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Das Paradies, das scheiterte

20. Januar 2026 // geschrieben von Manfred
James B. Calhoun

1968 konstruierte der amerikanische Verhaltensforscher John B. Calhoun ein Experiment, das bis heute nachwirkt. Unter perfekten Bedingungen – unbegrenzte Nahrung, sauberes Wasser, konstantes Klima, keine Feinde – schuf er ein Mäuseparadies mit dem nüchternen Namen Universe 25. Acht genetisch gesunde Mäuse bildeten den Anfang einer Utopie, die rein theoretisch Platz für fast 4.000 Tiere bot. Alles, was man landläufig für ein gutes Leben hält, war vorhanden. Und doch endete dieses Paradies im vollständigen Kollaps.

Zunächst lief alles wie erwartet. Nach einer kurzen Anpassungsphase explodierte die Population. Die Mäuse vermehrten sich rasant, soziale Rollen bildeten sich aus, Territorien wurden verteidigt, Nachwuchs großgezogen. Es war die perfekte Gesellschaft im Überfluss. Doch bei etwa 600 Tieren begann etwas zu kippen – obwohl physisch noch reichlich Platz vorhanden war. Nicht Ressourcen wurden knapp, sondern etwas Unsichtbares: sozialer Raum. Alle Rollen waren besetzt, alle Hierarchien fixiert. Für junge Männchen gab es keinen Platz mehr, keine Funktion, keine Bedeutung.

Der „Behavioral Sink“ – wenn Verhalten zerfällt

Calhoun nannte das, was nun einsetzte, den Behavioral Sink: einen Verhaltenssog, in dem soziale Strukturen zerbrechen. Einige Männchen wurden grundlos aggressiv, attackierten wahllos andere Tiere, ohne Territorium oder Zweck. Andere zogen sich vollständig zurück. Diese Mäuse, von Calhoun später „The Beautiful Ones“ genannt, waren äußerlich makellos. Sie fraßen, schliefen und putzten stundenlang ihr Fell – doch sie interagierten nicht mehr, paarten sich nicht, kämpften nicht. Sozial waren sie tot.

Parallel dazu verloren viele Weibchen ihren Mutterinstinkt. Nester wurden nicht mehr gebaut, Jungtiere vernachlässigt oder getötet. Die Säuglingssterblichkeit stieg auf bis zu 90 Prozent. Schließlich hörten die Geburten ganz auf. Selbst als Calhoun überlebende Mäuse in neue, leere Umgebungen setzte, änderte sich nichts. Die Fähigkeit zur Fortpflanzung war nicht körperlich verloren gegangen, sondern psychologisch. Am 920. Tag starb die letzte Maus – mit vollem Futtertrog und ungenutztem Raum.

Calhouns Schlussfolgerung war ebenso einfach wie verstörend: Wenn Überleben keinen Kampf mehr erfordert, verliert das Leben seine Bedeutung. Ohne Rollen keine Identität, ohne Identität keine Gesellschaft. Die Mäuse starben nicht an Mangel, sondern an Sinnlosigkeit.

Der Spiegel unserer Zeit

Was Universe 25 so beunruhigend macht, ist nicht das Schicksal der Mäuse, sondern die Ähnlichkeit zu unserer Gegenwart. In Japan ziehen sich über eine Million Menschen als Hikikomori jahrelang in ihre Zimmer zurück. In China verweigern junge Erwachsene mit „Tang Ping“ oder „Bai Lan“ bewusst den gesellschaftlichen Leistungswettlauf. In westlichen Ländern spricht man von Quiet Quitting oder Quiet Cracking – äußerlich funktionierende Menschen, die innerlich längst ausgebrannt sind. Überall dasselbe Muster: Rückzug statt Rebellion, Passivität statt Perspektive.

Auch die Demografie folgt diesem Trend. Die Geburtenraten brechen vor allem dort ein, wo Wohlstand, Sicherheit und Bildung am höchsten sind. Südkorea liegt weit unter dem Bestandserhaltungsniveau, Deutschland und die USA folgen mit Abstand. Es ist nicht Armut, die Menschen vom Kinderkriegen abhält, sondern die Wahrnehmung einer geschlossenen Zukunft. Wenn es keinen Platz mehr gibt, warum sollte man ihn weiter füllen?

Hinzu kommt eine Einsamkeit, die paradoxerweise in hypervernetzten Gesellschaften zunimmt. Jugendliche gehören heute zu den einsamsten Gruppen überhaupt. Digitale Kontakte ersetzen keine sozialen Rollen – so wie das endlose Putzen des Fells bei den „Beautiful Ones“ keine Gemeinschaft ersetzte. Äußerlich gepflegt, innerlich leer.

Gibt es einen Ausweg?

Weniger bekannt ist, dass Calhoun das Scheitern von Universe 25 nicht als endgültiges Urteil verstand. In späteren Experimenten versuchte er, Umgebungen zu schaffen, in denen auch bei hoher Dichte neue Rollen entstehen konnten: kleinere, voneinander abgegrenzte soziale Räume, in denen neue Hierarchien, Verantwortlichkeiten und Bedeutungen wuchsen. Dort nahm die Aggression ab, der Rückzug ging zurück, die Gesellschaft stabilisierte sich zumindest länger. Der Behavioral Sink war für ihn kein Naturgesetz, sondern ein Designproblem.

Übertragen auf unsere Zeit bedeutet das: Gesellschaften kollabieren nicht, weil sie zu groß werden, sondern weil sie starr werden. Wenn Bildungssysteme für Jobs ausbilden, die nicht existieren, Wohnmärkte ganze Generationen ausschließen und Technologien Rollen schneller ersetzen, als neue entstehen, entsteht dieselbe Dynamik wie in Universe 25. Der erste Tod ist dann nicht körperlich, sondern mental – der Tod der Hoffnung.

Ob wir dem entkommen können, ist offen. Der entscheidende Unterschied zu den Mäusen ist, dass wir das Muster erkennen können. Bewusstsein allein garantiert keinen Ausweg, aber es ist die Voraussetzung dafür. Die Frage ist nicht, ob wir uns in Phase drei befinden. Die Frage ist, ob wir den Übergang zu Phase vier noch verhindern wollen – und können.

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