Drei Angriffe auf das Stromnetz — und die Frage, was davon belegt ist
Die Lage am Morgen · Mittwoch, 2. September 2026
Innerhalb von zwei Tagen hat die Polizei an zwei Umspannwerken Straftaten festgestellt, und die Bundesregierung hat einen Anschlagsversuch vom August Russland zugerechnet. Was dabei gesichert ist, geht in den Darstellungen weit auseinander. Zugleich will der VW-Vorstand die Produktion an vier deutschen Standorten auslaufen lassen — eine eigene Mitteilung des Konzerns dazu gibt es nicht.
Was an den Umspannwerken gesichert ist — und was nicht
Am Dienstagmorgen fand die Polizei am Umspannwerk Turnow-Preilack bei Cottbus, über das der Strom des Kraftwerks Jänschwalde eingespeist wird, mehrere Sprengvorrichtungen. Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz beschreibt sie als „selbstgebaute Flugkörper, die handelsüblichen Silvesterraketen ähneln"; weitere, noch nicht gestartete Flugkörper lagen vor Ort. Brandenburgs Innenminister Redmann sagte, Unbekannte hätten leitfähiges Material in die Anlage geschossen, um Kurzschlüsse auszulösen; ein Stromausfall sei verhindert worden, auch weil Ersatzleitungen vorhanden waren. Das Landeskriminalamt ermittelt; zu Tätern und Motiv gibt es keine Erkenntnisse. Der Kraftwerksbetreiber Leag spricht von einem Anschlag und meldet einen Ausfall in Block B; 50Hertz erklärt, die allgemeine Stromversorgung sei zu keiner Zeit beeinträchtigt gewesen. Am Montagabend fielen im nordrhein-westfälischen Bergheim nach einem Kurzschluss mehrere Leitungen aus; die Polizei geht nicht von einem technischen Defekt aus, sondern von einer Straftat, die Hintergründe seien unklar.
Dieselben Gegenstände heißen bei einigen Häusern „Sprengstoffraketen", bei anderen „Silvesterraketen". Beides geht über das hinaus, was der Netzbetreiber sagt. Eine Verbindung zwischen Cottbus und Bergheim hat keine Behörde gezogen.
Bundesregierung rechnet den Leipziger Drohnenanschlag Russland zu
Der Anschlagsversuch mit einer Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle liegt seit Anfang August zurück. Am Montag hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ihn erstmals ausdrücklich Russland zugerechnet und sich dabei auf polizeiliche Ermittlungsergebnisse, Tatmuster sowie Erkenntnisse der Nachrichtendienste berufen; Drohnenkonfiguration, Bauteile, Sprengstoff und Zündtechnik seien aus anderen hybriden Operationen Russlands bekannt. Außenminister Johann Wadephul (CDU) kündigte an, das russische Generalkonsulat in Bonn werde zum 18. September geschlossen, der Vertrag über das Russische Haus in Berlin gekündigt; der russische Botschafter wurde einbestellt. Eine Anklage gibt es nicht; die Zuschreibung ist eine Bewertung der Bundesregierung, gestützt auf Erkenntnisse, die sie nicht veröffentlicht hat.
VW-Vorstand will vier Werke auslaufen lassen — ohne eigene Mitteilung
Der Vorstand von Volkswagen hat einstimmig beschlossen, die Produktion in Emden, Zwickau, Hannover und beim Audi-Standort Neckarsulm auslaufen zu lassen — Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032, Neckarsulm 2034. Das berichtet die Wirtschaftswoche aus einem Papier für den Aufsichtsrat, das dessen Entscheidung Ende dieser Woche vorbereiten soll. Geschlossen werden die Werke nicht; sie erhalten nach dem Ende der laufenden Modelle keine neuen Aufträge mehr. Betroffen sind rund 40.000 Beschäftigte. Als Grund nennt das Papier Kosten von 6.490 Euro je Fahrzeug an den deutschen Standorten gegenüber 2.832 Euro in europäischen Werken außerhalb Deutschlands; die bestehenden Strukturen reichten nicht mehr, „um die Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität des Volkswagen-Konzerns langfristig sicherzustellen". Konzernchef Oliver Blume erklärte, VW wolle binnen sechs bis zwölf Monaten Perspektiven für die Werke entwickeln. Zur Quellenlage: Eine Mitteilung des Konzerns liegt nicht vor; die jüngste Pressemitteilung im Newsroom der Volkswagen Group vom 1. September betrifft den Ausbildungsstart. Das Papier selbst liegt dieser Redaktion nicht vor.
