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Henryk M. Broder bei Cicero: Deutschland im Würgergriff seiner eigenen Gespenster

16. Juni 2026 // geschrieben von Manfred

Wenn Henryk M. Broder spricht, dann knirscht es. Dann fliegen Begriffe durch den Raum, die andere erst durch drei Redaktionskonferenzen tragen würden. Im Cicero-Podcast hat der Publizist nun ein Gespräch geführt, das weniger wie ein Interview wirkte als wie eine Tour durch die nervösen Zonen der Republik: Meinungsfreiheit, Brandmauer, AfD, Antisemitismus, Migration, deutscher Idealismus – und immer wieder die Frage, warum Deutschland im Jahr 2026 so wirkt, als habe es vor allem Angst vor sich selbst.

Früher war nicht alles besser – aber offenbar entspannter

Broder beginnt nicht mit Nostalgie. Er wehrt sich sogar gegen sie. Früher sei nicht „alles besser“ gewesen, sagt er sinngemäß. Wer das behaupte, solle sich einmal mit den zahnärztlichen Methoden früherer Jahrzehnte behandeln lassen. Und doch beschreibt er einen Unterschied, der vielen vertraut vorkommen dürfte: Das Land sei entspannter gewesen.

Nicht unbedingt klüger. Nicht unbedingt gerechter. Aber weniger verkrampft.

Heute, so Broder, müsse man ständig damit rechnen, irgendeinen „Fettnapf“ zu betreten. Der öffentliche Raum sei von einer Übelnehmer-Kultur geprägt. Man dürfe zwar vieles sagen, aber die alte Formel des ugandischen Diktators Idi Amin gelte inzwischen auch in Deutschland: Es gebe Freiheit der Äußerung – nur die Freiheit nach der Äußerung könne niemand garantieren.

Das ist Broder in Reinform: überzeichnet, zugespitzt, böse funkelnd – und doch mit einem Kern, der sich nicht so leicht wegmoderieren lässt. Denn tatsächlich hat sich das Klima öffentlicher Debatten verändert. Nicht nur der Widerspruch ist härter geworden, auch die Bereitschaft, Worte sofort moralisch zu etikettieren.

Rechts ist heute offenbar alles, was nicht links genug ist

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist der Begriff „rechts“. Broder stellt nüchtern fest, dass er selbst oft nicht mehr wisse, was damit eigentlich gemeint sei. In Deutschland scheine inzwischen alles rechts zu sein, was nicht grün oder sozialdemokratisch sei.

Damit trifft er einen wunden Punkt. Denn in einer funktionierenden Demokratie ist „rechts“ zunächst keine Pathologie, sondern eine politische Richtung. Konservatismus, Liberalismus, nationale Interessenpolitik, Skepsis gegenüber zu viel Staat oder zu viel Migration – all das kann man teilen oder ablehnen. Aber wenn bereits die Einordnung „rechts“ wie ein Vorwurf klingt, verschiebt sich der demokratische Kompass.

Broder hält der deutschen Debatte vor, sie habe verlernt, zwischen rechts, rechtspopulistisch, rechtsradikal und nationalsozialistisch zu unterscheiden. Genau darin sieht er einen der Gründe, warum die AfD trotz aller Brandmauern und Verbotsdebatten weiter wächst: Wer ein Viertel oder ein Drittel der Wähler moralisch aus dem demokratischen Raum hinausdefiniert, muss sich nicht wundern, wenn diese Wähler irgendwann gar nicht mehr zuhören.

Die Brandmauer sei deshalb weniger ein politisches Bauwerk als ein psychologisches Symptom. Sie sollte die AfD eindämmen, habe aber offenkundig nicht funktioniert. Broders Bild dafür ist schlicht: Wenn ein Mittel gegen Heiserkeit die Heiserkeit verstärkt, war es offenbar das falsche Mittel.

Die deutsche Lust am Verbieten

Besonders scharf wird Broder, wenn es um AfD-Verbotsforderungen geht. Es sei nicht nur der Inhalt solcher Forderungen, der ihn störe, sondern die erkennbare Lust daran. Wenn Politiker wie Saskia Esken ein Verbot der AfD forderten, wirke das auf ihn nicht mehr wie politische Debatte, sondern wie „Hexenjagd“. Da sei etwas Genießerisches im Spiel: verbieten, ausschließen, erledigen.

