„Die haben das alle ignoriert“ – Der Mann, der hinsah und dafür seinen Job verlor

Vier Jahre nach seinem Brandbrief spricht der frühere BKK-ProVita-Chef Andreas Schöfbeck ausführlich darüber, warum er 2022 Alarm schlug, was seine Krankenkassendaten tatsächlich zeigten und was danach mit ihm geschah. Seine Geschichte ist mehr als eine weitere Episode aus der Corona-Zeit. Sie führt zurück zu einer Frage, die bis heute nicht überzeugend beantwortet ist: Was geschieht in einem Gesundheitssystem, wenn ein mögliches Warnsignal politisch unbequem wird?
Es ist ein Satz, der hängen bleibt: „Die haben das alle ignoriert.“ Andreas Schöfbeck sagt ihn im aktuellen Gespräch mit Multipolar mit Blick auf jene Institutionen, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie bei Auffälligkeiten in der Arzneimittelsicherheit besonders genau hinsehen: das Paul-Ehrlich-Institut, Ärzteorganisationen, Krankenkassenverbände und weitere Akteure des Gesundheitswesens. Schöfbeck war Anfang 2022 Vorstand der BKK ProVita und hatte damals mit einer Auswertung von Abrechnungsdaten für Aufsehen gesorgt. Seine These wurde anschließend häufig zugespitzt oder verkürzt wiedergegeben, weshalb eine saubere Einordnung wichtig ist. Er behauptete nicht, Millionen Menschen seien nachweislich durch die Corona-Impfung dauerhaft geschädigt worden.
Er behauptete auch nicht, jede in den Kassendaten codierte gesundheitliche Reaktion sei ursächlich durch die Impfung ausgelöst worden. Was er sagte, war nüchterner und gerade deshalb brisant: In den Abrechnungsdaten der Betriebskrankenkassen fanden sich auffällig viele Behandlungsfälle, in denen Diagnosen im Zusammenhang mit Impfnebenwirkungen dokumentiert worden waren. Auf Grundlage von Daten von rund elf Millionen Versicherten kam Schöfbeck zu einer Hochrechnung, nach der 2021 möglicherweise 2,5 bis drei Millionen Menschen wegen einer gesundheitlichen Reaktion nach einer Corona-Impfung ärztlich behandelt worden sein könnten. Seine Forderung war im Kern schlicht: Diese Auffälligkeit müsse untersucht werden.
Genau an diesem Punkt begann jedoch jene Debatte, die den Fall bis heute so aufgeladen erscheinen lässt. Denn selbstverständlich beweisen Abrechnungsdaten noch keinen Impfschaden. Ein ICD-Code sagt zunächst einmal nur, dass ein Arzt eine bestimmte Diagnose, einen bestimmten Verdacht oder eine entsprechende gesundheitliche Reaktion dokumentiert und abgerechnet hat. Darunter können vorübergehende Beschwerden wie Fieber, Kopfschmerzen oder Erschöpfung gewesen sein, ebenso aber schwerwiegendere Reaktionen.
Das Paul-Ehrlich-Institut und andere Kritiker verwiesen damals zu Recht darauf, dass solche Abrechnungsdaten nicht ohne Weiteres mit den beim PEI eingegangenen Verdachtsmeldungen vergleichbar seien und dass aus einer Codierung keine gesicherte Kausalität abgeleitet werden könne. Genau das ist medizinisch und wissenschaftlich korrekt. Nur beantwortet dieser Einwand nicht die entscheidende Frage, sondern formuliert sie erst: Wenn die vorhandenen Daten ein ungewöhnliches Signal zeigen, warum wurden sie dann nicht zum Ausgangspunkt einer systematischen Untersuchung gemacht?
