Deutschlands Gasspeicher: Wie groß ist das Risiko für den Winter?

Anfang September 2026 sind die deutschen Gasspeicher nur zu rund 53 bis 54 Prozent gefüllt. Damit liegen sie deutlich unter dem Niveau des Vorjahres und auf einem für diese Jahreszeit außergewöhnlich niedrigen Stand. Nach Angaben von INES (Branchenverband Initiative Energien Speichern) wurde zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund 15 Jahren kein niedrigerer Füllstand verzeichnet. Anfang September 2025 waren die Speicher bereits zu etwa 71 Prozent gefüllt.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt. Der niedrige Stand ist deshalb zunächst ein ernst zu nehmendes Warnsignal.
Er bedeutet allerdings nicht, dass Deutschland nur noch über die Hälfte seines für den Winter benötigten Gases verfügt. Speicher sind ein Puffer. Auch während der Heizperiode wird Deutschland kontinuierlich Gas importieren – insbesondere aus Norwegen, über die europäischen Nachbarländer und als Flüssiggas über die LNG-Terminals. Die Importstruktur ist heute wesentlich breiter als während der Energiekrise 2022.
Entscheidend ist deshalb nicht allein die heutige Prozentzahl, sondern die Frage, wie viel Gas bis zum Winter tatsächlich noch eingespeichert werden kann und welche Mengen anschließend während des Winters verfügbar sind.
77 Prozent technisch möglich – aber 63 Prozent bei aktuellem Tempo?
Hier liegt ein entscheidender Unterschied, der in der öffentlichen Diskussion leicht verloren geht.
Nach der aktuellen INES-Berechnung wäre es technisch noch möglich, die deutschen Speicher bis zum 1. November auf etwa 77 Prozent zu füllen. Dafür müsste die Einspeicherung in den verbleibenden Wochen allerdings deutlich schneller erfolgen als zuletzt. INES weist ausdrücklich darauf hin, dass die entscheidende Frage deshalb nicht nur die technische Kapazität ist, sondern ob die gebuchten Speicherkapazitäten tatsächlich und vor allem schnell genug genutzt werden.
Bei einer Fortsetzung des bisherigen Einspeichertempos sieht das Bild wesentlich schlechter aus: Dann wäre nach Angaben des Speicherverbandes zum 1. November nur ein Füllstand von etwa 63 Prozent zu erwarten. Für das technisch erreichbare Niveau von 77 Prozent müsste die tägliche Einspeicherung in den verbleibenden Wochen deutlich höher liegen als in der jüngeren Vergangenheit.
Damit sind die beiden Zahlen 77 und 63 Prozent keine widersprüchlichen Prognosen. Sie beschreiben zwei unterschiedliche Situationen:
- 77 Prozent = technisch noch möglich, wenn die Befüllung deutlich beschleunigt wird.
- 63 Prozent = Größenordnung bei einer Fortsetzung des bisherigen Einspeicherverhaltens.
Diese Unterscheidung ist für die Bewertung der Lage wesentlich.
Auch die 80-Prozent-Marke ist nicht für alle Speicher gleich
Hinzu kommt eine Besonderheit der deutschen Speicherverordnung. Die häufig genannte Vorgabe von 80 Prozent zum 1. November gilt nicht für jede Speicheranlage gleichermaßen.
Für mehrere in der Gasspeicherfüllstandsverordnung (GasSpFüllstV) ausdrücklich genannte Anlagen – Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen – gilt zum 1. November eine abgesenkte Vorgabe von 45 Prozent. Zum 1. Februar gilt für die meisten Speicher 30 Prozent, für die bayerischen Speicher Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg dagegen 40 Prozent.
Die 80 Prozent sind deshalb als allgemeine Regel zu verstehen, nicht als einheitliche Zielmarke für jeden einzelnen Speicher. In der öffentlichen Diskussion wird daraus teilweise ein vereinfachtes „Deutschland muss 80 Prozent erreichen“, obwohl die tatsächliche gesetzliche Regelung differenzierter ist.
