleibt jedoch offen. Der aktuelle Schuldenstand liegt Ende 2025 bei rund 4,1 Millionen Euro, was einer Pro-Kopf-Verschuldung von etwa 92 Euro entspricht – ein niedriger Wert, der sich perspektivisch verändern dürfte.
Rücklagen, Risiken und die Grenzen der Transparenz
Beim Risikomanagement verweist die Stadt auf vorhandene Rückstellungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Kommunalen Finanzausgleich und Steuerschuldverhältnissen. In der Jahresrechnung 2024 summieren sich diese auf 52,6 Millionen Euro. Diese Mittel könnten bei Bedarf auch zur Abfederung von Gewerbesteuerschwankungen herangezogen werden. Ein speziell ausgewiesener Gewerbesteuer-Risikopuffer existiert jedoch nicht; entsprechende Entscheidungen trifft der Magistrat jeweils im Rahmen der Jahresabschlussbuchungen.
Vollständig verschlossen bleibt die Stadt beim Thema Konzentration des Gewerbesteueraufkommens. Selbst aggregierte Aussagen zu Anteilen großer Zahlergruppen lehnt sie ab, um mögliche Rückschlüsse auf einzelne Unternehmen auszuschließen. Stattdessen verweist sie auf einen bislang „relativ resistenten Branchenmix“, der sich gegen konjunkturelle Schwankungen bewährt habe. Eine überprüfbare Zahl bleibt diese Einschätzung jedoch nicht.
Fazit: Gute Zahlen, aber kein Selbstläufer
Die Recherche zeigt: Limburg steht finanziell derzeit besser da als noch vor wenigen Monaten erwartet. Das ist eine positive Entwicklung. Gleichzeitig basiert der Haushaltsüberschuss zu einem erheblichen Teil auf nicht planbaren Effekten, während große Investitionsentscheidungen anstehen, deren finanzielle Dimension öffentlich noch nicht beziffert wird.
Die Erfolgsmeldung aus dem Rathaus ist damit nicht falsch – aber sie erzählt nur einen Teil der Geschichte. Wie stabil die Stadtfinanzen tatsächlich sind, wird sich erst zeigen, wenn Nachzahlungen ausbleiben, Investitionen konkret werden und Kredite aufgenommen werden müssen. Genau deshalb war Nachfragen notwendig – und genau deshalb bleibt das Thema Stadtfinanzen in Limburg weiterhin erklärungsbedürftig.