Ein Warnsignal ist kein Beweis – aber genau dafür gibt es Pharmakovigilanz
Pharmakovigilanz beginnt nicht erst dort, wo ein kausaler Zusammenhang längst bewiesen ist. Ihr Zweck besteht gerade darin, Auffälligkeiten zu erkennen, mögliche Risiken zu identifizieren und anschließend zu klären, ob eine beobachtete Häufung durch Zufall, Codierungsbesonderheiten, bekannte harmlose Impfreaktionen oder tatsächlich durch bislang unterschätzte Nebenwirkungen erklärt werden kann. Ein Warnsignal muss also nicht beweisen, dass ein Arzneimittel Schaden verursacht. Es muss zunächst nur stark genug sein, eine nähere Prüfung zu rechtfertigen. Schöfbeck beschreibt heute, genau das sei sein Anliegen gewesen. Er habe seine Daten nicht als abschließendes Urteil verstanden, sondern als Aufforderung, genauer hinzusehen.
Was dann geschah, verleiht der Geschichte bis heute ihre eigentümliche Schärfe. Am 21. Februar 2022 verschickte Schöfbeck seinen Brandbrief. Wenige Tage später berichteten zahlreiche Medien über seine Zahlen. Das Paul-Ehrlich-Institut vereinbarte schließlich für den 1. März eine Besprechung. Doch am selben Tag trat der Verwaltungsrat der BKK ProVita zusammen und setzte Schöfbeck mit sofortiger Wirkung ab. Die Krankenkasse distanzierte sich anschließend deutlich von ihrem bisherigen Vorstand. Sie erklärte, Datenerhebung, Interpretation und Veröffentlichung seien nicht abgestimmt gewesen, Schöfbeck habe interne Kontrollgremien und Fachabteilungen umgangen und sein Vorgehen sei von seiner persönlichen kritischen Haltung gegenüber der Corona-Impfung geprägt gewesen. Diese Darstellung gehört zwingend zur vollständigen Geschichte. Sie kann erklären, weshalb das Verhältnis zwischen Vorstand und Kasse eskalierte. Sie beantwortet jedoch nicht die Frage, ob die Datensignale selbst sachlich prüfenswert waren.
Gerade darin liegt der bis heute irritierende Kern des Falles. Man hätte Schöfbecks Methodik kritisieren können, seine Hochrechnung korrigieren, die Datengrundlage aufschlüsseln oder anhand anderer Krankenkassen überprüfen können, ob sich derselbe Effekt dort ebenfalls zeigte. Man hätte leichte und schwere Reaktionen differenzieren, zeitliche Zusammenhänge untersuchen und die Versorgungsdaten mit den Meldungen des Paul-Ehrlich-Instituts abgleichen können. All das wäre ein normaler wissenschaftlicher Prozess gewesen.
Stattdessen verlagerte sich die öffentliche Debatte sehr schnell von der Frage „Was sagen diese Daten?“ zu der Frage „Wer ist dieser Schöfbeck?“ Seine politische oder persönliche Haltung wurde plötzlich selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Das ist verständlich, wenn mögliche Interessenkonflikte oder Voreingenommenheiten bewertet werden sollen. Es darf aber die Untersuchung der Daten nicht ersetzen. Ein Mensch kann irren, voreingenommen sein oder methodisch unsauber arbeiten und dennoch auf eine Auffälligkeit stoßen, die einer genaueren Prüfung bedarf.
Was damals umstritten war, ist heute teilweise medizinischer Konsens
Besonders bemerkenswert wirkt die damalige Härte der Debatte aus heutiger Sicht. Denn längst ist klar, dass die Corona-Impfstoffe nicht frei von ernsthaften Nebenwirkungen waren. Das Paul-Ehrlich-Institut dokumentiert bis heute Verdachtsmeldungen und führt anerkannte seltene Risiken auf. Dazu gehören etwa Myokarditis und Perikarditis nach mRNA-Impfstoffen, insbesondere bei jüngeren Männern, sowie bestimmte sehr seltene Gerinnungsstörungen nach Vektorimpfstoffen. Auch hier gilt selbstverständlich, dass eine Verdachtsmeldung noch keinen individuellen Kausalitätsnachweis darstellt.
Aber ebenso klar ist inzwischen, dass die Existenz schwerwiegender Nebenwirkungen nicht ernsthaft bestritten werden kann. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb nicht mehr, ob es solche Fälle überhaupt gibt, sondern wie häufig sie sind, welche Personengruppen besonders betroffen sind, wie zuverlässig sie erfasst werden und welche medizinische Versorgung Menschen erhalten, deren Beschwerden nach einer Impfung über Wochen, Monate oder Jahre bestehen bleiben.