Noch wichtiger: Ein bundesweiter Durchschnitt von gut 50 Prozent sagt wenig darüber aus, wie die einzelnen Speicher tatsächlich dastehen. Einige Anlagen sind deutlich leerer als der Durchschnitt. Das betrifft unter anderem Speicher in Süddeutschland, die für die regionale Versorgung eine besondere Bedeutung haben.
Die bayerischen Speicher Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg verfügen zusammen über erhebliche Kapazitäten und sind unmittelbar für die Versorgung Süddeutschlands relevant.
Damit wird auch deutlich, warum ein bundesweiter Mittelwert nicht das gesamte technische Bild abbildet: Für die Versorgung zählt nicht nur, wie viel Gas insgesamt vorhanden ist, sondern auch, wo es gespeichert ist und wie schnell es im Bedarfsfall ausgespeichert werden kann.
Warum wird nicht einfach schneller eingespeichert?
Die Antwort liegt wesentlich im Gaspreis.
Normalerweise entsteht für Händler ein wirtschaftlicher Anreiz, Gas im Sommer günstig einzukaufen, einzulagern und im Winter zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen. Dieser sogenannte Sommer-Winter-Spread ist derzeit jedoch ungünstig. Nach Angaben von INES fehlt dem Markt dadurch weitgehend der wirtschaftliche Anreiz zur Einspeicherung.
Hinzu kommt die geopolitische Lage. Der Konflikt zwischen Iran und den USA sowie die anhaltenden Einschränkungen in der Straße von Hormus haben die LNG-Märkte erheblich belastet. QatarEnergy hat Force Majeure auf LNG-Lieferungen nach Europa und Asien bis in den November verlängert; mehrere europäische Käufer erhielten Absagen für Herbst-Ladungen. Das treibt die Großhandelspreise und erhöht den Wettbewerb mit Asien um verfügbare LNG-Ladungen.
Damit entsteht eine paradoxe Situation: Das Gas ist vorhanden und kann technisch eingespeichert werden – aber der aktuelle Markt bietet den Händlern teilweise keinen ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz, es für den Winter einzulagern.
Die Speicherbefüllung ist damit nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche und politische Frage.
Schießt die EU tatsächlich quer?
Immer wieder wird behauptet, Brüssel verhindere eine ausreichende Befüllung der deutschen Speicher. So einfach ist es nicht.
Die EU verlangt grundsätzlich eine weitgehende Befüllung der europäischen Gasspeicher. Das häufig genannte Ziel von 90 Prozent ist inzwischen jedoch flexibler ausgestaltet. Für die Jahre 2025 bis 2027 besteht ein Zeitfenster vom 1. Oktober bis zum 1. Dezember, in dem das Ziel erreicht werden soll. Unter bestimmten Voraussetzungen sind außerdem Abweichungen möglich.
Die EU verhindert also nicht grundsätzlich, dass Deutschland seine Speicher füllt. Im Gegenteil: Die europäischen Regeln wurden zuletzt flexibilisiert.
Allerdings hat diese Flexibilisierung eine zweite Seite. Sie erhöht den unmittelbaren politischen Druck auf die Mitgliedstaaten nicht, einen bestimmten Füllstand möglichst früh zu erreichen. Zusammen mit den derzeit schwachen wirtschaftlichen Anreizen entsteht damit ein Marktumfeld, in dem Händler nicht unbedingt dazu gedrängt werden, möglichst schnell große Mengen einzuspeichern.
Die EU ist damit nicht die Ursache des niedrigen deutschen Speicherstands. Ihre flexibleren Regeln lösen das Problem aber auch nicht.
Deutschland hat zusätzlich eigene nationale Vorgaben. Zum 1. November gelten grundsätzlich 80 Prozent, für die genannten sechs Speicher jedoch 45 Prozent. Zum 1. Februar gelten grundsätzlich 30 Prozent, für die vier bayerischen Speicher Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg 40 Prozent.
