Normalerweise ist die Rollenverteilung klar: Chris Ernst moderiert, Manfred Hübner kommentiert, und gemeinsam versuchen beide in ihrem wöchentlichen Gespräch auf dem Kanal „Habitat Deutschland“, dem politischen Geschehen einen Sinn abzuringen. Was angesichts der deutschen Tagespolitik nicht immer ein ganz einfaches Unterfangen ist. Manchmal reicht es immerhin noch für eine gewisse Fassungslosigkeit.
Am Mittwochabend wurden die Rollen getauscht. Diesmal stellte Fingerklopfer-Chefredakteur Manfred Hübner die Fragen, und Chris Ernst musste Rede und Antwort stehen. Nicht zur jüngsten politischen Kapriole, sondern zu sich selbst, seiner journalistischen Laufbahn und seinem neuen Buch.
„Rechts Empfinden – Handbuch für kritische Geister“ heißt das 284 Seiten starke Werk, erschienen am 13. Oktober 2026. Ein Titel mit bewusstem Wortspiel und ein Buch, das sein Autor als politisches Koordinatensystem versteht. Wer wissen möchte, wo Deutschland steht und wo man selbst in diesem zunehmend unübersichtlichen Gelände verortet ist, soll darin Orientierung finden.
Doch bevor es um politische Himmelsrichtungen ging, führte die Reise zunächst zurück in eine Zeit, als Journalisten noch Schreibmaschinen benutzten, Kameras Filme benötigten und man für eine gute Geschichte gelegentlich auch die eigene Gesundheit riskieren musste.
Von amerikanischen Straßenkreuzern und russischen Altersheimen
Chris Ernst wurde 1966 in der Eifel geboren, einer Gegend, die nach seiner eigenen scherzhaften Beschreibung nicht unbedingt von der Muse geküsst wurde. Allerdings hatte die vermeintliche Provinz einen entscheidenden Vorteil: die unmittelbare Nachbarschaft zu amerikanischen Luftwaffenstützpunkten.
Während der Rest Deutschlands noch die Segnungen amerikanischer Fast-Food-Kultur entdeckte, gehörten Straßenkreuzer, Burger und amerikanische Lebensart für den jungen Ernst längst zum Alltag. Er wuchs nahezu zweisprachig auf und lernte früh, dass die Welt nicht überall nach denselben Regeln funktioniert.
Besonders geprägt habe ihn dabei das amerikanische Freiheitsverständnis. Erfolg werde dort stärker anerkannt, unternehmerisches Scheitern weniger stigmatisiert. Wer eine Pleite hinter sich habe, müsse sich nicht zwangsläufig verstecken. In Deutschland hingegen könne bereits der erste Versuch, etwas Ungewöhnliches zu unternehmen, eine erstaunliche Zahl professioneller Bedenkenträger auf den Plan rufen.
Seine journalistischen Anfänge führten Ernst 1990 in die zerfallende DDR. In Erinnerung geblieben sind ihm nicht nur die politischen Umbrüche, sondern auch ganz alltägliche Eindrücke: etwa der morgendliche Lärm zahlreicher gleichzeitig startender Trabants auf einem Parkplatz in Karl-Marx-Stadt.
Vor allem aber lernte er, wie tief politische Umbrüche in persönliche Lebensgeschichten eingreifen können. Ein Gespräch mit einem ostdeutschen Spitzenruderer machte ihm deutlich, dass die Wiedervereinigung für viele Menschen neben neuen Freiheiten auch einen Verlust vertrauter Identität bedeutete. Geschichte, so seine Erkenntnis, lässt sich eben nicht immer allein aus der Perspektive der Sieger verstehen.
Noch eindringlicher wurde es Weihnachten 1991 im russischen Smolensk. Ernst begleitete einen Hilfskonvoi des Technischen Hilfswerks und dokumentierte die katastrophalen Verhältnisse in einem Altenheim. Bei minus 30 Grad versagte die Stromversorgung seiner Kamera. Also befestigte er die Batterie unter seiner Achselhöhle und versorgte den Fotoapparat über eine improvisierte Kabelverbindung mit Energie.
Fotografieren mit körpereigener Stromversorgung gewissermaßen. Eine Lösung, auf die heute vermutlich nicht einmal der ambitionierteste Smartphone-Hersteller käme.
