Zwischen Clan-Kontakten und Koalitionsgesprächen: Wie tief reichen die Kontakte von Berliner Linken in das Clan-Milieu?

Berlin erlebt derzeit eine politische Entwicklung, die weit über eine gewöhnliche Personaldebatte hinausgeht. Die Berliner Linke hat die Abgeordnetenhauswahl gewonnen und beansprucht Regierungsverantwortung. Gleichzeitig gerät sie wegen dokumentierter Kontakte einzelner Politiker in das Umfeld der Remmo-Familie und wegen der politischen Vergangenheit ihrer Spitzenkandidatin zunehmend unter Erklärungsdruck. Dennoch laufen Gespräche mit SPD und Grünen über eine gemeinsame Landesregierung weiter.
Der Vorwurf, die Berliner Linke sei vom Clan-Milieu „unterwandert“, wäre nach derzeitigem Kenntnisstand nicht belegt. Die Fakten liefern aber genügend Anlass für eine wesentlich konkretere Frage:
Welche politische Nähe zu problematischen Milieus ist eine Partei bereit zu akzeptieren – und wo zieht sie die rote Linie?
Der Fall Ferat Koçak: Der Chat ist dokumentiert
Der Berliner Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak stand zuletzt wegen veröffentlichter Chatnachrichten mit Firas Remmo, dem Sohn von Issa Remmo, im Mittelpunkt der Kritik.
Koçak bestreitet den Kontakt nicht. Er bezeichnete ihn als Fehler und entschuldigte sich. Aus den veröffentlichten Nachrichten geht unter anderem hervor, dass er Firas Remmo um die Weiterverbreitung eines Ausschnitts aus einer Bundestagsrede bat und Grüße an Issa Remmo ausrichten ließ. Koçak erklärte zunächst, er habe nicht gewusst, mit wem er kommunizierte. Später wurde berichtet, dass ihm die Identität seines Gesprächspartners bei weiteren Nachrichten bekannt gewesen sei.
Koçak lässt seine parlamentarischen Funktionen inzwischen vorerst ruhen. Damit ist der Vorgang politisch eindeutig relevant: Der Kontakt ist dokumentiert, Koçak hat ihn eingeräumt und selbst als Fehler bezeichnet. Sein Bundestagsmandat und damit auch seine gesetzliche Abgeordnetenentschädigung bleiben davon unberührt. Diese beträgt derzeit etwa 11.800 Euro monatlich.
Was daraus nicht folgt, sind Behauptungen über Geldzahlungen, eine organisierte Zusammenarbeit oder die Weitergabe vertraulicher Informationen. Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren öffentlichen Beleg.
Allerdings ist ein weiterer Aspekt inzwischen dokumentiert, der angesichts der aktuellen Kontakte zumindest politisch Fragen aufwirft: Koçak beschäftigte sich bereits während seiner Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus wiederholt und außerordentlich detailliert mit Polizeieinsätzen gegen sogenannte „Clankriminalität“.
Gemeinsam mit dem damaligen Linken-Abgeordneten Niklas Schrader stellte er am 25. Februar 2022 eine Schriftliche Anfrage zu entsprechenden Polizeieinsätzen. Gefragt wurde unter anderem nach konkreten Orten, Datum und Uhrzeit der Einsätze, beteiligten Behörden und Polizeieinheiten sowie den geleisteten Einsatzkräftestunden. Besonders detailliert waren Fragen zur Bewaffnung: Die Abgeordneten wollten wissen, bei welchen Einsätzen Polizeikräfte Maschinenpistolen oder andere Schnellfeuerwaffen offen am Körper getragen hatten und welche Gefahrenprognose dies jeweils rechtfertigte.
2022 fragten Koçak und Schrader außerdem nach Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit sogenannter „Clankriminalität“, nach den eingesetzten Polizeikräften, den mitgeführten Waffen und danach, ob Minderjährige in den betroffenen Haushalten lebten.
Im September 2023 folgte eine weitere Anfrage zum Thema „Polizei- und Verbundeinsätze im Bereich sogenannter Clankriminalität“. Auch darin wurden erneut Einsatzorte, Zeitpunkte, beteiligte Behörden und Einheiten sowie die Zahl der eingesetzten Kräfte abgefragt. Für den Zeitraum vom 1. Januar bis 25. September 2023 weist die Senatsantwort etwa 100 Schwerpunkt- und Kontrolleinsätze, davon 65 im Verbund mit anderen Behörden, aus.
