Trauer ist kein Parteibuch – was der Umgang mit Michael Kyrath über unsere Debattenkultur erzählt

Auf dem Frankfurter Römerberg kamen am Samstag rund 1.300 Menschen zur „Trauerwache Deutschland“ zusammen. Viele von ihnen verbindet etwas, das sich kaum in politische Kategorien pressen lässt: Sie haben Angehörige durch Gewalttaten verloren oder sind selbst Betroffene. Initiator Michael Kyrath kennt diesen Verlust auf brutalste Weise. Seine 17-jährige Tochter Ann-Marie wurde 2023 im Regionalzug bei Brokstedt ermordet. Doch statt ausschließlich über die Opfer und ihre Angehörigen zu sprechen, wird inzwischen darüber gestritten, ob deren Gedenken politisch „rechts“ oder gar „rassistisch“ sei. Die Art, wie dabei mit Trauernden umgegangen wird, wirft grundsätzliche Fragen auf.
Es sind die Bilder eines Tages, die Michael Kyrath auch drei Tage später noch bewegen. Menschen stehen vor den Porträts ihrer getöteten Kinder, Ehepartner oder Angehörigen. Sie erzählen Fremden von ihnen. Andere liegen sich weinend in den Armen. Telefonnummern werden ausgetauscht, Kontakte entstehen. Für einige Stunden finden Menschen zusammen, deren Leben durch Gewalt unwiderruflich in ein Davor und ein Danach geteilt wurde.
So beschreibt Kyrath in einer Videobotschaft vom 22. September die Trauerwache Deutschland auf dem Frankfurter Römerberg. Ausdrücklich spricht er dabei nicht für die gesamte Initiative, sondern als Privatperson.
Sein Fazit über die Veranstaltung ist eindeutig: Sie sei „sehr warmherzig“ und „sehr würdevoll“ gewesen.
Dass eine solche Veranstaltung überhaupt notwendig wurde, hat auch mit Kyraths eigener Geschichte zu tun.
Seit Brokstedt ist nichts mehr wie zuvor
Am 25. Januar 2023 stach Ibrahim A. in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg auf Fahrgäste ein. Die 17-jährige Ann-Marie Kyrath und ihr 19-jähriger Freund Danny starben, vier weitere Menschen wurden schwer verletzt. Das Landgericht Itzehoe verurteilte den Täter im Mai 2024 wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.
Für Michael Kyrath war dieser Tag der Beginn eines Lebens, das er sich nicht ausgesucht hat.
Er spricht seitdem öffentlich über seine Tochter, über die Erfahrungen der Angehörigen und darüber, was nach den Schlagzeilen bleibt, wenn Kamerateams und Politiker längst weitergezogen sind. In einem ausführlichen Interview mit Cicero schilderte Kyrath im Juli dieses Jahres, wie er erfahren hatte, dass Ann-Marie zu den Todesopfern gehörte – und wie sich selbst Jahre später Geburtstage, Weihnachten und andere Familienfeste um den einen Platz drehen, der leer bleibt.
Aus diesem persönlichen Schicksal entwickelte sich schließlich sein Engagement bei der Trauerwache Deutschland. Kyrath erklärte, die Initiative sei ursprünglich aus dem Umfeld von „Ein Lächeln für Niclas“ hervorgegangen. Nach einer ersten Einladung als Redner habe er sich entschlossen, dauerhaft mitzuarbeiten. Nach einer größeren Veranstaltung in Dresden folgte nun Frankfurt.
Die Initiative selbst beschreibt ihr Ziel als öffentliches Gedenken an Menschen, die seit 2015 durch Gewalttaten ums Leben gekommen sind. Für Frankfurt hatte sie ausdrücklich zu einer Gedenkkundgebung und einem anschließenden Trauermarsch eingeladen. Im Vorfeld hieß es, alles Trennende solle zurückstehen; im Mittelpunkt sollten „Erinnern, Anteilnahme und ein würdevolles Miteinander“ stehen.
Am 19. September kamen nach übereinstimmenden Berichten etwa 1.300 Menschen auf den Römerberg.
Wenn aus Trauernden plötzlich politische Objekte werden
Genau hier beginnt der Teil der Geschichte, der weit über die Veranstaltung hinausweist.
