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Auf Stimmenfang in der Moschee?

09. Januar 2026 // geschrieben von Manfred

Am 06. Januar 2026 posteten die Freien Wähler Limburg auf Facebook eine Erfolgsmeldung: Nachdem man mehr als 200 Unterstützerunterschriften, vorwiegend von Menschen mit Migrationshintergrund, "an einem Wochenende" gesammelt hat, können die "Freien Wähler" bei der Hessischen Kommunalwahl antreten. Begleitet wird der Post von Bildern, die offenbar zeigen sollen, wo und wie man diese Unterstützung erreicht hat.

Diese Meldung wirft jedoch Fragen auf: warum müssen die Freien Wähler überhaupt Unterstützerunterschriften sammeln, da die Partei doch bereits mit einer Fraktion im aktuellen Kreistag vertreten ist? Warum finden sich auf den Bildern ganz überwiegend "muslimisch gelesene" Menschen und praktisch keine Frauen? Stammen die Bilder überhaupt von einer Parteiveranstaltung? Und welche Rolle spielt dabei Mustafa Yüce?

Die Spaltung der Freien Wähler

Anscheinend gibt es Streit, heftigen Streit, bei den Freien Wählern im Landkreis Limburg-Weilburg. Und dies nicht nur in Löhnberg. Es gibt wohl weitere tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten. Über diese schweigt man sich aber seitens des Kreisvorstandes lieber aus. Eine Anfrage unserer Redaktion bei den Kreis-Freien Wählern liefert dazu nämlich nur ein großes "Schulterzucken". Wie unsere Recherchen zeigen, gibt es jedoch einen großen Dissens, der entlang von Herkunftsmerkmalen ausgetragen zu werden scheint und auch den Ausländerbeirat der Stadt Limburg betrifft.

Fakt ist: zur kommenden Kommunalwahl in Hessen treten im Landkreis Limburg-Weilburg zwei Listen der "Freien Wähler" an. Die erste Liste heißt "Freie Wähler Landkreis Limburg-Weilburg e.V." und tritt anscheinend das Erbe der aktuellen Kreistagsfraktion der Freien Wähler an. Und dann gibt es noch eine Liste "Freie Wähler Limburg", die unseren Informationen nach von der Spitzenkandidatin Diana Yüce, Fachanwältin für Arbeitsrecht aus Limburg, angeführt wird.

Am 02.01.2026 haben Yüce und Yusuf Kutlucan, Spitzenkandidat der Liste für den Ausländerbeirat der Stadt Limburg, die Wahlunterlagen beim Wahlleiter eingereicht. Und als neue Liste benötigten Yüce und ihre Mitstreiter Unterstützerunterschriften, welche von der Liste "an nur einem Wochenende" eingeworben wurden. So weit, so gut.

Doch was hat die Spaltung der Freien Wähler bewirkt? Wie ist es zu dem Bild gekommen? Wann und wo wurden die Unterschriften gesammelt wurden, und was sind die politischen Hintergründe für die Listenspaltung der Freien Wähler? Welche Ziele verfolgt die neue Liste, explizit auch mit Blick auf Migranten als Wählergruppe?

Um Antworten zu erhalten haben wir bei dem Impressumsverantwortlichen der "Freien Wähler Limburg", Mustafa Yüce, der zudem seit März 2025 als stv. Vorsitzender der Freien Wähler im Landkreis fungiert, nachgefragt. Mustafa Yüce ist zudem der Ehemann der Frontfrau der neuen Liste, Diana Yüce. Wer, wenn nicht Mustafa Yüce, könnte uns umfassend Auskunft erteilen?

Keine Antworten

Auf unsere Anfrage hin erhielten wir von Mustafa Yüce jedoch nur wenige Auskünfte. Dass es sich auf dem Bild um Menschen mit einem überwiegend kulturell oder religiös homogenen Hintergrund handeln würde, verneint er vehement. Es gebe für die neue Liste "keine ethnischen Zielgruppen" und man unterstütze lediglich den legitimen Wunsch vieler Menschen mit Migrationshintergrund auf demokratische Repräsentation, da diese die "gleichen Rechte und Pflichten" haben. Er stellt zudem in Zweifel selbst Urheber des Facebook-Postings zu sein. 

Doch wie ist es tatsächlich um die Zielsetzung der neuen Liste bestellt? Wie glaubwürdig sind die Aussagen von Mustafa Yüce und wie kam es zu den Bildern?

