Der Wiener Zentralfriedhof ist ein Ort der Superlative. Rund drei Millionen Menschen ruhen auf fast zweieinhalb Quadratkilometern, mehr als auf jedem anderen Friedhof Europas. Eröffnet wurde er am 1. November 1874, an einem Allerheiligentag. Unsere Reportage zum Fest der Toten führt genau dorthin. Abrunden wollten wir sie mit dem Gegenstück zur monumentalen Totenstadt: einem kleinen, unscheinbaren Ort des Gedenkens:
Im Waldmüllerpark in Favoriten liegt hinter einem grünen Gitterzaun der Gräberhain. Rund hundert historische Grabmäler erinnern an den einstigen katholischen Friedhof von Matzleinsdorf, der einer Parkanlage weichen musste. Allerheiligen intim, abseits der Massen, im Schatten alter Bäume.
Das Tor ist versperrt. Am Zaun hängt eine grüne Tafel. Darauf steht in erfreulich unbürokratischer Klarheit: „Gräberhain Waldmüllerpark – Schlüssel leihweise erhältlich“. Darunter eine E-Mail-Adresse der Magistratsabteilung 42, der Wiener Stadtgärten.
Eine ebenso einfache wie sympathische Botschaft. Wer hineinmöchte, kann sich einen Schlüssel ausleihen.
Man könnte meinen, die Sache sei damit geklärt.
Man könnte allerdings auch glauben, die Wiener Stadtverwaltung hätte das 19. Jahrhundert inzwischen vollständig hinter sich gelassen.
Eine Bitte und ein Bescheid
Wir haben geschrieben. Freundlich, knapp, organisatorisch. Wir erklärten, dass wir eine Reportage zu Allerheiligen vorbereiten, am Donnerstag- oder Freitagabend einige Fotos machen möchten, den Schlüssel am Donnerstagnachmittag abholen und spätestens am folgenden Werktag zurückbringen würden.
Dazu eine einzige Frage: Wo und bei wem liegt der Schlüssel bereit?
Nochmal: Keine Filmproduktion mit hundert Statisten. Keine Großveranstaltung. Keine Baumbeleuchtung, kein Bühnenaufbau, kein Staatsbesuch.
Ein Journalist, eine Kamera, ein paar Grabsteine. Und ein Schlüssel.
Die Antwort kam noch am selben Tag. Das verdient Anerkennung. Die Wiener Verwaltung kann schnell sein. Leider offenbar nur dann, wenn es darum geht, eine Frage zu beantworten, die niemand gestellt hat.
Der Absender war nicht etwa eine Stelle, die Schlüssel verwaltet, sondern das Referat Veranstaltungskoordination. Schon die Anrede ließ ahnen, dass wir die Welt des gesunden Menschenverstands verlassen hatten:
„Sehr geehrte Antragstellerin! Sehr geehrter Antragsteller!“
Aus einem Menschen mit einer schlichten organisatorischen Frage war binnen weniger Stunden ein geschlechtsneutral doppelt adressierter Verwaltungsfall geworden. Mit zwei Ausrufezeichen!!
Weil die „mindestens 4-wöchige Anmeldefrist für Fotoaufnahmen“ verstrichen sei, könnten die Wiener Stadtgärten „Ihrem Ansuchen daher nicht nähertreten“.
Nicht nähertreten.
Welch wunderbares Wort. Man sieht förmlich den Beamten, der aus sicherer Entfernung auf das Anliegen blickt, die Nase rümpft, den Akt mit zwei Fingern anhebt und beschließt, ihm lieber nicht näherzutreten. Vielleicht ist das Anliegen ansteckend. Vielleicht enthält es eine Frage, die man tatsächlich beantworten müsste.
Es folgten der Verweis auf ein Onlineformular für Veranstaltungen, Grundbenützungen und Baumbeleuchtungen, die Forderung nach einem genauen Lageplan, ein Vertrag, der bis zur „beiderseitigen Unterfertigung“ kostenfrei bleibe, und der Rat, sich für weitere Genehmigungen an die „zuständigen Stellen“ zu wenden.
Ein beeindruckendes Arsenal administrativer Abwehrmaßnahmen. Man hätte meinen können, wir planten die Errichtung einer mehrstöckigen Veranstaltungshalle zwischen den Grabsteinen.
Nur eines fehlte im gesamten Schreiben: der Schlüssel.
Ebenso fehlten der Gräberhain, Allerheiligen und die Antwort auf jene Frage, die wir tatsächlich gestellt hatten.
Dafür hatten wir jetzt erfahren, dass auch Baumbeleuchtungen einer behördlichen Ordnung unterliegen. Eine Erkenntnis, die unser journalistisches Leben zweifellos bereichert.
