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Der Solarpark an der A3 und die vier Millionen Ökopunkte

Hintergrund

Am Dienstag, 27. Oktober, reden die Ortsbeiräte von Linter und Lindenholzhausen ein letztes Mal mit über den Solarpark an der A3. Als sie zum ersten Mal gemeinsam darüber berieten, im Februar 2022, war im Bürgerhaus Linter die Heizung ausgefallen, und es ging um zehn Hektar Acker.

Inzwischen sind es 23 Hektar. Ein Batteriespeicher ist dazugekommen. Und in den Planunterlagen steht eine Zahl, die den Kreis auf den Plan ruft: 4.041.337. So viele Ökopunkte soll die Wiese unter den Modulen einbringen. Die Naturschutzbehörde hält die Rechnung für fehlerhaft.

Von Redaktion · Stand: 26. Oktober 2026
Grafik: Reihen von Solarmodulen auf einer Wiese neben Acker und Autobahn, dazu der Schriftzug Solarpark an der A3 und 4.041.337 Ökopunkte

Ein kalter Abend in Linter

Bekannt wurden die Pläne der Energieversorgung Limburg (EVL) 2021; im November lud sie zu einer Informationsveranstaltung. Im Januar 2022 wollte der Ortsbeirat Lindenholzhausen Genaueres wissen. Die EVL sagte am Morgen der Sitzung ab, die Stadt hatte gar nicht erst jemanden geschickt. Der Ortsbeirat erfuhr von dem Projekt nach eigener Darstellung über Dritte. So berichtete es damals die Nassauische Neue Presse (nachzulesen auf lindenholzhausen.de).

Am 7. Februar 2022 kamen Umweltausschuss und beide Ortsbeiräte im Bürgerhaus Linter zusammen. Mehr als 60 Zuhörer drängten sich in den Saal, viele davon Landwirte, die Heizung funktionierte nicht. EVL-Geschäftsführer Gert Vieweg warnte vor einer drohenden „Strom-Lücke". Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands bat die Eigentümer, an die Landwirte zu denken. Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) sprach vom Beginn eines Dialogs und sagte: „Gegen den erklärten Willen von Ortsbeiräten und Stadtverordneten werden wir das nicht machen" (NNP, auf lindenholzhausen.de).

Die Eckdaten damals, nach einer schriftlichen Erklärung der EVL: mindestens zehn Hektar, rund zehn Megawatt, Strom für etwa 4.000 Haushalte. Zwei Wochen später, in einer Sondersitzung in Lindenholzhausen, erklärte Vieweg, warum Dächer keine Alternative seien: „Wir rechnen in Hektar, nicht in Quadratmetern" (NNP, auf lindenholzhausen.de).

Aus zehn Hektar wurden 23

Die Fläche ist seither gewachsen, Schritt für Schritt. Im März 2022 setzte die CDU im Ortsbeirat Linter einen Antrag durch, Alternativen zu prüfen. Ihr Sprecher Michael Stock, heute Ortsvorsteher, wollte zurück zur Planfläche von 2015, also nur zwischen Autobahn und Radweg. Im Juni war von 15 Hektar die Rede, im Juli zeichnete sich in der großen Koalition aus CDU und SPD eine Mehrheit dafür ab. Im Februar 2024 verlangte die CDU Linter, den Park „wie ursprünglich zugesagt" von 20 auf 10 Hektar zu begrenzen (NNP März, NNP Juli, Wittich, beide auf lindenholzhausen.de).

Im Dezember 2024 beschlossen die Stadtverordneten, einen Bebauungsplan aufzustellen. Heute umfasst das Plangebiet 22,8 Hektar. Die EVL nennt auf ihrer Projektseite 22 Megawatt Leistung, einen Speicher mit 10 Megawatt, rechnerisch 6.600 Haushalte und 8.200 Tonnen weniger CO₂ im Jahr. In ihrem eigenen Fragenkatalog auf derselben Seite stehen noch die alten Werte: rund 10 Megawatt und 10.000 Megawattstunden im Jahr.

