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Lauter Protest, scharfe Worte und verpasste Chancen

14. März 2026 // Geschrieben von Manfred

Nachbericht zur AfD-Wahlkampfveranstaltung in Bad Camberg

Die Wahlkampfveranstaltung der AfD am Freitagabend (13. März 2026) in Bad Camberg zeigte eindrücklich, wie aufgeheizt das politische Klima inzwischen geworden ist. Rund 100 Besucher verfolgten die Reden im Saal – während draußen etwa 60 Gegendemonstranten lautstark protestierten.

Der Abend entwickelte sich zu einem Spiegelbild der politischen Lage: lauter Protest vor der Tür, hitzige Wortgefechte im Saal – und zwischendrin einzelne Momente, in denen Dialog zumindest möglich schien.

Protest vor der Halle

Bereits vor Beginn der Veranstaltung hatte sich vor der Halle ein Gegenprotest formiert. Etwa 60 Personen versammelten sich, einige von ihnen vermummt. Über Lautsprecher wurde Musik abgespielt, immer wieder hallten Parolen wie „Scheiß AfD“ durch die Luft.

Die Beschallung und verbalen Angriffe wurden gezielt bis in den Eingangsbereich getragen – eine Atmosphäre, die durchaus geeignet war, Besucher einzuschüchtern.

Optisch geprägt wurde der Protest unter anderem durch sichtbare Präsenz von Anhängern der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Die Frage drängt sich auf: Wie wäre wohl die öffentliche Reaktion, wenn eine politische Gruppe Veranstaltungen anderer Parteien in vergleichbarer Weise massiv stören würde?

Überraschende Offenheit im Saal

Trotz der angespannten Lage draußen war die Atmosphäre im Saal zunächst erstaunlich offen.

Unter den rund 100 Besuchern befanden sich etwa 15 bis 20 Personen aus dem Gegenprotest, die zuvor noch mit „Nazis raus“-Rufen vor der Halle gestanden hatten. Sie entschieden sich dennoch, die Veranstaltung zu betreten und sich die Reden anzuhören.

Ein Schritt, der zumindest den Versuch erkennen ließ, politische Positionen direkt zu hören – statt nur über sie zu urteilen.

Egon Maurer: Einladung zum politischen Wettbewerb

Den Auftakt machte der AfD-Kreisvorsitzende Egon Maurer.

Seine Rede war bewusst versöhnlich angelegt. Maurer betonte, dass politische Unterschiede kein Hindernis für einen respektvollen Umgang sein müssten. In Bad Camberg kenne man sich schließlich über Parteigrenzen hinweg.

Im Zentrum seiner Ansprache stand die bevorstehende Kommunalwahl. Es gehe nicht um Ämter oder Posten, sondern um eine Politik mit „Herz, Verstand und Rückgrat“. Zugleich kritisierte Maurer die CDU scharf und warf ihr vor, konservative Wähler zu täuschen, indem sie im Wahlkampf AfD-Positionen übernehme, anschließend aber links-grüne Politik betreibe.

Doch ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch den Abend: eine Veranstaltung des Bürgerforums Bad Camberg vom 3. März. Dort hatte der Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafenegger über Demokratie und Rechtsextremismus gesprochen. Seine Aussagen wirkten offensichtlich bis in diesen Abend hinein.

Meysam Ehtemai: Replik auf Professor Hafenegger

Der stellvertretende Kreisvorsitzende Meysam Ehtemai griff die Aussagen Hafeneggers ausführlich auf.

Ehtemai schilderte zunächst seine persönliche Biografie: Als 14-Jähriger aus dem Iran nach Deutschland gekommen, habe er hier Chancen erhalten und sich beruflich und gesellschaftlich etabliert.

Gerade deshalb wies er die Darstellung zurück, AfD-Wähler seien vor allem „sozial abgehängte“ Menschen.

Seine Kritik richtete sich vor allem gegen die aus seiner Sicht einseitige Darstellung der AfD in wissenschaftlichen Analysen. Studien würden häufig ohne Gespräche mit den Betroffenen selbst erstellt.

Während dieser Ausführungen meldeten sich erstmals kritische Stimmen aus dem Publikum. Auch der Organisator der Bürgerforum-Veranstaltung, Erich Koslowski, widersprach einzelnen Darstellungen.

Der Redefluss geriet kurzzeitig ins Stocken – ein erstes Zeichen dafür, dass die Debatte über Hafeneggers Aussagen für beide Seiten emotional aufgeladen war.

Uwe Schulz: Angriff auf politische Gegner

Mit dem Bundestagsabgeordneten Uwe Schulz verschärfte sich die Tonlage deutlich.

Schulz sprach von einer systematischen politischen und gesellschaftlichen Ausgrenzung der AfD. Selbst staatliche Institutionen würden versuchen, die Partei zu delegitimieren.

