Zum Hauptinhalt springen

Sicher in der Innenstadt?!

14. Januar 2026 // Geschrieben von Manfred
Podium ohne Teilnehmer - eingeschränkte Pressefreiheit bei der Naumann-Stiftung

Podiumsdiskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung offenbart Spannungen, Leerstellen und Widersprüche

Am Dienstagabend, dem 13. Januar 2026, diskutierten auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung in den Clubräumen der Limburger Stadthalle zentrale Akteure aus Politik, Polizei, Wissenschaft und Medien über die Sicherheitslage in deutschen Innenstädten – mit besonderem Blick auf Limburg. Der Titel der Veranstaltung, „Sicher in der Innenstadt?!“, war dabei bewusst als Frage formuliert. Eine Frage, die im Laufe des Abends viele Antworten erhielt – aber auch erstaunlich viele offene Stellen offenbarte.

Zwischen Kriminalitätsfurcht und Kriminalität

Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion war die Trennung zwischen objektiver Kriminalität und subjektivem Sicherheitsgefühl. Prof. Dr. Ulrich Wagner (Sozialpsychologie, Marburg) betonte mehrfach, dass steigende Angst nicht automatisch mit steigender Gewaltkriminalität gleichzusetzen sei. Medienberichterstattung, soziale Kommunikation und psychologische Mechanismen spielten eine zentrale Rolle bei der Verstärkung von Bedrohungswahrnehmungen.

Gleichzeitig machte Marion Schardt-Sauer (FDP) deutlich, dass sich Kommunalpolitik nicht hinter Statistiken verstecken dürfe. Entscheidend sei, was Bürgerinnen und Bürger tatsächlich erleben. Ihre Aussage, sie bewege sich als Frau heute nicht mehr so frei durch Limburg wie früher, verlieh der Debatte eine persönliche und politische Schärfe.

Polizei zwischen Ressourcenmangel und neuen Befugnissen

Jens Mohrherr, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Hessen, zeichnete ein Bild struktureller Überforderung: zu wenig Personal, zu geringe Präsenz, wachsende Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften. Maßnahmen wie Waffenverbotszonen, anlasslose Kontrollen und Videoüberwachung seien aus polizeilicher Sicht notwendige Instrumente – weniger zur Prävention als zur Aufklärung und schnellen Sanktionierung.

Dabei wurde deutlich: Der Staat reagiert zunehmend technisch und repressiv, während Ursachenbekämpfung häufig delegiert oder vertagt wird.

Medien zwischen Aufklärung und Eskalation

Mika Beuster, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, räumte offen ein, dass Medien in einem Dilemma stecken. Einerseits werde ihnen vorgeworfen, Nationalitäten von Tatverdächtigen zu verschweigen, andererseits befördere die häufigere Nennung inzwischen pauschale Schuldzuschreibungen gegenüber Migranten. Studien belegten eine Überrepräsentation migrantischer Kriminalität in der Berichterstattung – mit entsprechenden Folgen für das gesellschaftliche Klima.

Beuster plädierte für konstruktiven Journalismus, der nicht nur Probleme beschreibt, sondern auch Lösungsansätze sichtbar macht. Gleichzeitig verteidigte er eine klare Ablehnung der Vorratsdatenspeicherung – unter anderem mit Verweis auf digitale Souveränität und Abhängigkeiten von US-Konzernen wie Palantir.

Kommentar: Viel Sicherheit, wenig Ehrlichkeit

So differenziert und moderat die Diskussion an vielen Stellen wirkte – sie ließ zentrale Fragen bewusst oder unbewusst außen vor.

1. Sicherheit als trojanisches Pferd

Auffällig war, wie schnell Überwachung, KI-gestützte Gesichtserkennung und Datensammlung als nahezu selbstverständliche Werkzeuge akzeptiert wurden. Zwar wurde immer wieder betont, man wolle „keinen Überwachungsstaat“, doch die Grenze verschob sich im Laufe des Abends stetig.