Diese parlamentarischen Anfragen sind als solche völlig legitim. Sie beweisen weder eine unzulässige Informationsbeschaffung noch eine Weitergabe von Informationen an die Remmo-Familie. Nach Bekanntwerden der persönlichen Kontakte erhält diese ungewöhnliche Detailtiefe allerdings eine neue politische Brisanz. Eine weitergehende Verbindung zwischen den parlamentarischen Anfragen und den später bekannt gewordenen privaten Kontakten ist öffentlich bislang nicht belegt.
Issa Remmo auf der Wahlparty
Noch am Wahlabend erschien Issa Remmo auf der Wahlparty der Neuköllner Linken.
Die Partei erklärt, er sei nicht eingeladen gewesen und habe nicht auf der Gästeliste gestanden. Eine politische oder persönliche Beziehung zu ihm weist die Linke zurück.
Deshalb wäre die Behauptung, „die Linke habe den Remmo-Clan eingeladen“, nicht sauber belegt.
Belegt ist dagegen:
Issa Remmo erschien auf einer Wahlparty der Neuköllner Linken – und gleichzeitig steht ein Linken-Abgeordneter wegen dokumentierter Kontakte zu seinem Sohn unter politischem Druck.
Das ist kein Beweis für eine organisierte Verbindung. Es ist aber ein Vorgang, zu dem eine Partei, die Regierungsverantwortung übernehmen will, Fragen beantworten muss.
Inzwischen gibt es weitere Medienberichte über Personen aus dem Umfeld der palästinensischen Barbakh-Großfamilie, die ebenfalls bei der Wahlparty gewesen sein sollen. Diese Angaben sind bislang nicht in gleicher Weise unabhängig bestätigt.
Die entscheidende politische Frage ist eine daher: Wie geht die Berliner Linke mit belegten Kontakten und möglichen Näheverhältnissen um – und welche Konsequenzen zieht sie daraus?
Elif Eralp und die Rote Hilfe
Hinzu kommt die politische Vergangenheit der Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Die Berliner Linke hat bestätigt, dass Eralp mehrere Jahre Mitglied der Roten Hilfe war. Ihre Mitgliedschaft ist zudem in den Handbüchern des Berliner Abgeordnetenhauses für 2022 und 2023 dokumentiert. Nach Angaben der Partei trat sie 2025 aus; sie sei während ihres Jurastudiums beigetreten und über Jahre lediglich passives Mitglied gewesen. Als Grund für den Austritt nennt die Partei teilweise unterschiedliche politische Ansichten.
Auch hier ist die juristische Grenze eindeutig: Aus der Mitgliedschaft allein folgt nicht, dass Eralp selbst linksextremistisch ist. Der Berliner Verfassungsschutz ordnet die Rote Hilfe jedoch dem linksextremistischen Spektrum zu und bezeichnet sie als die mit Abstand größte linksextremistische Organisation Berlins. Die Organisation hatte sich zuletzt beispielsweise mit der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette solidarisiert. Die Berliner Ortsgruppe der Roten Hilfe rief 2025 ausdrücklich zur Teilnahme an einer Solidaritätskundgebung für Klette auf; 2026 bezeichnete der Bundesvorstand ihr Urteil von 13 Jahren Haft als „politischen Schauprozess“ und „Akt der Gesinnungsjustiz“.
Damit ist die Mitgliedschaft politisch relevant – nicht als Beweis für eine extremistische Gesinnung Eralps, sondern als legitimer Gegenstand politischer Fragen.
Eralp ist inzwischen nicht mehr irgendeine Abgeordnete. Sie ist Spitzenkandidatin der Berliner Linken und beansprucht das Amt der Regierenden Bürgermeisterin.
Deshalb darf man fragen:
Welche politischen Vorstellungen haben sie während ihrer Mitgliedschaft geprägt – und warum hielt sie eine Mitgliedschaft in dieser Organisation über Jahre für vereinbar mit ihrem politischen Weg?
Und trotzdem: Koalitionsgespräche mit SPD und Grünen
Hier bekommt die Affäre ihre eigentliche politische Dimension.
Die Berliner Linke strebt gemeinsam mit SPD und Grünen eine Regierungsbildung an. Die möglichen Koalitionspartner kennen die öffentlichen Vorgänge. Gleichzeitig erklären SPD und Grüne, dass unter anderem der Umgang mit Antisemitismus, jüdischem Leben und organisierter Kriminalität zu den wichtigen Themen der Gespräche gehört.
Das ist kein Beweis für eine besondere Nähe der Grünen oder der SPD zum Clan-Milieu. Aber es stellt sie vor eine politische Glaubwürdigkeitsfrage.
Denn wer gemeinsam regieren will, muss auch gemeinsame Mindeststandards definieren.
Wie viel politische Nähe zu Personen aus dem Umfeld organisierter Kriminalität ist akzeptabel?