Doch die technische Improvisation war nur ein Teil der Herausforderung. Ernst hatte wenige Minuten Zeit, um mit 36 analogen Aufnahmen menschliches Elend zu dokumentieren. Dabei stellte sich ihm eine Frage, die bis heute sein journalistisches Selbstverständnis prägt: Wie erzählt man eine Geschichte über menschliches Leid, ohne die betroffenen Menschen zu bloßen Objekten zu degradieren?
Der Fotograf dürfe die Würde seiner Motive nicht dem Wunsch nach einer spektakulären Aufnahme opfern. Eine bemerkenswerte Überlegung in einer Gegenwart, in der jedes Smartphone unendlich viele Bilder produziert und die Frage nach deren Wirkung häufig erst gestellt wird, wenn sie bereits millionenfach verbreitet sind.
Zwischen Jörg Haider, Lanzarote und dem eigenen Nachrichtenstudio
Die weitere Laufbahn führte Ernst nach Österreich, wo er im Umfeld des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider politische Kommunikationsarbeit leistete. Eine Erfahrung, die ihm den Unterschied zwischen journalistischer Beobachtung und politischer Inszenierung besonders deutlich machte.
Ernst schilderte, wie er dazu beitrug, Kärnten trotz der internationalen Kontroversen um Haider für deutsche Urlauber attraktiv zu halten. Dabei lernte er vor allem eines: Erfolgreiche Politiker verstehen es, komplizierte Botschaften in einfache Bilder zu übersetzen.
Seine erste persönliche Begegnung mit Haider fand übrigens auf der Toilette des Kärntner Landtags statt. Ein eher ungewöhnlicher Ort für den Beginn einer politischen Bekanntschaft. Immerhin konnte man dort sicher sein, dass die Beteiligten für einen Moment keine vorbereiteten Redemanuskripte in der Hand hielten.
Später verbrachte Ernst mehr als 16 Jahre auf Lanzarote und arbeitete von dort aus als freier Journalist. Die Corona-Zeit und die damit verbundenen Einschränkungen wurden schließlich zu einem wichtigen Impuls für sein eigenes digitales Nachrichtenformat.
Heute erreicht „Habitat – Lebensraum Deutschland“ nach seinen Angaben mehr als 85.000 Abonnenten. Werktags um 9.30 Uhr beginnt sein „Weckruf für kritische Geister“. Aus dem Reporter mit Filmrolle und Schreibmaschine ist ein eigener Nachrichtensender geworden.
Dass moderne Technik die Eintrittshürden in den Journalismus drastisch gesenkt hat, betrachtet Ernst als große Chance. Wo früher sechsstellige Investitionen erforderlich gewesen seien, genüge heute eine überschaubare technische Ausstattung, um ein großes Publikum zu erreichen.
Doch mit der technischen Unabhängigkeit wächst auch die Verantwortung. Ernst bekennt sich offen zu seiner rechten, wertkonservativen Haltung. Hübner wollte deshalb wissen, wie sich eine solche politische Positionierung mit journalistischer Objektivität vereinbaren lasse.
Ernst verglich die Situation mit einem Chirurgen, dessen politische Orientierung ebenfalls nichts über seine fachliche Kompetenz aussage. Entscheidend sei das professionelle Handwerk und die Bereitschaft, auch eigene politische Favoriten kritisch zu betrachten.
Auf die Nachfrage, wann er zuletzt eine Geschichte nach intensiver Recherche verwerfen musste, antwortete er bemerkenswert knapp: „Gestern.“
Er schilderte einen vermeintlich brisanten Fall, bei dem sich seine ursprüngliche Vermutung einer religiös-politischen Indoktrination nach genauerer Prüfung als unbegründet erwies. Die Geschichte wurde nicht veröffentlicht.
Vielleicht war das einer der wichtigsten Momente des ganzen Gesprächs. Denn guter Journalismus zeigt sich nicht nur an den Geschichten, die veröffentlicht werden, sondern manchmal gerade an jenen, die nach sorgfältiger Recherche im Papierkorb landen.
Rechts Empfinden: Ein politischer Kompass ohne eingebauten Linksdrall
Der unmittelbare Anlass des Gesprächs war natürlich Ernsts neues Buch. Und dessen Entstehung begann, wie so vieles in der digitalen Gegenwart, mit einem Kommentar im Internet.
„Das kann ja heiter werden!“, schrieb eine Zuschauerin am Abend der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 in den Live-Chat. Ernst verstand darin weniger eine optimistische Wettervorhersage als eine Vorahnung politischer Turbulenzen.
