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Die billige Legende von den „Trümmer-Türken“ in Deutschland

03. Oktober 2026 // geschrieben von Chris Ernst (Gastbeitrag)

Wüst macht Wahlkampf nach Berliner Vorbild. Er unterwirft sich in Ankara einer Lügengeschichte, um sich wahlberechtigte Türken in NRW zu sichern. Im Frühjahr wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, und kaum einer dürfte vergessen haben, wer in Gebieten wie Duisburg-Marxloh die Kontrolle über die Straßen hat. Nur so lassen sich seine Aussagen über die Türken erklären, ohne die der Aufbau von Deutschland nie zu Stande gekommen wäre.

Hendrik Wüst und Johann Wadephul suchten beide binnen 12 Monaten die politische Nähe zur Türkei. Dafür bedienen sie eine völlig falsche Erzählung: Türkische Arbeitskräfte hätten Deutschland nach dem Krieg aufgebaut. Wüst wiederholte diese historisch vollkommen groteske Aussage. Nun erneut bei seinem Türkei-Besuch. Er beleidigt Millionen von Deutschen Nachkriegs-Familien, wenn er behauptet, ohne die Türken wäre der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg nicht möglich gewesen.

Den Vogel schoß aber erneut Frank walter Steinmeier ab, der dieses falsche Bild noch in einen vergoldeten Rahmen setzte: Am 10. September 2021, zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens, im Schloss Bellevue sagte der oberste Deutsche in Amt und Funktion: „Nicht nur das deutsche Wirtschaftswunder, nein, die Entwicklung dieser deutschen Gesellschaft war und ist maßgeblich getragen von Italienern, von Griechen, von Spaniern und Türken.“ In derselben Rede: „Sie haben Deutschland mit aufgebaut.“ Er zitierte zudem den Satz einer Anwesenden: „Wir sind doch keine Gäste in einem Haus, das wir selbst mit gebaut haben.“

Das Gegenteil war der Fall.

Als die Bundesrepublik 1961 mit der Türkei das Anwerbeabkommen schloss, war der Wiederaufbau vollzogen und die Wirtschaft im Boom. Es fehlten keine Arbeitsplätze, es fehlten Arbeits- und vor allem Hilfskräfte. 1960 standen rund 650.000 offenen Stellen etwa 150.000 Arbeitssuchende gegenüber. Die Wirtschaft suchte nach Unterstützung im Ausland. Das Abkommen mit der Türkei war die Antwort auf diesen Mangel, kein Wiederaufbauprogramm. Zuvor waren bereits Italiener angeworben worden, danach Spanier, Griechen und weitere.

Deutschland hatte eine expandierende Wirtschaft. Die Türkei hatte hohe Arbeitslosigkeit. Junge ungelernte Türken, ohne Perspektive in ihrer Heimat, kamen, weil der deutsche Lohn deutlich über dem lag, was die Heimat bot. Viele waren ohne formale Ausbildung und nur für einfache und angelernte Tätigkeiten vorgesehen. Sie arbeiteten dort, wo zusätzliche Hände gebraucht wurden. Deutschland brauchte Arbeitskräfte und keine Aufbau-Spezialisten.

Es war ein Deal und Deutschland damals noch kein Sanierungsfall.

Deutschland bekam Kräfte für den Boom. Die Türken bekamen deutsche Löhne. Die Türkei bekam Beschäftigung für einen Teil ihrer Überschusskräfte und Devisen durch die Überweisungen nach Hause. Die Wirtschaft bezahlte so, dass ein erheblicher Teil des Lohns in die Türkei gehen konnte. Genau darin lag der Nutzen für Ankara.

Süleyman Demirel, der damalige Staatschef der Türkei, wusste das. In dem 2001 überlieferten Hürriyet-Interview bezifferte er die seit 1961 in die türkische Heimat transferierten Ersparnisse der Gastarbeiter auf nahezu 100 Milliarden Dollar und stellte dieses Geld in den unmittelbaren Zusammenhang mit der Sanierung und wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei. Nicht türkische Arbeitskräfte bauten Deutschland auf. Die boomende deutsche Wirtschaft ermöglichte den Aufbau der Türkei.

Also nochmals zur Einordnung des historischen Unsinns, den sowohl Wüst, als auch Steinmeier und Wadephul verbreiten:

Das Wirtschaftswunder war bereits Realität, als die ersten türkischen Gastarbeiter kamen. Währungsreform, Soziale Marktwirtschaft, die Politik unter Adenauer und Erhard und die Leistung der deutschen Bevölkerung hatten den Aufstieg hervorgebracht. 1961 kam die Türkei nicht in ein zerstörtes Land. Sie kam in ein Land, das Arbeitskräfte brauchte. Wer heute behauptet, Deutschland sei ohne türkische Arbeitskräfte nicht wiederaufgebaut worden, verwechselt Ursache und Wirkung.

Die „Trümmer-Türken“ gab es nicht. Die Trümmer waren beseitigt, die Betriebe produzierten und expandierten. Die Angeworbenen kamen in dieses prosperierende Land, um am Wohlstand zu verdienen. Sie arbeiteten, verdienten und schickten einen erheblichen Teil nach Hause. Das war der Deal und dieser Deal beschreibt ihre Leistung genauer als die Heldenlegende. Sie nutzten eine Chance, die Deutschland bot, weil die Wirtschaft bereits stark genug war, zusätzliche Kräfte zu beschäftigen und hoch zu bezahlen.

Aus diesem Arbeitsmarktgeschäft machen Steinmeier, Wüst und Wadephul nachträglich eine Dankbarkeitserzählung. Deutschland soll der Türkei verdanken, was es selbst geleistet hat. Die Geschichte wird umgedreht. Die Deutschen bauten ihre Wirtschaft wieder auf. Diese Wirtschaft schuf danach Arbeitsplätze, die für Menschen aus schwächeren Ländern attraktiv waren. Die türkischen Arbeitnehmer profitierten, die Türkei profitierte von den Überweisungen.

Deutschland bekam Arbeitskräfte. Türkische Arbeitnehmer bekamen deutsche Löhne. Die Türkei bekam Devisen. Beide Seiten hatten einen Nutzen. Die Behauptung, türkische Arbeitskräfte hätten Deutschland nach dem Krieg aufgebaut, bleibt eine historisch falsche Erzählung. Wüst erzählt sie trotzdem, weil im Frühjahr in Nordrhein-Westfalen gewählt wird und mehr als eine Viertelmillion Wahlberechtigte haben türkische Wurzeln, dass entspricht in Prozenten etwa dem Gesamtvolumen der Wählerschaft der FDP in NRW. Und es geht um die Vorherrschaft und Nachfolge in den ehemaligen roten SPD-Hochburgen, da ist ein wenig Geschichtsrevisionismus eingepreist.“

Redaktionshinweis

Gastbeiträge geben die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder. Die darin vertretenen Auffassungen müssen nicht mit der Position der Redaktion von Der Fingerklopfer übereinstimmen. Die Redaktion behält sich Kürzungen und redaktionelle Bearbeitungen vor, sofern dadurch die inhaltliche Aussage des Autors nicht verändert wird.