Das eigentliche Risiko liegt im Winter
Noch wichtiger als der Füllstand am 1. November ist die Frage, was danach passiert.
Ein milder oder durchschnittlicher Winter dürfte mit den vorhandenen Speichern und Importmöglichkeiten grundsätzlich beherrschbar sein. Das zeigen auch die aktuellen INES-Szenarien. Bei einem normalen Wetterverlauf und einem Speicherstand von rund 77 Prozent zum 1. November reicht die verfügbare Gasmenge nach dem Modell aus, um die Heizperiode zu bewältigen.
Deutlich anders sieht es bei einem außergewöhnlich kalten Winter aus. Als Referenz verwendet INES unter anderem das Wetterjahr 2010. Bei einem solchen Verlauf reichen 77 Prozent zum Winterbeginn nicht aus.
Nach der aktuellen INES-Modellrechnung könnte es in einem außergewöhnlich kalten Winter (Referenz: Wetterjahr 2010) im Januar bis März zu erheblichen Unterdeckungen kommen. Für den Zeitraum Januar bis März wird eine Größenordnung von rund 20 Terawattstunden genannt; an einzelnen Tagen könnte die Unterdeckung mehr als 25 Prozent des Verbrauchs erreichen.
Das ist keine Prognose für den kommenden Winter, sondern ein Stressszenario unter der Annahme außergewöhnlich kalter Temperaturen und maximal ausgeschöpfter Importmöglichkeiten. Es zeigt jedoch, wie klein der Sicherheitspuffer werden kann, wenn mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig eintreten.
Das Risiko besteht also nicht darin, dass Deutschland am 1. November plötzlich kein Gas mehr hat. Das Risiko entsteht im weiteren Verlauf des Winters, wenn hohe Nachfrage auf niedrige Speicherstände und begrenzte Importmöglichkeiten trifft.
Keine Panik – aber auch keine Entwarnung
Die derzeitige Situation lässt sich deshalb nicht seriös mit einem einfachen „Alles in Ordnung“ oder „Deutschland geht das Gas aus“ beschreiben.
Die Speicher sind ungewöhnlich leer. Das ist real. Ebenso real ist, dass ein Füllstand von rund 77 Prozent zum 1. November technisch noch möglich ist, bei unverändertem Einspeichertempo aber eher ein Wert um 63 Prozent zu erwarten wäre.
Gleichzeitig verfügt Deutschland weiterhin über mehrere wichtige Importwege und ist nicht allein auf seine Speicher angewiesen. Norwegische Pipelineimporte, LNG-Terminals und die europäischen Gasnetze bilden einen erheblichen zusätzlichen Versorgungspuffer. Die Bundesregierung sieht deshalb derzeit keine unmittelbare physische Gasmangellage.
Das Risiko liegt vielmehr in der Kombination ungünstiger Faktoren:
- niedrige Speicherstände
- langsame Befüllung
- ein sehr kalter Winter
- hohe Nachfrage
- zusätzliche Lieferstörungen
Dann könnte aus einem zunächst wirtschaftlichen Problem – hohen Gaspreisen und einem fehlenden Speicherspread – ein tatsächliches Versorgungsproblem werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, ob Deutschland irgendwann die Marke von 80 oder 90 Prozent erreicht. Entscheidend ist, mit welchem tatsächlichen Füllstand Deutschland in den Winter geht, welche Importmengen verfügbar sind und wie hoch der Verbrauch bei unterschiedlichen Wetterbedingungen ausfällt.
Noch besteht kein Anlass für eine Gaskrisen-Panik. Für Selbstzufriedenheit gibt es angesichts der ungewöhnlich niedrigen Speicherstände allerdings ebenso wenig Anlass.
Die entscheidende Zahl ist deshalb derzeit nicht 77 Prozent. Die entscheidende Frage lautet: Schafft Deutschland den Sprung von rund 54 Prozent auf ein ausreichend hohes Niveau überhaupt mit dem notwendigen Tempo?
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