Er kritisierte zudem den Gegenprotest vor der Halle als Versuch, politische Gegner einzuschüchtern. Auch seine Rede nahm mehrfach Bezug auf politische Entwicklungen rund um die Partei – etwa juristische Auseinandersetzungen über die Einstufung der AfD.

Der Konflikt eskalierte schließlich an einer zugespitzten Aussage:

Bei einem Wahlerfolg der AfD, so Schulz, würden an Rathäusern wieder häufiger schwarz-rot-goldene Fahnen statt Regenbogenfahnen wehen.

Eine rhetorische Zuspitzung – denn tatsächlich gehört die Regenbogenfahne im Landkreis Limburg-Weilburg nicht zum üblichen Erscheinungsbild öffentlicher Gebäude und wird allenfalls zu besonderen Anlässen gehisst.

Doch die Aussage traf einen empfindlichen Nerv.

Eklat im Saal

Besonders heftig reagierte die Bad Camberger Aktivistin Marlies Imhoff, die sowohl im Gegenprotest als auch im Bürgerforum aktiv ist.

Sie unterbrach die Veranstaltung mehrfach und versuchte, die Aussage Schulz’ unmittelbar zu korrigieren.

Die Situation eskalierte zunehmend. Schließlich griff der Veranstalter ein und verwies Imhof unter Berufung auf den Ablauf der Veranstaltung auf die spätere Fragerunde. Als sie weiterhin intervenierte, wurde sie schließlich aus dem Saal verwiesen.

Die Szene zeigte exemplarisch, wie schnell politische Sachkritik heute als persönliche Provokation wahrgenommen wird – auf beiden Seiten.

Nicole Höchst: Schärfere Töne als geplant

Nach diesem Zwischenfall betrat die Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst die Bühne.

Wer ihren Auftritt einen Tag zuvor in Westerburg erlebt hatte, bemerkte schnell: Die Ereignisse des Abends hatten ihre Rede beeinflusst.

Höchst begann mit einer Kritik an der politischen Diskussionskultur und verteidigte das Format eines Bürgerdialogs, bei dem zunächst Reden gehalten und anschließend Fragen gestellt würden.

Sie begrüßte ausdrücklich die Besucher aus dem Gegenprotest, die sich entschieden hatten, der Veranstaltung zuzuhören.

Gleichzeitig schlug sie jedoch eine deutlich schärfere Tonlage an – insbesondere bei Themen wie Migration, Sicherheit und politischer Ausgrenzung.

Link zum Video der Rede

Die Fragerunde – konstruktiv, aber ohne Annäherung

Nach den Reden begann schließlich die Fragerunde.

Mehrere kritisch eingestellte Teilnehmer hatten bis zum Ende ausgeharrt, um ihre Fragen zu stellen. Diese waren teilweise durchaus konstruktiv formuliert.

Doch der Austausch blieb weitgehend im Modus gegenseitiger Belehrung.

Aus Sicht der AfD wurde an diesem Abend eine Chance verpasst: Statt nur Gegensätze herauszuarbeiten, hätte man stärker nach verbindenden Punkten suchen können.

Gerade im kommunalen Kontext – wo praktische Lösungen oft wichtiger sind als ideologische Grundsatzdebatten – wäre dies möglicherweise ein produktiverer Weg gewesen.

Wirkung von „Experten“

Auffällig war, wie stark eine Veranstaltung, die zehn Tage zuvor stattgefunden hatte, die Stimmung dieses Abends bestimmte.

Die Aussagen von Professor Hafenegger hatten offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen – sowohl bei AfD-Mitgliedern als auch bei Kritikern.

Solche wissenschaftlichen Einordnungen entfalten Wirkung. Sie prägen politische Selbstbilder und Gegenbilder gleichermaßen.

Doch genau hier liegt auch ein Problem: Wenn wissenschaftliche Analysen als moralische Urteile wahrgenommen werden, verstärken sie nicht selten genau jene Fronten, die sie eigentlich erklären wollen.

Ein Abend mit offenen Gräben

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck.

Der Abend zeigte einerseits, wie tief die politischen Gräben inzwischen sind. Viele Beteiligte wirkten emotional angespannt – auf beiden Seiten.

Sachkritik wurde schnell als persönliche Kränkung verstanden, während zugleich auch bei der AfD spürbar war, dass die Nerven in diesem dauerhaften politischen Konflikt teilweise blank liegen.

Andererseits gab es auch Momente, die Hoffnung machen: Menschen aus dem Gegenprotest setzten sich in die Veranstaltung, hörten zu und stellten Fragen.

Nach dem offiziellen Ende soll es sogar noch einzelne Gespräche zwischen Teilnehmern gegeben haben.

Vielleicht liegt genau dort der einzige Weg aus der derzeitigen politischen Eskalationsspirale: nicht im lauteren Protest, sondern im Gespräch.