Der Weg führt in die Moschee

Da wir von der neuen Liste und von Mustafa Yüce keine Informationen erhalten haben, sind wir auf Spurensuche gegangen. Und diese Spurensuche führt ins Dietkirchener Industriegebiet, genauer gesagt in die Sandzak Moschee, welche zum Netzwerk des "Islamverband der Bosniaken" gehört.

Die Aufnahmen, die von den "Freien Wählern Limburg" veröffentlicht wurden und mutmaßlich in Verbindung mit der Sammlung der Unterstützerunterschriften entstanden sein sollen, wurden offensichtlich in dieser Moschee aufgenommen. Bilder aus der Moschee, die z.B. in Google abrufbar sind, lassen diesen Rückschluss zu.

Es gibt aber auch einen weiteren klaren Hinweis auf die Moschee als Ort der Bildaufnahme. Und dieser wurde von Mustafa Yüce selbst am 20. Dezember 2025 auf Facebook geteilt. Er repostete nämlich einen Beitrag des Ausländerbeirats der Stadt Limburg vom gleichen Tag. Dieser führte am 19. Dezember 2025 eine Informationsveranstaltung mit dem Titel "Gaza besser vestehen" durch. Ort der Veranstaltung: Auf der Heide 1, 65553 Limburg - die Adresse der Sandzak Moschee.

Der Artikel des Ausländerbeirats ist ebenfalls mit Bildmaterial angereichert worden. Dabei zeigt sich, dass das Bildmaterial identisch ist mit den Bildern, welche am 6.1.2026 auf Facebook von den "Freien Wählern Limburg" verwendet wurde. Dies wirft zwangsläufig die Frage auf, ob die "Freien Wähler Limburg" im Rahmen einer Veranstaltung des Ausländerbeirats unter den Anwesenden um Unterstützerunterschriften geworben haben.

Der Ausländerbeirat der Stadt Limburg

Antworten auf diese Frage könnte wohl auch der Ausländerbeirat der Stadt Limburg geben, welcher am 19.12.2025 die Informationsveranstaltung in der Sandzak Moschee durchgeführt hat. Wer und was ist der Ausländerbeirat?

Auf der Webseite der Stadt Limburg heißt es dazu: "Der Ausländerbeirat ist die demokratische gewählte Interessenvertretung der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Limburg. Das Gremium berät die Gemeindeorgane in allen Angelegenheiten, die ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger betreffen."

Es handelt sich demnach um ein überparteiliches Gremium, welches damit wie die Stadt Limburg der Neutralitätspflicht unterliegt. Veranstaltungen des Ausländerbeirates dürfen demnach nicht für parteipolitische Zwecke instrumentalisiert werden. Auch sollte der Beirat als "Interessensvertretung aller ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger" weltanschaulich und religiös neutral sein, um offen für die Belange aller Mitbürgerinnen und Mitbürger zu sein.

Ob dazu eine Moschee als Ort für eine Informationsveranstaltung passend ist, erscheint zumindest diskussionswürdig. Obwohl die Sandzak Moschee als eher liberal gilt, legt das vom Ausländerbeirat veröffentlichte Bildmaterial zumindest Zweifel an der Geeignetheit solcher Räumlichkeiten nahe. Denn die Bilder erfüllen sämtliche Klischees: ganz überwiegend Männer aus einem mutmaßlich homogenen Kultur- und Religionskreis. Und gerade einmal nur 2 (!) Teilnehmerinnen. 

Dieser Problematik, der möglicherweise fehlenden Geeignetheit, war sich der Ausländerbeirat womöglich bewusst, denn die Bewerbung der Veranstaltung erfolgte nur mit der Adresse des Veranstaltungsortes. Ein expliziter Hinweise auf die Moschee als Veranstaltungsort fehlte in der Veranstaltungswerbung.

Der Ausländerbeirat besteht in Limburg aktuell aus 13 Mitgliedern. Vorsitzender des Ausländerbeirates ist: Mustafa Yüce.

Daneben gehört auch Yusuf Kutlucan, der "Spitzenkandidat der Freien Wähler Limburg für den Ausländerbeirat", als stellvertretender Vorsitzender dem Gremium an. Weiteres Mitglied ist Ramazan Kutlucan. Ob dieser mit Yusuf verwandt ist, ist uns nicht bekannt. Ebenso wenig wie das Verhältnis von Yusuf mit Abdurrahim Kutlucan, welcher am 19.12.2025 den Vortrag gehalten hat. Zweifel an der Neutralität des Ausländerbeirats der Stadt Limburg werden durch die Namensgleichheit jedoch nicht unbedingt geringer. Vielmehr rückt das Netzwerk um Yüce und Kutlucan eher ins Blickfeld.