Aus dieser Bemerkung entwickelte sich die Idee eines politischen Handbuchs, das den Lesern helfen soll, ihre eigenen Wertmaßstäbe zu bestimmen.
Im Zentrum steht die Überzeugung, dass eine rechte politische Haltung keineswegs außerhalb des demokratischen Spektrums stehen müsse. Ernst versteht darunter vor allem Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, traditionelle Bindungen, Heimatbewusstsein und einen Staat, der seine Kernaufgaben erfüllt, sich ansonsten aber möglichst zurückhält.
Sein politisches Modell geht dabei über die einfache Links-rechts-Achse hinaus. Er ergänzt sie um die Dimensionen Identität und Ideologie. Das politische Koordinatensystem soll damit komplexer werden als die üblichen Schubladen, in denen die öffentliche Debatte so gerne ihre Teilnehmer verstaut.
Besonders ausführlich diskutierten Ernst und Hübner den Heimatbegriff. Für Ernst ist Deutschland nicht einfach ein geografisch abgestecktes Siedlungsgebiet, sondern ein kulturell und historisch gewachsener Lebensraum, mit dem Menschen eine emotionale Bindung verbinden.
Die von ihm vertretene These, politische Kräfte würden diese Bindung bewusst auflösen, blieb dabei nicht unwidersprochen. Hübner fragte nach der Veränderbarkeit solcher kulturellen Lebensräume und verwies augenzwinkernd auf die schwäbische Einwanderung nach Berlin. Wer die Gentrifizierung ganzer Stadtviertel erlebt habe, wisse schließlich, dass Migration nicht erst an Staatsgrenzen beginnt.
Ernst wiederum erläuterte sein Verständnis anhand von Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sein Beispiel: Wer auf einem Fußballplatz mitspielen wolle, müsse die Fußballregeln akzeptieren. Ein hervorragender Handballer sei deshalb kein schlechterer Mensch, passe mit seinem Regelverständnis aber nicht unbedingt in dieselbe Mannschaft.
Ob sich kulturelle Identität tatsächlich so eindeutig definieren lässt wie die Regeln eines Ballspiels, bleibt eine spannende Frage. Gerade hier zeigt sich, dass das Buch nicht nur Zustimmung hervorrufen, sondern auch Widerspruch und Diskussionen auslösen dürfte.
Und das ist für ein Handbuch kritischer Geister vermutlich kein schlechtes Ergebnis.
Ein Land voller Camper, dem die Bergsteiger ausgehen
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Ernst beschreibt in seinem Buch den „stillen Kollaps“ des Mittelstands. Gemeint sind nicht allein Unternehmensinsolvenzen, sondern vor allem Betriebe, die mangels Nachfolgern irgendwann ihre Türen schließen.
Für ihn ist dies Ausdruck eines tieferliegenden Problems: Die Bereitschaft, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, nehme ab. Steigende Belastungen, Bürokratie und mangelnde Zukunftsperspektiven machten Selbstständigkeit zunehmend unattraktiv.
Hübner brachte dazu den sogenannten Adversity Quotient ins Gespräch, ein Konzept, das beschreibt, wie Menschen mit Schwierigkeiten und Widerständen umgehen.
In diesem Zusammenhang fiel das Bild der „Climber“ und „Camper“. Die einen wollen den Berg erklimmen, die anderen haben sich auf halber Höhe eingerichtet und verteidigen ihren Campingplatz.
Deutschland, so Hübners zugespitzte Diagnose, scheine immer mehr zu einem Land der Camper zu werden. Der Gartenzaun steht, der Besitzstand wird verteidigt, und für den nächsten Aufstieg fehlt zunehmend die Begeisterung.
Ernst griff den Gedanken auf und kritisierte insbesondere eine gesellschaftliche Entwicklung, die Sicherheit und Work-Life-Balance zunehmend über Leistungsbereitschaft und Unternehmertum stelle. Dazu komme eine Politik, die neue Technologien lieber regulieren wolle, bevor deren wirtschaftliche Möglichkeiten überhaupt ausgeschöpft seien.
Man muss nicht jede seiner Schlussfolgerungen teilen, um die dahinterstehende Frage ernst zu nehmen: Wie soll ein Land wirtschaftlich vorankommen, wenn das Wagnis immer unattraktiver und die Absicherung zum dominierenden Lebensprinzip wird?