Säulendiagramm. Genannte Fläche des Solarparks: Februar 2022 mindestens 10 Hektar, Juni 2022 15 Hektar, Februar 2024 20 Hektar, Oktober 2026 22,8 Hektar Plangebiet.
Die genannte Fläche des Solarparks seit 2022: im Februar 2022 mindestens 10 Hektar nach Angaben der EVL, im Februar 2024 der Planstand nach Angaben der CDU Linter, im Oktober 2026 das Plangebiet der Satzungsfassung.

Gestritten wurde schon 2022 über die Böden. Die Stadt sprach damals von Werten „unter 60". Ortsbeiräte aus Lindenholzhausen lasen aus derselben Quelle Besseres heraus; Carina Schneider, damals CDU-Mitglied im Ortsbeirat und heute Ortsvorsteherin, nannte die Durchschnittsrechnung der EVL eine „Schönrechnung" (NNP, auf lindenholzhausen.de). Der Bescheid des Regierungspräsidiums Gießen vom September 2026 nennt nun Bodenzahlen von 30 bis 69.

Der Streifen an der Autobahn

Für den weiteren Weg wurde ein Erlass wichtig. Das Plangebiet ist im Regionalplan Mittelhessen Vorranggebiet für die Landwirtschaft und regionaler Grünzug; ein Solarpark ist dort nicht zulässig. Seit dem 15. April 2025 gilt das nach einem Erlass des hessischen Wirtschaftsministeriums nicht mehr für einen 200 Meter breiten Streifen entlang der Autobahn. In diesem Streifen liegen 14,2 der 23,1 Hektar.

Gestapelter Balken. Von 23,1 Hektar liegen 14,2 Hektar im 200-Meter-Streifen an der A3, für den seit dem Erlass vom 15. April 2025 keine Zielabweichung nötig ist. Für 8,9 Hektar wurde eine Abweichung vom Regionalplan zugelassen, befristet auf höchstens 30 Jahre.
Nur für 8,9 der 23,1 Hektar war eine Ausnahme vom Regionalplan nötig, und nur für sie gilt die Grenze von 30 Jahren.

Für die übrigen 8,9 Hektar hat der zuständige Ausschuss der Regionalversammlung am 16. September eine Ausnahme beschlossen. Der Bescheid setzt drei Bedingungen: Das Vorranggebiet bleibt, die Solarnutzung endet nach höchstens 30 Jahren, danach muss die Fläche wieder Acker oder Grünland werden können. Die 30 Jahre gelten nur für diese 8,9 Hektar und sollen in einem städtebaulichen Vertrag stehen, nicht im Bebauungsplan. Der Vertrag liegt noch nicht vor.

Die besseren Böden liegen dort, wo der Erlass die Prüfung erspart. Werte über 60 nimmt ein Grundsatzpapier der Regionalversammlung in der Regel von Solarparks aus. Im Teil mit der Ausnahme liegen die Werte nach dem Bescheid überwiegend darunter; die höheren, auf der Karte im Bescheid bis 66, liegen überwiegend im Streifen an der Autobahn.

Was ein Ökopunkt ist und was er möglich macht

Wer in Hessen Natur verbraucht, muss das ausgleichen. Die Kompensationsverordnung von 2018 rechnet dafür in Wertpunkten: Jeder Quadratmeter bekommt je nach Biotop einen Wert, ein Neubaugebiet zieht Punkte ab, eine neue Wiese oder Hecke bringt welche. Was eine Maßnahme über den eigenen Bedarf hinaus einbringt, kann eine Kommune auf ein Ökokonto buchen lassen und später abrufen. Nach der Verordnung sollen solche Punkte bei künftigen Eingriffen sogar vorrangig zum Zug kommen. Unter bestimmten Bedingungen wachsen sie auf dem Konto: vier Prozent im Jahr, höchstens zehn Jahre lang.