Ein Wiedersehen mit der MA 2412
Wer in Österreich ferngesehen hat, kennt diesen Ton. Um die Jahrtausendwende, von 1998 bis 2002, zeigte der Österreichische Rundfunk mit „MA 2412“ (MA steht – für alle Nicht-Wiener – für „Magistratsabteilung“) ein fiktives Amt für Weihnachtsdekoration. Roland Düringer und Alfred Dorfer verkörperten dort eine Verwaltungskultur, deren höchste Kunst darin bestand, jedes Anliegen so lange zu bearbeiten, bis davon nichts mehr übrig blieb.
Damals haben wir darüber gelacht.
2026 erleben wir die Fortsetzung. Diesmal ohne Drehbuch, ohne Schauspieler und vor allem ohne die tröstliche Gewissheit, dass es sich bloß um Satire handelt.
Denn die eigentliche Pointe dieser Amtsposse ist nicht, dass eine Behörde ihre Formulare verschickt. Formulare haben ihre Berechtigung. Auch Genehmigungen können notwendig sein. Die Pointe besteht darin, dass die Verwaltung offenbar nicht mehr zwischen einem Anliegen und jenem Verfahren unterscheiden kann, in das sie es am liebsten hineinpressen möchte.
Man fragt nach einem Schlüssel. Die Behörde hört „Fotoaufnahmen“. Fotoaufnahmen bedeuten Verfahren. Verfahren bedeuten Fristen. Fristen bedeuten Zuständigkeiten. Zuständigkeiten bedeuten Formulare. Und irgendwo auf diesem langen, ehrwürdigen Weg verschwindet der Schlüssel.
Das ist die große Kunst des verstaubten Behördentums: Es löst nicht das Problem. Es verwaltet dessen Existenz.
Und das mit einer Würde, als hinge das Schicksal der Republik daran.
Die Sprache der längst verblichenen Obrigkeit
Was hier spricht, ist eine beinahe tote Sprache. Die Linguistik kennt dafür den Begriff Kurialstil: jene steife, umständliche Schreibweise der kaiserlich und königlichen Hofkanzleien, mit der eine Obrigkeit zu ihren Untertanen sprach.
Wer „einem Ansuchen nähertritt“, thront oben. Wer ansucht, wartet unten.
Das klingt nach einer Epoche, in der Untertanen ehrerbietig ihre Hüte zogen, bevor sie um die Erlaubnis baten, überhaupt eine Frage stellen zu dürfen.
Dabei haben sich die Verhältnisse längst umgekehrt. Die Verwaltung ist kein Gnadenhof der Obrigkeit, sondern eine aus öffentlichen Mitteln finanzierte Dienstleistungseinrichtung. Ihre Mitarbeiter sind nicht die Herren über den Bürger, sondern mit der Erfüllung öffentlicher Aufgaben betraut.
Das ist keine revolutionäre Forderung. Es ist das Grundverständnis einer modernen Verwaltung.
Umso bemerkenswerter, wenn sich hinter zeitgemäßen Internetauftritten und freundlichen Informationsschildern ein Amtsverständnis konserviert, das offenbar noch immer an die selige Zeit der Hofkanzlei glaubt.
Der Bürger wird zum Antragsteller. Der Journalist zum Bittsteller. Die Frage zum Ansuchen. Der Schlüssel zum Verwaltungsakt.
Und aus einer Auskunft wird eine Audienz, die mangels rechtzeitiger Anmeldung leider nicht gewährt werden kann.
Ausgerechnet am Gräberhain, einem Ort der Toten, antwortet die Behörde in einer Sprache, die selbst längst auf den Friedhof der Verwaltungsgeschichte gehört.
Der Unterschied: Die historischen Grabsteine sind wenigstens sehenswert.
Der Maßstab: ein Servicecenter
Eine Stadtverwaltung dient den Bürgern. Sie soll ermöglichen, erklären, unterstützen und dort, wo rechtliche Grenzen bestehen, diese verständlich darlegen. Auch gegenüber der Presse, die im öffentlichen Interesse berichtet.
Ihr Anspruch lässt sich an vier einfachen Kriterien messen.
Verständnis. Ein Servicecenter liest, was gefragt wird. Gefragt war nach einem Schlüssel, den die Stadt selbst auf einer Tafel ausdrücklich zur Ausleihe anbietet. Beantwortet wurde ein vermeintlicher Genehmigungsantrag, den wir in dieser Form gar nicht gestellt hatten.
Art. Ein Servicecenter spricht mit Menschen. Die Antwort sprach zu „Antragstellern“, in Formeln aus einer längst vergangenen Verwaltungsepoche. Eine Sprache, die Distanz schafft, Hierarchien zelebriert und Verantwortung so lange zwischen Referaten verteilt, bis sich niemand mehr zuständig fühlen muss.
Inhalt. Ein Servicecenter liefert eine brauchbare Auskunft. Wir erhielten eine Frist, ein Formular, einen Vertrag und den Verweis auf andere Stellen. Wo der Schlüssel liegt, wissen wir bis heute nicht.
