Zum Hauptinhalt springen

A3 zwischen Diez und Bad Camberg: Wie viele schwere Unfälle braucht es noch?

11. September 2026 // geschrieben von Manfred

Erneut ist es auf der A3 zwischen Bad Camberg und Limburg zu einem schweren Unfall gekommen. Seit Monaten fällt der Abschnitt zwischen Diez und Bad Camberg durch eine Serie schwerer Verkehrsunfälle auf. Mindestens zehn öffentlich gemeldete Fälle lassen sich seit Herbst 2025 nachvollziehen, fünf Menschen kamen ums Leben. Besonders auffällig: Mehrfach spielten Stauenden, abbremsender Verkehr oder vorausfahrende Lastwagen eine Rolle. Der Fingerklopfer will deshalb wissen, ob der Abschnitt amtlich als Unfallschwerpunkt bewertet wird – und was aus den bereits im Sommer von der Polizei geforderten Maßnahmen geworden ist.

Am frühen Freitagmorgen, 11. September, hat es wieder gekracht. Gegen 5.28 Uhr fuhr nach Angaben des Polizeipräsidiums Westhessen zwischen Bad Camberg und Limburg-Süd in Fahrtrichtung Köln ein Pkw auf einen Sattelzug auf und verkeilte sich unter dessen Auflieger. Der 24-jährige Fahrer wurde schwer verletzt und mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht. Die Autobahn musste für rund anderthalb Stunden vollständig gesperrt werden.

Für sich genommen wäre es eine weitere schwere Unfallmeldung von Deutschlands meistbefahrener Autobahn. Im Zusammenhang mit den vergangenen Monaten entsteht jedoch ein Bild, das genaueres Hinsehen verlangt.

Fünf Tote innerhalb weniger Monate

Der Fingerklopfer hat öffentlich zugängliche Polizeimeldungen und Medienberichte für den Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Diez und Bad Camberg ausgewertet. Seit Herbst 2025 lassen sich dort inzwischen mindestens zehn öffentlich gemeldete Verkehrsunfälle nachvollziehen.

Besonders dramatisch war die Entwicklung seit Juni.

DatumBereichöffentlich bekannte Folgen
30.10.2025 Diez – Limburg-Nord, Richtung Frankfurt Lkw-Fahrer schwer verletzt und eingeklemmt
06.01.2026 Bad Camberg – Limburg-Süd Lkw-Fahrer leicht verletzt, mutmaßlicher Verursacher flüchtig
08.04.2026 Elzer Berg hinter AS Diez keine Verletzten, rund 30.000 Euro Sachschaden
11.04.2026 A3 bei Limburg/Elz Verletzte
03.06.2026 Gemarkung Elz, Richtung Frankfurt 1 Toter, drei Verletzte, davon zwei schwerst
08.06.2026 bei Elz, Richtung Frankfurt 1 Toter, ein Schwerverletzter
08.07.2026 km 109, Limburg-Süd – Bad Camberg 2 Tote, ein Leichtverletzter
23.07.2026 Limburg-Nord – Diez, Richtung Köln Pkw unter Sattelauflieger verkeilt, Insasse unverletzt
08.09.2026 A3 bei Limburg, Richtung Frankfurt 1 Toter, zwei weitere Verletzte
11.09.2026 Bad Camberg – Limburg-Süd, Richtung Köln 24-Jähriger schwer verletzt

Beim Unfall vom 8. September war zunächst von drei Verletzten die Rede. Der schwer verletzte 66-jährige Motorradfahrer starb nach einem späteren Polizeinachtrag noch am selben Tag im Krankenhaus. Damit erhöht sich die Zahl der Todesopfer in den von uns öffentlich nachvollzogenen Fällen auf fünf.

Dabei ist diese Aufstellung ausdrücklich keine amtliche Unfallstatistik. Sie bildet nur diejenigen Ereignisse ab, die wir in öffentlich zugänglichen Polizeimeldungen und Medienberichten identifizieren konnten. Gerade deshalb hat der Fingerklopfer nun die zuständigen Behörden eingeschaltet.

Immer wieder Stauende, abbremsender Verkehr und schwere Fahrzeuge

Auffällig ist nicht allein die Zahl schwerer Ereignisse. Mehrere Unfälle weisen ein ähnliches Muster auf.

Am 3. Juni fuhr in der Gemarkung Elz ein Wohnmobil nahezu ungebremst auf einen Sattelzug auf. Der Fahrer des Wohnmobils starb, seine Frau und zwei Kinder wurden verletzt, zwei von ihnen schwerst. Nur fünf Tage später kam es nahe Elz erneut zu einem tödlichen Auffahrunfall. Ein Kleintransporter prallte auf einen Lastwagen, der 23-jährige Fahrer starb noch an der Unfallstelle.

Der schwerste Unfall des Sommers ereignete sich am 8. Juli bei Kilometer 109 zwischen Limburg-Süd und Bad Camberg. Ein Wohnmobil geriet auf die Standspur und traf dort einen liegengebliebenen Kleinwagen. Dieser wurde über die Fahrbahn gegen die Mittelschutzplanke geschoben. Eine Frau starb an der Unfallstelle, eine zweite erlag wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Die Polizei bestätigte den Tod der zweiten Frau am 12. Juli.

Hinzu kommen weitere Ereignisse mit schweren Fahrzeugen, stockendem Verkehr oder vorausfahrenden Fahrzeugen. Ob sich daraus auch in der amtlichen Unfallauswertung ein statistisch auffälliges Muster ergibt, lässt sich aus einzelnen Pressemitteilungen nicht seriös beantworten. Genau diese Frage gehört deshalb zu den Punkten, die wir dem Polizeipräsidium Westhessen gestellt haben.