Was das in Limburg heißt, zeigt ein Bebauungsplan vom Juni dieses Jahres. Für die Änderung des Bebauungsplans „Auf der Heide" in Dietkirchen, ein Gewerbe- und Industriegebiet von rund 1,35 Hektar, fehlten nach der Bilanz 185.348 Punkte. Die Stadt nahm sie von ihrem Ökokonto und ordnete die Kosten zu hundert Prozent den Baugrundstücken zu (Vorlage 26/154).

Die vier Millionen Punkte aus dem Solarpark wären gut das Zwanzigfache davon. Einen staatlich festgelegten Preis gibt es nicht; das Umweltministerium nannte dem Landtag 2015 Werte von wenigen Cent bis über einen Euro je Punkt (Drucksache 19/1174). Einen Anhaltspunkt gibt die Verordnung selbst: Wer einen Eingriff nicht ausgleichen kann und dafür zahlen muss, zahlt 40 Cent je Punkt, dazu einen Anteil für den Bodenwert. Auf vier Millionen Punkte angewandt wären das nach eigener Rechnung mehr als 1,6 Millionen Euro. Das ist ein Rechenwert, kein Marktpreis.

Balkendiagramm. Bilanz der Stadt für den Solarpark: 4.041.337 Ökopunkte Überschuss. Nach dem Einwand der Unteren Naturschutzbehörde rechnerisch höchstens rund 1,8 Millionen. Zum Vergleich: Das Gewerbegebiet Auf der Heide in Dietkirchen benötigte 185.348 Punkte vom Ökokonto der Stadt.
Ökopunkte im Vergleich. Die mittlere Zeile ist eine eigene Rechnung nach dem Einwand der Unteren Naturschutzbehörde.

Der Einwand des Kreises

Nach dem Umweltbericht wird aus intensiv genutztem Acker eine Wiese unter und zwischen den Modulen. Das bringt nach der Bilanz des Planungsbüros 4.041.337 Punkte, die „für die Dauer der Nutzung einem Ökokonto gutgeschrieben werden" könnten.

Die Untere Naturschutzbehörde des Kreises widersprach am 30. April. Die Berechnung sei fehlerhaft: Der angesetzte Wiesentyp sei nach der Verordnung in diesem Fall nicht zulässig, richtig sei ein niedriger bewerteter. Das koste mindestens zehn Punkte je Quadratmeter. Bei gut 22 Hektar Acker wären das nach eigener Rechnung mehr als zwei Millionen Punkte weniger, rund die Hälfte. Ausgeglichen sei der Eingriff trotzdem. Eine Einbuchung auf das Ökokonto der Stadt aber könne „nach dem derzeitigen Rechtsstand nicht positiv beschieden werden". Eine weitere Hürde sei, dass die Wiese nach dem Ende der Anlage wieder Acker werden soll. Nach der Verordnung sollen Ausgleichsmaßnahmen zu einer dauerhaften Verbesserung führen; wer sie umsetzt, muss sie in der Regel mindestens 30 Jahre sichern.

Der Fachdienst Landwirtschaft des Kreises sieht es von der anderen Seite: Die Punkte entstünden gerade dadurch, dass aus Acker Grünland wird. Dass die Fläche wieder Acker wird, nachdem die Punkte anderswo verbraucht sind, halte er „für sehr fraglich".

Die Stadt antwortet in der Abwägung, sie habe die Bilanz überprüft, der Wiesentyp sei in drei Jahren erreichbar, und sie wolle den Überschuss weiter einem Ökokonto gutschreiben. Die Zahl stand schon im Entwurf vom Januar und steht unverändert in der Satzungsfassung vom September. Insgesamt habe die Abwägung „zu keinen Ergänzungen oder Änderungen der Planinhalte" geführt, heißt es in der Vorlage.

Begehrt sind die Punkte schon jetzt. Der Ortsbeirat Lindenholzhausen hat im Februar einstimmig darum gebeten, sie dem „Konto" des Stadtteils gutzuschreiben.