Das Dokunetzwerk Rhein-Main, das sich selbst als Zusammenschluss unabhängiger Fotojournalisten beschreibt und nach eigener Darstellung rechte, „neurechte“ und extrem rechte Bewegungen dokumentiert, begleitete die Veranstaltung fotografisch. Zwei Tage später veröffentlichte das Netzwerk einen Beitrag unter der Überschrift „Rassistische Demonstration in Frankfurt“.
Darin wird der Initiative nicht lediglich vorgeworfen, politische Forderungen zur Migration zu erheben. Das Netzwerk formuliert wesentlich weitergehend. Ziel der Trauerwache sei es, schwere Gewalttaten zu „instrumentalisieren“, um rassistische Stimmung gegen Geflüchtete und Menschen mit Migrationsgeschichte zu erzeugen. Die Organisatoren hätten unterschiedliche rechte Milieus angesprochen und einen Vernetzungsort geschaffen. Als Beleg führt der Beitrag unter anderem die Teilnahme von AfD-Politikern, Frauke Petry und weiteren Personen aus rechten politischen Zusammenhängen an.
Diese politischen Verbindungen und die Teilnahme entsprechender Personen darf und soll Journalismus dokumentieren. Auch Aussagen auf einer solchen Kundgebung dürfen kritisiert, überprüft und politisch eingeordnet werden.
Doch etwas anderes ist es, daraus eine Kollektivbeschreibung für eine Veranstaltung abzuleiten, auf der zugleich Eltern vor den Bildern ihrer getöteten Kinder stehen.
Denn wer an einer öffentlichen Veranstaltung teilnimmt, übernimmt damit nicht automatisch die politischen Biografien sämtlicher anderer Teilnehmer. Und aus der Anwesenheit einzelner Parteipolitiker lässt sich noch keine Gesinnung eines trauernden Vaters oder einer Mutter ableiten.
Genau an diesem Punkt entzündet sich inzwischen der Konflikt.
Die Berliner Zeitung berichtete am 22. September ebenfalls darüber, dass Teilnehmer der Trauerwache fotografiert und Bilder anschließend im Internet veröffentlicht worden seien.
Für Kyrath ist diese Form der Beobachtung keine abstrakte medienpolitische Debatte. Er berichtet in seiner Videobotschaft, dass auch Menschen fotografiert worden seien, die um Kinder oder Ehepartner trauerten. Er wirft den Verantwortlichen vor, diese Menschen anschließend politisch zu stigmatisieren.
Diese Schilderung ist zunächst Kyraths Darstellung. Nachprüfbar ist allerdings, dass das Dokunetzwerk umfangreiches Bildmaterial von der Veranstaltung veröffentlichte und die gesamte Kundgebung ausdrücklich als „rassistische Demonstration“ einordnete.
Die unbequeme Realität der Opfer passt nicht in einfache Schubladen
Besonders bemerkenswert ist eine Aussage Kyraths aus seiner aktuellen Videobotschaft: Mehr als die Hälfte der Opfer beziehungsweise Familien, um die man sich kümmere, habe nach seiner Darstellung selbst einen Migrationshintergrund.
Diese Zahl lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen derzeit nicht unabhängig überprüfen. Sie verdeutlicht aber, warum Kyrath die gegen ihn gerichteten Rassismusvorwürfe persönlich als besonders verletzend empfindet.
Er schildert, dass er Familien zuhause besucht, beim Ausfüllen von Formularen hilft, sie zu Behörden begleitet und versucht, finanzielle Unterstützung zu organisieren. Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion spielten für ihn dabei keine Rolle.
Das passt zu einer zentralen Botschaft, die Kyrath seit längerem öffentlich formuliert: Opfer sollen nicht danach unterschieden werden, wer sie waren oder wer der Täter war.
Man muss deshalb nicht jede politische Schlussfolgerung Kyraths teilen. Man muss auch nicht jede Rede auf einer Trauerwache gutheißen. Selbstverständlich kann darüber gestritten werden, welche Rolle Migration, Asylpolitik, Kriminalität, Integration oder staatliche Versäumnisse bei einzelnen Fällen gespielt haben.
Aber dieser Streit darf nicht dazu führen, dass der Mensch hinter dem politischen Konflikt verschwindet.
Eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, wird nicht dadurch zu einer Extremistin, dass neben ihr ein AfD-Abgeordneter steht. Ein Vater verliert nicht das Recht, öffentlich nach politischen Ursachen einer Tat zu fragen, weil seine Antwort möglicherweise von einer bestimmten Partei geteilt wird. Und Angehörige müssen sich nicht zunächst von jedem unerwünschten Teilnehmer einer öffentlichen Kundgebung distanzieren, bevor ihre Trauer gesellschaftlich als legitim gelten darf.
Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Trauer darf politisch sein – ohne dass Trauernde entmenschlicht werden
Natürlich ist die Trauerwache Deutschland nicht unpolitisch.
Allein die bewusste Konzentration auf bestimmte Gewalttaten seit 2015 enthält eine politische Aussage. Kyrath selbst kritisiert Migrations- und Sicherheitspolitik scharf. Auf der Frankfurter Veranstaltung traten mit Manuel Ostermann und Julia Ruhs Personen auf, die ebenfalls dezidierte Positionen zu Migration und innerer Sicherheit vertreten. Und unter den Teilnehmern befanden sich Politiker und Aktivisten verschiedener rechter Gruppierungen. Das alles gehört zur vollständigen Beschreibung der Veranstaltung.
Doch auch das Gegenteil gehört zur Wahrheit: Im Zentrum des Trauermarsches standen Porträts getöteter Menschen. Angehörige waren anwesend. Menschen kamen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen zusammen. Das Dokunetzwerk selbst beschreibt, dass der Zug von den Fotos der Opfer geprägt war.
Der Konflikt dreht sich deshalb letztlich um eine Frage, die unsere politische Kultur schon länger beschäftigt: Können wir einem Menschen noch zuhören, bevor wir überprüfen, in welche Schublade er gehört?
Gerade gegenüber Menschen, die einen Sohn, eine Tochter oder einen Partner durch Gewalt verloren haben, müsste die Antwort eigentlich leichtfallen.
Man kann ihre politischen Schlussfolgerungen kritisieren. Man kann widersprechen. Man kann Statistiken prüfen. Man kann widersprüchliche Aussagen offenlegen. Man kann untersuchen, wer sich einer Veranstaltung anschließt und mit welchem Interesse.
Aber Trauernde zu bloßen Objekten eines politischen Milieuscannings zu machen, verfehlt etwas Elementares: zunächst den Menschen zu sehen.
„Pfui, schämt euch“
Kyraths Videobotschaft endet deshalb nicht nüchtern. Man spürt seine Wut.
Er wirft denjenigen, die Trauernde fotografierten und politisch einordneten, vor, Menschen für eine eigene Agenda zu benutzen. Dann wird er ungewöhnlich emotional: „Pfui, schämt euch“, sagt er mehrfach.
Man muss diesen Ton nicht übernehmen, um nachvollziehen zu können, woher er kommt.
Kyrath hat seine 17-jährige Tochter verloren. Seitdem verbringt er einen erheblichen Teil seines Lebens damit, andere Familien zu besuchen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Er erzählt von Wohnzimmern, Formularen, Ämtern, finanziellen Sorgen – von all den Dingen also, die nach einer Gewalttat beginnen, wenn die Öffentlichkeit längst beim nächsten Thema angekommen ist.
Vor diesem Hintergrund wirkt die entscheidende Frage sehr viel einfacher als manche politische Debatte darum:
Muss man Menschen, die um ihre ermordeten Kinder trauern, wirklich zuerst politisch katalogisieren?
Wer eine Aussage Kyraths falsch findet, soll ihr widersprechen. Wer seine politischen Forderungen ablehnt, soll bessere Argumente vorlegen. Wer problematische Teilnehmer einer Demonstration dokumentieren möchte, soll dies journalistisch sauber tun.
Aber vielleicht sollte der erste Blick auf eine Mutter vor dem Foto ihres Kindes oder einen Vater, der seit Jahren mit einem leeren Platz am Familientisch leben muss, nicht durch ein Teleobjektiv auf deren vermutete politische Gesinnung gerichtet sein.
Vielleicht sollte man diesen Menschen zunächst zuhören.
Das bedeutet nicht, jede politische Interpretation ihres Schicksals zu übernehmen.
Es bedeutet etwas viel Grundsätzlicheres: ihnen ihre Würde zu lassen.