Kabinett bringt Entlastung von zehn Milliarden Euro auf den Weg
Das Bundeskabinett befasst sich an diesem Mittwoch mit der Reform der Einkommensteuer. Der Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil sieht Entlastungen von etwa zehn Milliarden Euro vor, vor allem für kleine und mittlere Einkommen sowie Familien mit Kindern. Zur Gegenfinanzierung soll die Reichensteuer früher greifen. Ebenfalls auf der Tagesordnung: ein Kita-Gesetz von Bildungsministerin Karin Prien.
Einzelhandel: Das Minus kommt fast ganz von den Tankstellen
Der Einzelhandelsumsatz ist im Juli gegenüber Juni real um 3,4 Prozent gesunken, nominal um 1,7 Prozent. Die Zahl trägt weniger, als sie verspricht: Den Ausschlag geben die Tankstellen, deren realer Umsatz nach dem Auslaufen des im Mai und Juni geltenden Tankrabatts um 9,1 Prozent einbrach. Der Handel mit Lebensmitteln gab dagegen nur um 0,8 Prozent nach. Der Juni wurde nachträglich von minus 0,7 auf 0,0 Prozent korrigiert.
Ruheständler-Haushalte: 2.330 Euro, fast jeder Fünfte armutsgefährdet
Haushalte, in denen ausschließlich Menschen ab 65 im Ruhestand leben, verfügen im Mittel über 2.330 Euro netto im Monat. Im Westen sind es 2.350 Euro, im Osten 2.270. Der Unterschied liegt weniger in der Rente als im Vermögen: Ostdeutsche Rentnerhaushalte beziehen 96 Prozent ihres Einkommens aus Renten und Pensionen, westdeutsche 92 Prozent. 18,9 Prozent der 13,6 Millionen Betroffenen gelten als armutsgefährdet. Grundlage ist die EU-Erhebung EU-SILC 2025.
Iran beschießt Ziele in drei Golfstaaten
Die iranischen Revolutionsgarden haben nach eigenen Angaben Vergeltungsangriffe auf Kuwait, Jordanien und Bahrain geflogen. Kuwait meldet abgewehrte Drohnen, Jordanien abgefangene ballistische Raketen, iranische Medien einen Angriff auf einen US-Stützpunkt in Bahrain. Das US-Kommando Centcom erklärte die eigene Angriffswelle für beendet; sie hatte Luftabwehrstellungen, Radarsysteme und Geräte zum Verlegen von Seeminen nahe der Straße von Hormus getroffen.
Vier Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt
Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte entscheiden am Sonntag über den Landtag. Im letzten Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap kommt die AfD auf 42 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze auf 22, die Linke auf elf, die SPD auf sieben, das BSW auf sechs; Grüne und FDP liegen mit je drei Prozent unter der Fünfprozenthürde. Umfragen bilden die Stimmung zum Zeitpunkt der Befragung ab.
Der Endspurt läuft auf allen Seiten. Die FDP eröffnete ihn im Magdeburger Moritzhof mit Parteichef Wolfgang Kubicki; Spitzenkandidatin Lydia Hüskens fordert eine Sonderwirtschaftszone für das Chemiedreieck. Die AfD hält ihre zentrale Schlusskundgebung am Samstag in Magdeburg ab. Etwa 20 Prozent der Wahlberechtigten wollen per Briefwahl abstimmen. Bei der U18-Wahl vom 22. bis 28. August, an der sich 3.123 Jugendliche in 62 selbst eingerichteten Wahllokalen beteiligten, lag die Linke mit 31 Prozent vorn, vor der AfD mit 22,1 und den Grünen mit 12,7 Prozent.
Eine Zahl zum Landtag, der da gewählt wird: In den Landesparlamenten sind zum 1. September 33,4 Prozent der Abgeordneten Frauen. Sachsen-Anhalt liegt mit 27,8 Prozent auf dem drittniedrigsten Platz, hinter Bayern (24,6) und Sachsen (27,5); am ausgeglichensten ist Hamburg mit 48,8 Prozent.
In eigener Sache
Am Sonntag, 6. September, ab 17.30 Uhr begleiten wir den Wahlabend live: Sachsen-Anhalt entscheidet LIVE, gemeinsam mit Habitat Deutschland und Mein Mittelhessen, mit Streamern vor Ort. In unserer Konferenzschaltung laufen alle Kanäle des Abends nebeneinander auf einer Seite.
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