Dass diese Frage auch eine demografische Dimension besitzt und nicht allein politischen Entscheidungen zugeschrieben werden kann, wurde im Gespräch ebenfalls angesprochen.
Die Antwort dürfte komplizierter sein als manche politische Parole. Aber bekanntlich eignen sich komplizierte Antworten nur bedingt für Wahlplakate.
Ein Journalist, der selbst die KI zur Weißglut bringen möchte
Zum Ende des Gesprächs wurde es noch einmal persönlich und philosophisch.
Ernst erzählte von seinem Leben zwischen verschiedenen Ländern, seinen gescheiterten und geglückten Entscheidungen und seiner Hinwendung zum Taoismus. Der Weg sei wichtiger als ein starr festgelegtes Ziel. Wer sich unterwegs verirre, müsse deshalb nicht zwangsläufig falsch sein. Vielleicht sei der neue Standort sogar interessanter als der ursprünglich geplante.
Das passt zu einem Lebenslauf, der wenig Ähnlichkeit mit einer geradlinigen Beamtenkarriere besitzt. Auch privat habe er lernen müssen, dass sich Lebensentwürfe nicht einfach durch einen Jägerzaun, eine Doppelhaushälfte und die passenden Gartenzwerge stabilisieren lassen.
Besonders lebhaft wurde die Diskussion schließlich beim Thema künstliche Intelligenz. Ernst berichtete von Experimenten, bei denen er KI-Systeme mit seiner Biografie konfrontierte und sich anschließend interviewen ließ.
Sein Befund fiel wenig schmeichelhaft aus. Die Systeme hätten sich nach seiner Wahrnehmung zu stark auf seine politische Orientierung konzentriert und zu wenig echte Neugier für die vielen biografischen Geschichten gezeigt.
Ausgerechnet bei der Frage nach journalistischer Unabhängigkeit fühlte sich Ernst von der KI ungerecht behandelt. Die Unterstellung, seine politische Haltung könne seine professionelle Arbeit beeinträchtigen, empfand er als unangemessen.
Hübner hielt dagegen, ob eine KI nicht womöglich gerade deshalb skeptisch sei, weil sie aus den Erfahrungen mit menschlichem Journalismus gelernt habe. Daraus entwickelte sich ein munterer Schlagabtausch über Bewusstsein, Emotionen, Trainingsdaten und die Grenzen künstlicher Intelligenz.
Die kleine Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Ernst, der die Defizite der KI ausführlich beschrieb, kündigte an, sein Buch auch als Hörbuch mit einer künstlich erzeugten Version seiner eigenen Stimme veröffentlichen zu wollen. Einleitung und Schluss sollen noch vom Original stammen, dazwischen übernimmt der digitale Doppelgänger.
Man könnte sagen: Bei aller Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz ist Ernst durchaus bereit, sie arbeiten zu lassen. Zumindest solange sie nicht anfängt, ihm die falschen Interviewfragen zu stellen.
Stillstand ist ohnehin nicht seine Sache. Eine überarbeitete Ausgabe von „Rechts Empfinden“ befindet sich bereits in Planung. Mit „Habitat – Lebensraum Deutschland“ soll 2027 zudem ein weiterer Band erscheinen, der aus dem politischen Koordinatensystem eine Art Navigationshilfe für die kommenden gesellschaftlichen Entwicklungen machen soll.
Am Ende blieb der Eindruck eines Journalisten, der viel gesehen, manche Überzeugung überdacht und seinen eigenen politischen Standort inzwischen recht eindeutig gefunden hat. Einer, der gerne erzählt, gelegentlich provoziert, aber auch bereit ist, sich den kritischen Fragen seines Gesprächspartners zu stellen.
Der Fingerklopfer-Talk bot damit weit mehr als die Vorstellung eines neuen Buches. Er gewährte Einblicke in ein ungewöhnliches Journalistenleben und in die Erfahrungen, aus denen politische Überzeugungen entstehen.
Und er erinnerte an etwas, das im politischen Meinungskampf leicht verloren geht: Wer einen Menschen verstehen möchte, sollte nicht nur fragen, was er denkt, sondern auch, warum er so denkt.
Das vollständige Gespräch mit Chris Ernst vom 4. November 2026 ist beim Fingerklopfer zu sehen. Sein Buch „Rechts Empfinden – Handbuch für kritische Geister“ ist seit dem 13. Oktober 2026 erhältlich.