Brunneneinweihung in Mensfelden endet mit „Nazi“-Eklat

Ein historischer Brunnen, eine eigentlich gelungene Feierstunde – und am Ende ein Satz am Mikrofon, der für Fassungslosigkeit sorgt. Bei der Einweihung des historischen Dorfbrunnens in Mensfelden soll einer der beteiligten Musiker erklärt haben, ein weiteres Lied möglicherweise nicht spielen zu wollen, weil sich „Nazis“ unter den Anwesenden befänden. Wen er damit konkret meinte, blieb offen. Vertreter der AfD-Fraktion Hünfelden fühlten sich angesprochen. Nun steht die Frage im Raum, wie die Gemeinde Hünfelden mit dem Vorfall umgeht.
Es hätte ein ausgesprochen schöner Vormittag für Mensfelden werden können. Zahlreiche Bürger waren am Sonntag zur Einweihung des historischen Brunnens in der Hehnerstraße gekommen. Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer begrüßte die Gäste, Robert Krebs berichtete über die Geschichte des Brunnens, Musiker begleiteten die Veranstaltung. Es ging um Dorfgeschichte, Heimat und darum, ein Stück des alten Mensfelden wieder sichtbar zu machen.
Der Anlass dafür war durchaus bemerkenswert. Bei der Erneuerung der Hehnerstraße war 2020 ein alter, aus Bruchsteinen gemauerter Brunnen aus dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden. Im Rahmen der Dorfentwicklung wurde seine Sichtbarmachung später als Förderprojekt aufgenommen. Nach Angaben des Landkreises beläuft sich das Investitionsvolumen auf knapp 30.000 Euro; rund 18.800 Euro stammen aus Fördermitteln. Die Gemeinde hatte im Frühjahr angekündigt, das Projekt nach den Sommerferien fertigstellen zu wollen.
Am Sonntag, 27. September, sollte dieser Teil Mensfelder Geschichte offiziell an die Öffentlichkeit zurückgegeben werden. Auch kirchlich war der Termin begleitet: Für 10.30 Uhr war eine Andacht zur Brunneneinweihung angekündigt.
Ein Satz verändert die Stimmung
Doch gegen Ende der Veranstaltung kam es nach übereinstimmenden Schilderungen aus dem Kreis der Teilnehmer zu einer Szene, die mit dem eigentlichen Anlass kaum etwas zu tun hatte.
Einer der Musiker soll über das Mikrofon sinngemäß erklärt haben, eigentlich noch ein weiteres Lied spielen zu wollen, dies nun aber möglicherweise nicht zu tun, weil sich „Nazis“ unter den Anwesenden befänden.
Eine konkrete Person soll dabei nicht genannt worden sein.
Genau dieser Punkt ist für die journalistische Einordnung wichtig: Bislang ist nicht geklärt, auf wen sich die Äußerung bezog. Unter den Gästen befanden sich allerdings auch politische Mandatsträger, darunter der Vorsitzende der AfD-Fraktion in der Hünfeldener Gemeindevertretung, Jochen Ernst, und sein Fraktionskollege Stefan Ernst.
Die AfD-Fraktion machte den Vorfall anschließend öffentlich. Jochen Ernst erklärte in einer Pressemitteilung, seine Fraktion habe die Veranstaltung weder gestört noch für einen politischen Auftritt genutzt. Man sei als gewählte Gemeindevertreter dort gewesen. Eine Brunneneinweihung, die Menschen zusammenbringen solle, sei aus Sicht der Fraktion nicht der Ort für „politische Ausgrenzung oder pauschale Diffamierungen“.
Besonders problematisch sei die Verwendung des Begriffs „Nazis“.
„Völlig unangemessen“
Diese Wahrnehmung beschränkt sich nicht auf die offizielle Stellungnahme der Fraktion. Gegenüber dem Fingerklopfer schilderte ein weiterer Teilnehmer die Situation ebenfalls als ausgesprochen befremdlich.
Bis zu diesem Moment sei es eine „wirklich schöne und würdevolle Brunneneinweihung“ gewesen. Dass ein für die musikalische Begleitung zuständiger Beteiligter anschließend das Mikrofon für eine solche Äußerung genutzt habe, sei der Veranstaltung „völlig unangemessen“ gewesen.
Auch dieser Teilnehmer weist ausdrücklich darauf hin, dass niemand namentlich angesprochen worden sei. Aufgrund des Zusammenhangs und der anwesenden politischen Vertreter habe jedoch der Eindruck entstehen können, dass sich die Äußerung gegen Vertreter der AfD richtete.
Bemerkenswert ist dabei noch ein anderer Aspekt: Bei einer öffentlichen Dorfveranstaltung befinden sich keineswegs nur Politiker im Publikum. Dort stehen Familien, ältere Menschen, Vereinsvertreter und Bürger, die schlicht zur Einweihung eines Brunnens gekommen sind. Wird ohne weitere Konkretisierung öffentlich erklärt, unter den Anwesenden befänden sich „Nazis“, bleibt zwangsläufig offen, wer überhaupt gemeint sein soll.