Welche Konsequenzen müssen politische Mandatsträger ziehen, wenn solche Kontakte bekannt werden?
Und welche Anforderungen stellen SPD und Grüne an die Linke, bevor sie mit ihr eine Landesregierung bilden?
Das sind keine lapidaren Fragen, die sich durch den Hinweis auf eine politische Kampagne erledigen lassen.
Hinzu kommt: Die Grünen haben inzwischen sogar eine konkrete Bedingung formuliert. Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner erklärte, die Linke solle in einer möglichen rot-grün-roten Landesregierung weder das Innen- noch das Justizressort übernehmen. Als Grund nannte sie unter anderem die Kontakte einzelner Linken-Politiker zu Personen mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität.
Die Berliner SPD hat ihrerseits Sondierungsgesprächen mit Linken und Grünen zugestimmt. Damit haben alle drei Parteien den Weg für Gespräche freigemacht.
Noch deutlicher wurde die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Irene Mihalic. Sie stellte öffentlich sogar die Frage, ob Koçak sein Bundestagsmandat niederlegen müsse. Die Grünen kritisieren damit den Vorgang einerseits scharf – andererseits ist ihre Partei weiterhin bereit, mit der Berliner Linken über eine gemeinsame Landesregierung zu sprechen.
Genau hierin liegt der politische Prüfstein: Reichen politische Distanzierungen aus – oder müssen aus ihnen konkrete Bedingungen für eine Regierungszusammenarbeit folgen?
Die Sicherheitsfrage reicht über Berlin hinaus
Die Dimension geht inzwischen über einen Berliner Parteienstreit hinaus. Reuters berichtete im September über Überlegungen deutscher Sicherheitsbehörden zum Umgang mit vertraulichen Informationen im Fall einer Regierungsbeteiligung von Parteien, bei denen Sicherheitsrisiken gesehen werden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Berliner Linke und der Vorwurf möglicher Verbindungen zur organisierten Kriminalität thematisiert.
Damit steht eine wesentlich größere Frage im Raum:
Wie gewährleistet eine künftige Berliner Landesregierung die notwendige Distanz zwischen Politik und organisierter Kriminalität – und wie schützt sie zugleich vertrauliche Informationen der Sicherheitsbehörden?
Das ist eine Frage staatlicher Funktionsfähigkeit, nicht bloß parteipolitischer Auseinandersetzung.
Gerade weil die Vorgänge brisant sind, muss die Kritik hart sein, aber faktisch bleiben.
Sehr wohl lässt sich daher feststellen:
Die Berliner Linke steht wegen dokumentierter Kontakte des Abgeordneten Koçak, des Erscheinens von Issa Remmo auf einer Wahlparty und der politischen Vergangenheit ihrer Spitzenkandidatin unter erheblichem Erklärungsdruck.
Das ist harte politische Kritik – aber keine Verleumdung, solange zwischen belegten Tatsachen, Bewertungen und offenen Fragen sauber unterschieden wird.
Die eigentliche Bewährungsprobe
Am Ende geht es deshalb um etwas Konkreteres:
Welche Standards setzt eine Partei, die Regierungsverantwortung übernehmen will, bei persönlichen Kontakten ihrer Funktionsträger?
Und dieselbe Frage richtet sich an SPD und Grüne:
Welche roten Linien gelten für eine gemeinsame Regierung – und werden diese Linien auch durchgesetzt?
Die Berliner Linke muss erklären, wie sie mit den dokumentierten Kontakten ihres Abgeordneten umgeht. Elif Eralp muss sich Fragen zu ihrer früheren Mitgliedschaft in der Roten Hilfe gefallen lassen. SPD und Grüne müssen erklären, welche Konsequenzen sie aus diesen Vorgängen für eine mögliche Zusammenarbeit ziehen.
Das alles ist noch kein Beweis für eine organisatorische Verbindung zwischen Linker, Clan-Milieu und linksextremen Strukturen.
Aber es ist eine bemerkenswerte Häufung politisch problematischer Berührungspunkte.
Berlin braucht deshalb Transparenz, klare Grenzen und nachvollziehbare Konsequenzen.
Denn wer Regierungsverantwortung beansprucht, muss nicht nur Mehrheiten organisieren.
Er muss auch zeigen, wo seine politischen Grenzen liegen – und ob er bereit ist, sie einzuhalten. Dabei muss politische Kritik ebenso hart wie faktisch und rechtlich sauber bleiben.
Quellen und weiterführende Informationen
Redaktionshinweis
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Der Artikel erschien zuerst am 30. September 2026 auf allianz-fuer-freiheit.de.