Gerade an dieser Stelle berührt der Fall Schöfbeck zahlreiche Geschichten, mit denen wir uns beim Fingerklopfer in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Wir haben über Ärzte berichtet, die auf mögliche Impfschäden oder ungewöhnliche Krankheitsbilder aufmerksam machten und sich anschließend heftiger Kritik ausgesetzt sahen. Wir haben über Menschen geschrieben, die ihre gesundheitlichen Beschwerden selbst mit einer Corona-Impfung in Verbindung bringen und unter dem Begriff Post-Vac nach medizinischer Hilfe suchen. Wir haben erlebt, wie schwierig es für Betroffene ist, überhaupt einen Ansprechpartner zu finden, wie lang die Wartezeiten in spezialisierten Ambulanzen sind und wie rasch eine medizinische Frage in eine politische Auseinandersetzung kippt. Und wir haben gesehen, wie Betroffene öffentlich Verantwortliche mit den Versprechen konfrontierten, die ihnen gemacht worden waren, während ihre eigene Versorgung weiterhin lückenhaft blieb.
Genau deshalb ist die nüchterne Unterscheidung zwischen Verdachtsfall, Nebenwirkung und anerkanntem Impfschaden so wichtig. Nicht jede gesundheitliche Beeinträchtigung, die zeitlich nach einer Impfung auftritt, wurde durch diese Impfung verursacht. Nicht jede Verdachtsmeldung hält einer Kausalitätsprüfung stand. Nicht jede ärztliche Codierung beschreibt einen schweren oder dauerhaften Schaden. Doch aus diesen Selbstverständlichkeiten folgt nicht, dass man Betroffene oder Datensignale ignorieren darf. Im Gegenteil: Je unsicherer ein Zusammenhang ist, desto größer ist der Bedarf an guter Forschung, belastbaren Registerdaten und einer systematischen Auswertung der Versorgungsrealität.
Das eigentliche Versäumnis liegt in der nicht beantworteten Frage
Genau hier bekommt Schöfbecks Geschichte ihre emotionale Dimension. Denn hinter statistischen Größen stehen Menschen. Ein „Verdachtsfall“ klingt bürokratisch, ein „ICD-Code“ technisch und eine „Melderate“ abstrakt. Für einen Betroffenen kann sich hinter diesen Begriffen jedoch ein vollständig verändertes Leben verbergen: Arbeitsunfähigkeit, chronische Erschöpfung, Herzprobleme, neurologische Beschwerden, lange diagnostische Irrwege und die Erfahrung, nicht ernst genommen zu werden. Das bedeutet nicht, dass jede dieser Geschichten automatisch einen nachgewiesenen Impfschaden beschreibt. Es bedeutet aber, dass jede einzelne eine faire medizinische Prüfung verdient.
Der Fall Schöfbeck wirft deshalb weniger die Frage auf, ob er damals in jedem Punkt recht hatte. Viel grundsätzlicher ist die Frage, weshalb ein mögliches Sicherheitssignal nicht sichtbar und nachvollziehbar in einem transparenten Untersuchungsprozess abgearbeitet wurde. Hätte eine umfassende Analyse ergeben, dass seine Hochrechnung methodisch stark überschätzt war, wäre auch das ein wichtiges Ergebnis gewesen. Hätte sich gezeigt, dass ein erheblicher Teil der codierten Fälle lediglich harmlose, kurzzeitige Impfreaktionen betraf, hätte dies zur Versachlichung beigetragen. Hätte man jedoch Auffälligkeiten entdeckt, die über das bekannte Risikoprofil hinausgingen, wäre eine frühzeitige Reaktion umso wichtiger gewesen. Wissenschaft hätte jede dieser Antworten akzeptieren müssen. Problematisch ist nicht, wenn eine Hypothese widerlegt wird. Problematisch ist, wenn sie gar nicht erst ernsthaft geprüft wird.