Wir wollen wissen, wie viele Unfälle zwischen dem 1. September 2025 und dem 11. September 2026 tatsächlich polizeilich erfasst wurden, wie viele davon Personenschäden verursachten, wie viele Menschen getötet oder schwer verletzt wurden – und insbesondere, wie viele Ereignisse dem Unfalltyp „Auffahren auf ein Stauende“ oder auf ein verkehrsbedingt abbremsendes Fahrzeug zugeordnet werden. Zudem fragen wir, ob Teile des Abschnitts offiziell als Unfallhäufungsstelle geführt werden.

Fingerklopfer-Newsletter abonnieren

Recherchen, Vor-Ort-Berichte und neue Artikel direkt per Mail: Mit unserem kostenlosen Newsletter verpasst ihr keine neuen Fingerklopfer-Beiträge.

NEWSLETTER ABONNIEREN

Polizei forderte bereits im Sommer Konsequenzen

Besonders erklärungsbedürftig ist ein weiterer Punkt. Nach den beiden tödlichen Unfällen Anfang Juni wurde bereits öffentlich über Konsequenzen diskutiert.

Am 1. Juli berichtete die Rhein-Zeitung, die Polizei habe ein Tempolimit vom Elzer Berg bergab bis kurz vor die Anschlussstelle Limburg-Nord sowie ein Überholverbot für schwere Fahrzeuge vorgeschlagen. Wenige Tage später ereignete sich am 8. Juli der nächste tödliche Unfall auf dem betrachteten Abschnitt.

Damit stellt sich inzwischen eine sehr konkrete Frage: Was ist aus diesen Empfehlungen geworden?

Der Fingerklopfer hat deshalb beim Polizeipräsidium Westhessen unter anderem angefragt, wann und an welche Stelle die Empfehlung übermittelt wurde, welche Geschwindigkeitsbegrenzung und welche Geltungszeiten konkret vorgeschlagen wurden und ob inzwischen eine Reaktion der zuständigen Stelle vorliegt. Außerdem wollen wir wissen, wann sich die Unfallkommission zuletzt mit dem Abschnitt beschäftigt hat.

Parallel richtet sich unsere Recherche an die Autobahn GmbH des Bundes. Dort fragen wir unter anderem danach, ob die Empfehlung der Polizei eingegangen ist, welche Stelle überhaupt für die verkehrsrechtlichen Anordnungen zuständig ist und ob seit Juni eine neue Geschwindigkeitsregelung angeordnet wurde. Ebenso wollen wir wissen, wo gegenwärtig ein Lkw-Überholverbot gilt und ob technische Maßnahmen gegen Auffahrunfälle – beispielsweise eine Stauwarnanlage – geplant sind.

Interessant dürfte auch die Verkehrsbelastung sein. Deshalb soll die Autobahn GmbH mitteilen, wie hoch die durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke nach der jüngsten verfügbaren Zählung auf diesem Abschnitt ist.

Die Landesgrenze darf nicht zur statistischen Grenze werden

Ein zusätzliches Problem der Recherche liegt in der Lage des Abschnitts. Die A3 zwischen Diez und Bad Camberg führt über die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen. Polizeiliche Zuständigkeiten und Statistiken enden deshalb nicht zwangsläufig dort, wo Verkehrsteilnehmer einen zusammenhängenden Streckenabschnitt erleben.

Der Fingerklopfer hat deshalb auch das Polizeipräsidium Koblenz einbezogen. Gefragt wird unter anderem, bis zu welcher Kilometrierung dessen Zuständigkeitsbereich reicht, wie viele Unfälle seit September 2025 auf dem rheinland-pfälzischen Abschnitt erfasst wurden und ob dort eine Unfallhäufungsstelle besteht. Außerdem soll geklärt werden, ob auch von rheinland-pfälzischer Seite seit Anfang 2025 Maßnahmen gegenüber der Autobahn GmbH angeregt wurden.

Damit soll erstmals ein möglichst geschlossenes Bild des gesamten Korridors zwischen Diez und Bad Camberg entstehen – unabhängig von Landes- und Behördenzuständigkeiten.

Es geht dabei nicht darum, aus einer Reihe spektakulärer Einzelereignisse vorschnell einen statistischen „Unfallschwerpunkt“ zu erklären. Ob der Abschnitt im amtlichen Sinn tatsächlich ungewöhnlich gefährlich ist, müssen Polizei, Unfallkommission und Autobahn GmbH anhand ihrer vollständigen Daten beantworten.

Aber die öffentlich sichtbare Entwicklung rechtfertigt Fragen.

Innerhalb weniger Wochen starben im Juni und Juli vier Menschen auf diesem Abschnitt. Anfang September kam ein weiteres Todesopfer hinzu. Mehrere Unfälle weisen Parallelen auf. Bereits nach den ersten beiden tödlichen Ereignissen forderte die Polizei öffentlich bekannt gewordene Änderungen bei Geschwindigkeit und Lkw-Verkehr. Und nun, im September, folgt erneut binnen weniger Tage ein schwerer Unfall auf der A3 bei Limburg beziehungsweise Bad Camberg.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob jeder einzelne dieser Unfälle durch ein Tempolimit, ein Überholverbot oder eine Stauwarnanlage hätte verhindert werden können. Das wäre unseriös. Die berechtigte Frage lautet vielmehr: Haben die zuständigen Stellen das erkennbare Risiko analysiert, welche Schlussfolgerungen haben sie daraus gezogen – und wurden diese auch umgesetzt?

Der Fingerklopfer hat Polizei und Autobahn GmbH um konkrete Zahlen und Antworten gebeten. Sobald diese vorliegen, werden wir die Unfallserie, die Bewertung der Behörden und den Stand möglicher Sicherheitsmaßnahmen gegenüberstellen.