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„Nicht die Täter-Opfer-Umkehr darf dominieren“ – AfD-Politikerin Seli-Zacharias zum Schließfachraub in Gelsenkirchen

10. Januar 2026 // Geschrieben von Manfred
Enxhi Seli-Zacharias im Interview bei Utopia TV

Gelsenkirchen - Der spektakuläre Schließfachraub bei der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer gehört bereits jetzt zu den größten Bankverbrechen der jüngeren deutschen Geschichte. In der Nacht drangen bislang unbekannte Täter in den Tresorraum ein, öffneten rund 3.200 Schließfächer und entwendeten nahezu deren gesamten Inhalt. Die offiziell kommunizierte Schadenssumme liegt bislang bei rund 30 Millionen Euro – doch diese Zahl steht zunehmend in der Kritik.

Auf einer Kundgebung am 10. Januar 2026 äußerte sich die Gelsenkirchener AfD-Politikerin Enxhi Seli-Zacharias ungewöhnlich deutlich – nicht nur zum Tathergang, sondern vor allem zur Situation der Geschädigten und zur politischen Aufarbeitung des Falls. Dabei fiel eine bemerkenswerte Verschiebung der politischen Fronten auf: Während aus linken und linksliberalen Kreisen zunehmend Relativierungen zu hören seien, positioniert sich ausgerechnet die AfD demonstrativ auf der Seite der Betroffenen.

Zweifel an der offiziellen Schadenssumme

Seli-Zacharias hält die offiziell kolportierten 30 Millionen Euro für realitätsfern. Diese Zahl ergebe sich aus einer pauschalen Annahme von rund 10.000 Euro pro Schließfach. Nach ihren Gesprächen mit Betroffenen sei jedoch davon auszugehen, dass deutlich höhere Werte eingelagert waren:

„Wer zahlt mehrere hundert Euro im Jahr für ein Schließfach, um dort ein paar Tausend Euro zu lagern? Dann kann ich das Geld auch zu Hause lassen.“

Insbesondere in Gelsenkirchen-Buer, einem der vergleichsweise wohlhabenderen Stadtteile, hätten viele Menschen dort Altersvorsorge, familiäre Rücklagen oder Wertgegenstände deponiert. Seli-Zacharias nennt auf Basis eigener Gespräche eine mögliche Gesamtschadenssumme von 200 bis 250 Millionen Euro, betont jedoch, dass es sich dabei um eine politische Einschätzung, nicht um ein Ermittlungsresultat handelt.

Deutsch-türkische Geschädigte im Fokus – Kritik an medialem Framing

Besonders scharf kritisiert Seli-Zacharias die öffentliche Debatte um Schließfachkunden mit Migrationshintergrund, insbesondere deutsch-türkische Familien. In Teilen der Berichterstattung werde suggeriert, es habe sich bei einem relevanten Teil der Einlagen um Schwarzgeld oder kriminelle Vermögenswerte gehandelt.

Dem widerspricht sie entschieden:

„Hochzeitsgold ist kein Verbrechen. Das sind keine Kriminellen, sondern redliche Bürger.“

Gerade in türkischstämmigen Familien sei es kulturell verbreitet, Gold als familiäre Absicherung zu nutzen. Dass dieses nun pauschal kriminalisiert werde, empfindet sie als Täter-Opfer-Umkehr, die politisch opportun erscheine. Auffällig sei, so Seli-Zacharias, dass ausgerechnet Parteien, die sonst den Schutz von Minderheiten betonen, hier auffallend schnell bereit seien, Verantwortung von Institutionen auf Geschädigte abzuwälzen.

Grobe Fahrlässigkeit der Bank? Juristische Dimension gewinnt an Gewicht

Ein zentraler Punkt ihrer Rede betrifft die Sicherheitsarchitektur der Sparkasse. Bekannt gewordene Details werfen tatsächlich Fragen auf:
– mutmaßlich ausgeschaltete oder umgangene Alarmanlagen
– keine Auslösung trotz Kernbohrung
– Hinweise auf mögliche interne Kenntnisse
– unklare Zugangswege über die Tiefgarage

Seli-Zacharias spricht hier ausdrücklich von grober Fahrlässigkeit – ein juristisch entscheidender Begriff. Denn: Sollte diese Einschätzung zutreffen, könnten Haftungsbegrenzungen in den AGB der Bank unwirksam sein.

Die AfD-Landtagsfraktion hat nach eigenen Angaben ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das genau diese Frage prüft. Ziel sei es, den Geschädigten eine realistische Perspektive auf höhere Entschädigungen zu eröffnen.

Öffentliche Aufarbeitung statt Gremien-Schweigen

Deutlich grenzt sich Seli-Zacharias von anderen Parteien ab, die eine Aufarbeitung „im Verwaltungs- oder Aufsichtsrat“ fordern. Sie hält das für unzureichend:

„Öffentlichkeit ist das Gebot der Stunde.“

Die AfD wolle verhindern, dass Betroffene einzeln, unkoordiniert und kostenintensiv juristische Schritte einleiten müssen. Stattdessen solle politischer Druck aufgebaut und Transparenz erzwungen werden.

Ein Verbrechen mit gesellschaftlicher Dimension

In ihrer Rede verknüpft Seli-Zacharias den Fall mit einer grundsätzlichen Debatte über innere Sicherheit, Vertrauensverlust in Banken und staatliche Institutionen. Dass Menschen ihr Vermögen nicht mehr zu Hause aufbewahren, sondern in Schließfächern, sei Ausdruck einer tieferliegenden Unsicherheit – sowohl gegenüber Kriminalität als auch gegenüber staatlichem Zugriff.

Ihre drastischste These: Ein solcher Coup sei ohne Insiderwissen kaum denkbar. Auch dies bleibt bislang Spekulation, doch sie verweist darauf, dass vergleichbare Fälle international häufig interne Informationslecks aufwiesen.

Menschliche Tragödien hinter den Zahlen

Am eindrücklichsten ist jedoch der persönliche Ton, den Seli-Zacharias anschlägt. Sie berichtet von Gesprächen mit älteren Menschen, die ihre gesamte Altersvorsorge verloren haben – von existenzieller Verzweiflung, Schlaflosigkeit und Zukunftsangst.

„Ich weiß nicht, ob manche das Jahr überleben.“

Unabhängig von der politischen Einordnung zeigt sich hier eine Seite der Debatte, die bislang wenig Raum erhält: der menschliche Preis eines Verbrechens, das nicht nur materielle, sondern auch psychische Existenzen zerstört hat.

Fazit

Der Schließfachraub von Gelsenkirchen ist mehr als ein spektakulärer Kriminalfall. Er ist ein Stresstest für Rechtsstaat, Bankenhaftung, politische Verantwortung und gesellschaftliche Solidarität. Die Stellungnahme von Enxhi Seli-Zacharias fällt auf, weil sie – jenseits parteipolitischer Erwartungshaltungen – konsequent die Perspektive der Geschädigten einnimmt und sich gegen pauschale Verdächtigungen stellt.

Ob ihre rechtlichen Einschätzungen Bestand haben werden, müssen Gerichte klären. Fest steht jedoch schon jetzt: Die politische und gesellschaftliche Debatte über diesen „Coup“ hat gerade erst begonnen.