Genau darum trifft Schöfbecks Satz heute noch: „Die haben das alle ignoriert.“ Ob diese Einschätzung in jedem Detail zutrifft, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Fest steht jedoch, dass seine Warnung damals innerhalb weniger Tage von einer medizinischen und datentechnischen Frage zu einem politischen und institutionellen Konflikt wurde. Ebenso fest steht, dass bis heute zahlreiche Fragen zur Erfassung und Versorgung von Menschen mit langanhaltenden Beschwerden nach Corona-Impfungen offen sind. Gerade deshalb wäre es falsch, den Fall lediglich als längst erledigte Episode aus der Pandemiezeit abzutun.
Am Ende geht es nicht darum, Schöfbeck im Nachhinein zum Helden zu erklären oder sämtliche seiner damaligen Schlussfolgerungen zu übernehmen. Es geht um eine viel einfachere Erwartung an ein funktionierendes Gesundheitssystem: Wenn Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit einen medizinischen Eingriff erhalten und anschließend auffällige Signale in großen Datensätzen auftauchen, müssen diese Daten untersucht werden. Nicht weil jede Auffälligkeit ein Skandal ist, sondern weil genau darin der Sinn von Arzneimittelsicherheit besteht.
Vielleicht liegt darin das größte Versäumnis jener Jahre. Zu oft wurde die Frage nach möglichen Nebenwirkungen nicht als medizinische Frage behandelt, sondern als politisches Bekenntnis. Wer sie stellte, geriet schnell unter Verdacht, eine Kampagne gegen das Impfen zu führen. Damit wurde ein falscher Gegensatz geschaffen. Man kann den Nutzen einer Impfung anerkennen und gleichzeitig ihre Risiken erforschen. Man kann verhindern wollen, dass unbegründete Ängste geschürt werden, und trotzdem Betroffene ernst nehmen. Und man kann Schöfbecks Hochrechnung methodisch kritisieren und dennoch fragen, warum niemand die Chance nutzte, anhand der vorhandenen Kassendaten eine umfassende Antwort zu geben.
Vier Jahre später steht deshalb nicht die Gewissheit, dass Andreas Schöfbeck mit allem recht hatte. Aber ebenso wenig steht eine überzeugende Antwort darauf, warum ein derart großes Datensignal offenbar nie in jener Tiefe untersucht wurde, die der gesellschaftlichen Tragweite des Themas angemessen gewesen wäre. Genau das macht seinen Fall bis heute relevant. Und genau deshalb sollte man den Satz „Die haben das alle ignoriert“ nicht als Schlussfolgerung verstehen, sondern als Auftrag, endlich jene Fragen zu beantworten, die damals liegen geblieben sind.
Quellenverzeichnis
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Multipolar: „Die haben das alle ignoriert“ – Interview mit dem früheren BKK-ProVita-Vorstand Andreas Schöfbeck:
https://multipolar-magazin.de/artikel/die-haben-das-alle-ignoriert -
BKK ProVita: Stellungnahmen zum Ausscheiden von Andreas Schöfbeck und zur damaligen Veröffentlichung der Abrechnungsdaten:
https://bkk-provita.de/aktuelles/ -
Paul-Ehrlich-Institut: Sicherheitsberichte zu COVID-19-Impfstoffen und Verdachtsmeldungen von Nebenwirkungen:
https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/arzneimittelsicherheit.html -
Paul-Ehrlich-Institut: Meldedaten und Rohdaten zu Verdachtsfällen unerwünschter Reaktionen nach COVID-19-Impfungen:
https://www.pei.de/adr-data.html -
Correctiv: Faktencheck und methodische Einordnung der damaligen BKK-ProVita-Auswertung:
https://correctiv.org/faktencheck/2022/03/18/nein-eine-analyse-der-bkk-provita-belegt-nicht-dass-impfnebenwirkungen-vom-pei-untererfasst-werden/ -
Fingerklopfer: Beiträge zu Impfstoffsicherheit, Impfnebenwirkungen und Post-Vac:
https://www.fingerklopfer.de/de/tags/impfstoffsicherheit -
Fingerklopfer: Berichterstattung zum Fall Dr. Heidi Göldner:
https://www.fingerklopfer.de/de/tags/heidi-g%C3%B6ldner