Dass KI-gestützte Videoüberwachung bereits erfolgreich eingesetzt wurde, wurde eher stolz als kritisch präsentiert. Die Frage, was das langfristig mit Freiheit, Verhalten und öffentlichem Raum macht, blieb Randnotiz. Der Hinweis von Prof. Wagner, dass Überwachung auch unbescholtene Bürger verdrängen kann, ging im Sicherheitsnarrativ fast unter.

2. Kultur als Tabu – obwohl ständig präsent

Bemerkenswert ist der Widerspruch: Migration wurde offiziell relativiert, faktisch aber ständig implizit mitgedacht. Wagner selbst wies darauf hin, dass die Diskussion automatisch in diese Richtung kippe – und genau das passierte.

Was jedoch vollständig fehlte, war eine ehrliche Auseinandersetzung mit kulturellen Prägungen, Wertvorstellungen, Rollenbildern und Gewaltakzeptanz. Nicht Herkunft an sich ist problematisch – wohl aber kulturelle Muster, die Gewalt legitimieren oder staatliche Autorität ablehnen. Diese Differenzierung wurde vermieden.

3. Elternhaus und religiöse Sozialisation

Zwar wurde das Elternhaus mehrfach als Problem benannt, doch konsequente Schlüsse wurden nicht gezogen. Wenn Familien selbst Teil des Problems sind – warum wird dann nicht offen über religiöse, patriarchale oder autoritätsfeindliche Sozialisation gesprochen? Hier endete der Mut zur Analyse.

4. Gesellschaftliche Spaltung – der Elefant im Raum

Marion Schardt-Sauer betonte mehrfach, man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Gleichzeitig blieb unerwähnt, warum immer mehr Bürger genau das Gefühl haben, von etablierten Parteien nicht mehr gehört zu werden. Der hohe Zuspruch für die AfD ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck politischer Entfremdung.

Auch die Corona-Jahre wurden nicht reflektiert – obwohl gerade dort viele der heute beschworenen liberalen Prinzipien von Politikern massiv eingeschränkt wurden. Vertrauen geht nicht verloren, es wird verspielt.

5. Migration und Belastungsgrenzen

Die Frage, ob ein weiterer Zuzug aus kulturfremden Räumen eine ohnehin überlastete soziale Infrastruktur zusätzlich destabilisiert, wurde nicht gestellt. Dabei ist sie zentral für Sicherheit, Integration und sozialen Frieden. Wer sie ausklammert, betreibt keine Prävention, sondern Verdrängung.

6. Pressefreiheit – nur selektiv?

Ein bitterer Beigeschmack bleibt auch abseits der Inhalte: Dass dem Fingerklopfer das Fotografieren des Podiums untersagt wurde, während andere Medien dies durften, ist ein Affront gegenüber Pressefreiheit und Gleichbehandlung. Dass ausgerechnet der DJV-Bundesvorsitzende anwesend war, ohne erkennbar Stellung zu beziehen, wirkt – freundlich formuliert – inkonsequent.

Fazit

Die Diskussion zeigte Engagement, Fachwissen und ernsthafte Sorgen. Doch sie offenbarte auch eine liberale Schieflage: viel Vertrauen in Technik und Staat, wenig Vertrauen in offene Debatten über Kultur, Migration und gesellschaftliche Brüche.

Sicherheit entsteht nicht durch Kameras, KI und Poller allein. Sie entsteht durch ehrliche Analyse, funktionierende Sozialisation, glaubwürdige Politik – und Freiheit, die ihren Namen verdient.

Wir benutzen Cookies
Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, Ihnen Content (wie z.B. Youtube Videos) anzubieten. Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. In den unten verlinken Datenschutzhinweisen erklären wir ausführlich unsere Cookie-Policy. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung von Cookies womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen. Sie können Ihre Entscheidung über einen Link im unteren Teil der Webseite jederzeit widerrufen oder neu erteilen.