Mit der Vortragsveranstaltung wolle der Ausländerbeirat "Räume für Dialog" öffnen, doch die Frage steht im Raum, ob auch parteipolitische Ziele einzelner Beiratsmitglieder an diesem Abend verfolgt wurden. Unsere Anfrage hierzu und zur Arbeit des Ausländerbeirats an das Gremium blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet. Wir haben uns im Umfeld des Ausländerbeirates jedoch umgehört und tatsächlich deuten die uns vorliegenden Hinweise darauf hin, dass an diesem Abend die Liste der "Freien Wähler"  Unterstützerunterschriften gesammelt hat.

Und die Stadt Limburg?

Was sagt die Stadt Limburg zu diesem Vorgang? War ihr der Ort der Veranstaltung bekannt und hat sie Kenntnis davon, dass dieses Event für parteipolitische Zwecke genutzt wurde? Eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion bei der Stadt blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, ob und in welchem Umfang die Stadt Limburg die Veranstaltung (finanziell) gefördert hat.

"Döner-Tag" am Tag der Deutschen Einheit

Kritisch hinterfragt werden kann aber auch das Wirken des Ausländerbeirates und die Handlungen seiner Vertreter an anderer Stelle. Dies betrifft zum Beispiel die Frage, ob der Ausländerbeirat in der gegenwärtigen Zusammensetzung tatsächlich "offen für alle ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger" ist und religiös neutral agiert.

Die Veranstaltung in einer Moschee am 19.12.2025 war nämlich kein Einzelfall. So lud der Ausländerbeirat am 3. Oktober 2025 - also ausgerechnet am "Tag der Deutschen Einheit" - zu einem "Döner-Tag" in die Masjid Al-Nour Moschee in Limburg ein. Diese Moschee ist eine von sechs Moscheen in Limburg. 

Warum wählte der Ausländerbeirat ausgerechnet dieses Datum für seine Veranstaltung aus? Welches Symbol für "Deutsche Einheit" und Integration ausländischer Mitbürger in die deutsche Gesellschaft wollte man mit Ort und Thema der Veranstaltung setzen? Auch diese Fragen bleiben bislang unbeantwortet.

Das Stadt-Jugendturnier "Kicken für Vielfalt" wurde werblich unterstützt.

Darüber hinaus findet sich 2025 noch das "Stadt Iftar", das Fastenbrechen der Muslime im religiösen Fastenmonat Ramadan, als Aktivitätshinweise auf dem Facebook-Profil des Ausländerbeirates.

Eine gewisse Dominanz von Aktivitäten mit muslimischer Konnotation ist damit nicht zu leugnen. Aktivitäten für italienische Christen, orthodoxe Ukrainerinnen, thaiändische Buddhisten oder indische Hinduisten sind uns dagegen nicht bekannt.

Liegt hierin der Grund für die Spaltung der Freien Wähler im Landkreis? Deren "Altbestandsliste" wird zumindest von Kennern der Materie spöttisch als die "Biodeutsche Liste" bezeichnet.

Offene Fragen bleiben

Vor den anstehenden Kommunalwahlen offenbart sich damit eine gewisse religiöse Präferenz im Ausländerbeirat und diese weckt Zweifel an der Arbeit des Gremiums. Ebenso wie das Verhalten seines Vorsitzenden und seiner Stellvertreters Zweifel an der Neutralität des Gremiums und seiner Mitglieder hervorrufen. Yüce, Kutlucan und die "Freien Wähler Limburg" sind aufgefordert, diese Zweifel auszuräumen.

Es bleiben also eine Menge offener Fragen. An die Freien Wähler, in Limburg und im Landkreis Limburg-Weilburg. An Mustafa und Diana Yüce und an den "Beirats-Spitzenkandidaten" Kutlucan. An die Stadt Limburg und auch an die Stadtverordneten der Stadt Limburg, deren Meinung zum Wirken des Ausländerbeirates uns besonders interessieren würde.

Bildquellen

Facebook "Freie Wähler Limburg"
Facebook "Ausländerbeirat Stadt Limburg"
Facebook "Mustafa Yüce"
Webseite der Stadt Limburg