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Schein-Transparenz: Der "Kandidierenden“-Check in Sachsen-Anhaltund sein blinder Fleck

28. August 2026 // geschrieben von Chris Ernst (Gastbeitrag)

Wer sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 orientieren will, landet fast zwangsläufig bei einem „Kandidatencheck“ von Abgeordnetenwatch.de, der dort ‚Kandidierenden‘-Check heißt. Beworben als „unabhängig und einfach“, verspricht das Tool eine simple Formel: 21 Thesen beantworten, Postleitzahl eingeben und man erfährt, welcher Direktkandidat einem in der eigenen Wahlheimat am nächsten steht. Ein Werkzeug, das dem Wähler die Illusion eines vollständigen, objektiven Abgleichs verkauft und genau darin liegt das Problem oder genauer gesagt die Wahrnehmungsverschiebung.

Der gesamte Nutzungsablauf ist von uns mehrfach geprüft worden: die PLZ-Eingabemaske, der Ladebildschirm mit dem Hinweis „Deine Übereinstimmungen werden berechnet“, und schließlich die Ergebnisseite mit den gerankten Kandidaten samt Prozentwert. An keiner dieser drei Stationen findet sich ein Wort darüber, dass die angezeigte Liste der Kandidaten möglicherweise nicht alle Bewerber des Wahlkreises berücksichtigt. Kein Sternchen, kein Infofeld, kein Warnhinweis. Der Nutzer bekommt eine Rangliste präsentiert, die aussieht wie ein vollständiger Vergleich, ist es aber nicht.

Ursache ist ein struktureller Webfehler in der Informationsarchitektur des Tools: Ein Kandidat, der aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst in einer direkten Interaktion mit ‚Abgeordnetenwatch.de' auf die Fragen geantwortet hat, erscheint im Ranking auf dem ‚letzten Platz‘, klar zugeordnet hinter dem schlechtesten Übereinstimmungs-Kandidaten. Er wird nicht aus der Wertung genommen, sondern wird eingereiht an letzter Stelle mit dem Hinweis „k.A.“, eingereiht hinter dem Kandidaten, der geantwortet und dabei diametral entgegengesetzt zu dem Nutzer die Fragen des Tools beantwortet hat.

Beide rangieren auf den ‚ersten Ansichtseite nicht erkennbar‘, erst durch mehrmaliges Klicken auf einen unscheinbaren Pfeil, auf einer weiteren Ansichtsseite . Beide vermitteln denselben Eindruck: „diese Person passt nicht zu mir“, obwohl in einem Fall überhaupt keine inhaltliche Aussage getroffen werden konnte und im anderen eine explizite, gemessene Distanz erkennbar war.

Ein Tool, das sich der politischen Bildung verschrieben hat, verwischt damit genau die Unterscheidung, auf die es bei einer informierten Wahlentscheidung ankommt: den Unterschied zwischen Nichtwissen und Ablehnung.

Hinzu kommt eine zweite, ebenso entscheidende Einschränkung: Die Imitation eines Wahl-o-Mats arbeitet lediglich auf Basis jener Politiker, die die Thesen tatsächlich beantwortet haben. Sie stützt sich nicht auf eine generelle Datenbasis, etwa auf das Parteiprogramm. Wer nicht mitgemacht hat, existiert im Tool als „weit entfernt vom Nutzer des Tools" – unabhängig davon, wie klar die Linie seiner Partei generell dokumentiert ist.

Dass diese Lücke real und nicht nur eine denkbare Randerscheinung ist, zeigen konkrete Fälle in Sachsen-Anhalt. In mehreren Wahlkreisen tauchen AfD-Direktkandidaten in der Ergebnisliste schlicht nicht auf, darunter in „Tangermünde/Genthin“, wo der Spitzenkandidat der Landes-AfD, Ulrich Siegmund, als Direktkandidat antritt. Wer das Tool ohne Vorwissen nutzt, hat keine Handhabe zu erkennen, warum es keinerlei Übereinstimmung mit der politischen Haltung von Siegmund gibt und dieser in der Auswertung erst nach viermaligem Klicken auf das Pfeil-Symbol, auf der letzten Stelle rangiert. Der Nutzer weißt nicht, ob das an inhaltlicher Distanz liegt oder an einer nicht ausgefüllten Thesen-Abfrage durch den Kandidaten, denn wenn man nach viel Aufwand endlich den Kandidaten gefunden hat, dann steht dort „k.A.“, aber nicht losgelöst vom Ranking, sondern ganz klar zugeordnet auf der letzten Position. Die Information, die diese Position aufklären würde, existiert im Tool nicht, sie wurde von Abgeordnetenwatch gegenüber Journalisten kommuniziert und in Presseartikeln verarbeitet. Aber genau dort bleibt sie hängen: in Blogeinträgen, Pressemitteilungen und Zeitungsartikeln, die kaum jemand liest, bevor er den direkten Link zum Tool anklickt. Im Tool selbst, an dem Ort, an dem die Information tatsächlich gebraucht wird, fehlt sie vollständig.

Damit verfehlt der Kandidatencheck sein eigenes Versprechen. Er nennt sich Wahlhilfe, Orientierungsangebot, Transparenzinstrument und blendet an der entscheidenden Stelle genau jene Information aus, die für eine korrekte Interpretation seines eigenen Outputs notwendig wäre. Das ist kein Detail am Rande, sondern ein Konstruktionsfehler im Kern der Nutzerführung. Eine Rangliste ohne Kennzeichnung ihrer eigenen Lückenhaftigkeit ist keine Transparenz. Sie ist die Simulation von Transparenz und diese Simulation trifft in einem konkreten, dokumentierten Fall eine ganze Partei überproportional, ohne dass die Nutzer davon erfahren, während sie ihre Wahlentscheidung treffen.

Ein Tool, das sich zur demokratischen Aufklärung bekennt, trägt die Bringschuld, seine eigenen methodischen Grenzen an der Stelle offenzulegen, an der sie relevant werden, nicht in einem Pressegespräch drei Wochen vorher, sondern im Moment der Nutzung selbst. Diese Bringschuld hat der Kandidatencheck in seiner aktuellen Form nicht eingelöst.

Redaktionshinweis

Gastbeiträge geben die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder. Die darin vertretenen Auffassungen müssen nicht mit der Position der Redaktion von Der Fingerklopfer übereinstimmen. Die Redaktion behält sich Kürzungen und redaktionelle Bearbeitungen vor, sofern dadurch die inhaltliche Aussage des Autors nicht verändert wird.

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