Genau darin liegt die besondere Brisanz einer solchen Äußerung.
Ein historisch schwer belasteter Begriff
Denn „Nazi“ ist keine beliebige politische Unmutsäußerung. Der Begriff steht historisch für den Nationalsozialismus und damit für eine totalitäre Diktatur, Verfolgung, Krieg und millionenfachen Mord.
Wer ihn heute gegenüber konkreten Menschen verwendet, erhebt deshalb einen schwerwiegenden Vorwurf. Ob eine Äußerung im konkreten Fall darüber hinaus rechtlich als Beleidigung, üble Nachrede oder in anderer Weise einzuordnen wäre, hängt von Wortlaut, Zusammenhang, erkennbarem Adressatenkreis und weiteren Umständen ab und lässt sich aufgrund der bislang bekannten Informationen nicht seriös abschließend beurteilen.
Journalistisch entscheidend ist zunächst etwas anderes: Eine solche Äußerung fiel nach mehreren vorliegenden Schilderungen ausgerechnet auf einer Veranstaltung, deren Zweck im gemeinsamen Erinnern und Feiern eines Stücks Mensfelder Ortsgeschichte lag.
Aus einem Brunnenfest wurde damit innerhalb weniger Sekunden eine politische Kontroverse.
Bürgermeisterin offenbar ebenso überrascht
Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer befand sich während des Vorfalls vor Ort. Nach den Schilderungen von Teilnehmern kam die Äußerung auch für sie vollkommen überraschend. Eine unmittelbare öffentliche Stellungnahme der Bürgermeisterin dazu gab es während der Veranstaltung nicht.
Einer der Zeugen nimmt Scheu-Menzer ausdrücklich in Schutz: Die Situation sei so unvermittelt entstanden, dass zunächst praktisch alle Anwesenden „völlig verdattert“ gewesen seien.
Das ist nachvollziehbar.
Damit erledigt ist der Vorgang allerdings nicht.
Denn die Gemeinde Hünfelden war nicht irgendein zufälliger Zuschauer dieser Veranstaltung. Sie hat das Brunnenprojekt umgesetzt und öffentlich begleitet. Bürgermeisterin Scheu-Menzer selbst stellt das „Miteinander der Bürgerinnen und Bürger“ als einen zentralen Anspruch ihrer Arbeit heraus.
Gerade deshalb besteht nach dem Vorfall Klärungsbedarf: Was genau wurde gesagt? Gegen wen richtete sich die Äußerung? In welcher Funktion war der betreffende Musiker an der Veranstaltung beteiligt? Und wie bewertet die Gemeinde eine solche Äußerung im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde?
Eine unmittelbare spontane Reaktion während einer völlig unerwarteten Situation zu verlangen, wäre billig. Eine Reaktion im Nachgang darf man von einer Gemeinde dagegen erwarten.
Aus einem Fest für das Dorf wird eine politische Debatte
Der eigentliche Anlass droht nun hinter dem Vorfall zu verschwinden. Das ist bedauerlich, denn der historische Brunnen selbst steht eigentlich für das genaue Gegenteil: für die Bewahrung örtlicher Geschichte und für ein Projekt, an dem viele Menschen gemeinsam gearbeitet haben.
Die Fördermaßnahme ist ein Beispiel dafür, wie Dorfentwicklung konkret aussehen kann. Der Brunnen wurde erhalten, sichtbar gemacht und damit ein Stück Ortsgeschichte für kommende Generationen bewahrt.
Umso befremdlicher wirkt es, wenn eine solche Veranstaltung am Ende zum Schauplatz politischer Zuschreibungen wird.
Politische Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie. Auch scharfe Kritik an Parteien und ihren Vertretern gehört dazu. Wer ein öffentliches Mandat ausübt, muss mit Widerspruch rechnen – selbstverständlich auch Vertreter der AfD.
Doch eine Gemeindeveranstaltung gewinnt nichts dadurch, wenn aus dem Publikum oder vom Mikrofon aus pauschal „Nazis“ ausgerufen werden, ohne überhaupt deutlich zu machen, gegen wen sich dieser Vorwurf richtet.
Damit ist inzwischen nicht mehr nur die Frage verbunden, was ein einzelner Musiker sagen wollte. Es geht auch darum, welche Regeln des Umgangs miteinander bei Veranstaltungen gelten sollen, die gerade das gemeinsame Dorfleben verkörpern sollen.
Die Brunneneinweihung von Mensfelden sollte Menschen zusammenbringen.
Am Ende hinterließ sie einen Konflikt, den die Gemeinde nun aufklären sollte.