Bereitschaft. Ein Servicecenter will helfen. Es sucht nach einer Lösung, statt zuerst nach einem Grund zu suchen, warum eine Lösung nicht möglich sein könnte. Selbst wenn für journalistische Fotoaufnahmen tatsächlich eine besondere Genehmigung erforderlich gewesen wäre, hätte ein einziger zusätzlicher Satz genügt: „Den Schlüssel erhalten Sie bei folgender Stelle; für die geplanten Aufnahmen gelten allerdings diese Voraussetzungen.“
Das wäre verständlich gewesen. Freundlich. Sachlich. Bürgernah.
Also gewissermaßen revolutionär.
Das hohe Ross und der kleine Schlüssel
Vielleicht liegt das eigentliche Problem tiefer als in einem unglücklich formulierten Antwortschreiben.
Es ist eine Haltung, die aus manchen Amtsstuben nicht verschwinden will. Eine Haltung, die Bürgernähe gerne auf Broschüren druckt, sie im konkreten Kontakt aber offenbar für eine Zumutung hält.
Sie erkennt im Bürger nicht den Auftraggeber öffentlicher Verwaltung, sondern zunächst eine potenzielle Störung des geregelten Betriebs. Einen Menschen, der etwas möchte. Der eine Frage stellt. Der womöglich sogar erwartet, eine Antwort zu bekommen.
Das ist natürlich gefährlich. Denn würde man einmal damit beginnen, Fragen einfach zu beantworten, könnte am Ende noch der Eindruck entstehen, die Verwaltung sei tatsächlich für die Menschen da.
Wo kämen wir da hin?
Also bleibt man lieber auf dem hohen Ross. Von dort oben sieht man zwar den kleinen Schlüssel nicht mehr, dafür aber die ganze majestätische Landschaft der Zuständigkeiten, Vorschriften und Fristen.
Das Ross ist alt, sein Sattel staubig, sein Reiter spricht Kurialdeutsch. Aber wenn es wiehert, dann mit der ganzen Autorität einer Institution, die ihre eigene Wichtigkeit niemals infrage stellen würde.
Besonders bitter ist dabei, dass wir keine Sonderbehandlung verlangt haben. Wir wollten lediglich jenes Angebot in Anspruch nehmen, das die Stadt selbst öffentlich macht.
„Schlüssel leihweise erhältlich.“
Ein Satz, so einfach, dass man ihn kaum missverstehen kann.
Und doch hat es die Verwaltung geschafft, daraus ein bürokratisches Labyrinth zu errichten, an dessen Eingang eine Vierwochenfrist steht und an dessen Ausgang niemand weiß, wo der Schlüssel liegt.
Allerheiligen für die Bürgernähe
Vielleicht passt diese Geschichte besser zu Allerheiligen, als wir ursprünglich gedacht hatten.
Wir wollten über die Spuren der Verstorbenen berichten, über ein kleines Stück Erinnerungskultur, das die Stadt Wien bewahrt hat. Stattdessen sind wir auf eine andere Hinterlassenschaft gestoßen: die erstaunliche Lebensdauer obrigkeitlicher Verwaltungstraditionen.
Der alte Matzleinsdorfer Friedhof ist verschwunden. Seine Grabsteine haben überlebt. Das Kaiserreich ist untergegangen. Seine Amtssprache erfreut sich offenbar weiterhin bester Gesundheit.
Und während sich die Stadt Wien zu Recht ihrer Parks, ihrer Geschichte und ihrer öffentlichen Einrichtungen rühmt, kann eine simple Anfrage nach einem Schlüssel genügen, um die Fassade moderner Bürgerorientierung empfindlich bröckeln zu lassen.
Natürlich lässt sich aus einer einzigen Antwort nicht auf eine ganze Magistratsabteilung schließen. Aber gerade die kleinen Vorgänge verraten oft mehr über eine Organisationskultur als die großen Leitbilder. Denn hier wäre es so einfach gewesen, hilfreich zu sein.
Niemand musste eine schwierige Entscheidung treffen. Niemand musste ein Budget bewilligen. Niemand musste eine politische Verantwortung übernehmen.
Es ging um einen Schlüssel.
Und vielleicht ist das die bitterste Pointe dieser Geschichte: Nicht der Gräberhain ist das bemerkenswerteste Relikt vergangener Jahrhunderte, sondern jene Verwaltungssprache und jenes Amtsverständnis, die uns den Zugang zu ihm erklären sollten.
Die Grabsteine stehen wenigstens still und stören niemanden.
Der Amtsschimmel hingegen wiehert weiter.
Und der Schlüssel?
Der liegt vermutlich irgendwo in einer Lade.
Ob man seiner Ausfolgung allerdings näherzutreten gedenkt, bedarf wohl erst einer fristgerechten Antragstellung unter Beilage eines Lageplans.
Vielleicht erfahren wir es bis Allerheiligen 2027.
Vorausgesetzt, wir reichen rechtzeitig ein Ansuchen ein.
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