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Acht Landwirte bewirtschaften die Flächen, fünf davon nur als Pächter. Der Kreis-Fachdienst ermittelte für sechs Betriebe Flächenverluste von 1,6 bis 20,5 Prozent, teils mehr, als die Regionalversammlung in der Regel für unerheblich hält. Eine weitere Prüfung erübrige sich, schreibt das Regierungspräsidium: Alle acht hätten schriftlich zugestimmt und eine Gefährdung ihres Betriebs ausdrücklich verneint. Die Erklärungen liegen der Behörde vor.

Der Kreisbauernverband sieht den Park dennoch „in der derzeitigen Form negativ kritisch" und meldete im April „erhebliche Bedenken" an. Die obere Landwirtschaftsbehörde beim Regierungspräsidium schrieb von rund 22,4 Hektar „intensiv als Ackerland genutzt" und einem „erheblichen Entzug von produktionsstarkem Standortpotenzial". Kreis und Regierungspräsidium regten eine Agri-Photovoltaik an, bei der unter hohen Modulen weiter Ackerbau möglich ist; 2022 hatte auch die SPD dafür geworben (NNP, auf lindenholzhausen.de). Die Stadt hat das verworfen, unter anderem mit Blick auf Wirtschaftlichkeit, Speicher und Genossenschaft.

Feldlerche ja, Feldhamster nein

Feldhamster fanden die Kartierer von 2023 bis 2025 keine; die Bestände um Limburg gelten nach dem Fachbeitrag als erloschen. Die gefährdete Feldlerche dagegen brütet hier, mit drei Revieren im Plangebiet und einem daneben. Sechs offene Streifen in der Anlage sollen sie halten. Ob die neuen Hecken entlang der Zäune die Vögel vertreiben, sei nicht untersucht, wendet die Naturschutzbehörde ein. Die Stadt sieht keine erheblichen Auswirkungen.

Die Bürgerbeteiligung, ein Dauerversprechen

Eine Beteiligung der Bürger ist seit 2022 im Gespräch. Die EVL nannte damals einen Sparbrief mit fester Verzinsung oder eine Genossenschaft. Die CDU Linter schlug 2024 vor, beteiligten Bürgern etwa jährlich 2.500 Kilowattstunden kostenlos zu liefern. Heute steht in Vorlage und Begründung, bis zu 23 Prozent der Anlagenflächen „sollen" auf eine Bürgerenergiegenossenschaft übergehen. Festgesetzt ist das nicht.

Linter bat im Februar, die Beteiligung „zeitnah vertraglich" zu regeln, Lindenholzhausen, die „versprochene Bürgerbeteiligung" umzusetzen. Die Stadtverordneten schrieben am 2. März in ihren Beschluss: „Darüber hinaus findet eine Bürgerbeteiligung statt." Ob es die Genossenschaft gibt, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Wer wie abstimmte

Im Februar stimmte der Ortsbeirat Linter dem Entwurf mit acht Stimmen einstimmig zu. In Lindenholzhausen fand er keine Ja-Stimme: fünf dagegen, zwei Enthaltungen. Die Stadtverordneten billigten ihn am 2. März mit 31 zu 7 und 32 zu 6 Stimmen, dagegen die FDP und vier beziehungsweise drei CDU-Abgeordnete (Protokoll). Am 16. November entscheidet die bei der Kommunalwahl im März neu gewählte Stadtverordnetenversammlung. Vorher berät am 5. November der Bauausschuss.

Was die Planunterlagen nicht verraten: die Speicherkapazität in Megawattstunden, die Investitionssumme und wer den Park betreiben wird. 2022 hieß es, eine gemeinsame Gesellschaft mit der Thüga Erneuerbare Energien solle bauen, die Mehrheit bei der EVL. Die EVL gehört zu 50,49 Prozent der Stadt Limburg.

Der Fingerklopfer hat Stadt und EVL dazu befragt. Ihre Antworten tragen wir nach.

Quellen


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