Broder erinnert daran, dass Verbieten in Deutschland historisch keine harmlose Tradition habe. Das ist ein schweres Geschütz, und man muss es nicht in jeder Zuspitzung teilen. Aber die Frage bleibt berechtigt: Wie demokratisch ist eine Debatte, in der das stärkste Argument gegen eine wachsende Oppositionspartei nicht politische Überzeugungskraft ist, sondern der Wunsch, sie aus dem Spiel zu nehmen?

Dabei ist Broder keineswegs ein AfD-Verteidiger im einfachen Sinne. Er sagt ausdrücklich, er wolle die AfD im Parlament sehen, aber nicht in der Regierung. Gerade Björn Höcke attestiert er „grauenhafte Ansichten“. Sein Punkt ist ein anderer: Auch politische Positionen, die man ablehnt oder für gefährlich hält, verschwinden nicht dadurch, dass man sie ausgrenzt. In einer Demokratie müssen sie sichtbar, angreifbar und diskutierbar bleiben.

Das ist vielleicht der eigentlich konservative Kern dieses Gesprächs: Vertrauen in Institutionen, in Föderalismus, Gewaltenteilung und parlamentarische Auseinandersetzung. Broder traut der Bundesrepublik offenbar mehr zu als viele ihrer selbsternannten Verteidiger.

Deutschland und das Dritte Reich: Erinnerung oder Dauerschleife?

Der stärkste, zugleich unbequemste Teil des Gesprächs kreist um Deutschlands Verhältnis zum Nationalsozialismus. Broder bestreitet nicht die historische Verantwortung. Er relativiert nicht die Verbrechen. Aber er kritisiert, dass Deutschland 80 Jahre nach Kriegsende noch immer im „Würgergriff“ des Nationalsozialismus stecke.

Seine These ist psychologisch: Viele Deutsche kämpften heute gegen einen Faschismus, der nicht vor der Tür stehe, sondern als Projektionsfläche diene. Das Dritte Reich werde nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu beschworen. „Nie wieder“ werde zur politischen Parole für die Gegenwart, oft ohne Maßstab, ohne historische Präzision und ohne echte Gefahrensensibilität.

Besonders bissig beschreibt Broder die Antifa als Bewegung, die 80 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches noch immer die Machtergreifung von 1933 verhindern wolle. Das ist polemisch, aber genau darin liegt seine Methode: Er dreht die Selbstgewissheit seiner Gegner so lange ins Absurde, bis deren Pathos sichtbar wird.

Sein Vorwurf lautet: Der Kampf gegen den Faschismus sei für viele zu einer risikolosen Bewährungsprobe geworden. Man könne sich heute moralisch aufladen, ohne tatsächlich etwas riskieren zu müssen. Das klingt hart, aber es erklärt einen Teil jener politischen Theatralik, die in Deutschland so häufig jede nüchterne Debatte ersetzt.

Antisemitismus: Nicht neu, sondern wieder sichtbarer

Auch beim Thema Antisemitismus widerspricht Broder der gängigen Formel vom „Anstieg“. Er sagt: Der Antisemitismus sei nicht neu in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen, er sei immer schon dort gewesen. Was nachgelassen habe, sei die Immunwirkung der Nachkriegszeit.

Für Broder gibt es nicht den einen Antisemitismus, sondern verschiedene Varianten: rechten, linken und islamischen. Den klassischen rechten Antisemitismus hält er für historisch diskreditiert. Den linken Antisemitismus sieht er häufig als Israelkritik getarnt. Und den islamischen Antisemitismus beschreibt er als die heute vitalste und gefährlichste Form.

Das ist ein heikler, aber zentraler Punkt. Broder kritisiert, dass Deutschland durch seine Migrationspolitik auch Menschen ins Land geholt habe, bei denen Judenhass kulturell, religiös oder politisch tief verankert sei. Er sieht darin keine große Verschwörung, sondern eine politische Fehlleistung. Aber die Folgen seien real.

Seine Formulierung, Deutschland habe „Millionen hochmotivierter Antisemiten“ im Land, ist drastisch. Man kann und sollte über Größenordnungen, Begriffe und Pauschalisierungen streiten. Doch die Beobachtung, dass antisemitischer Hass auf deutschen Straßen seit dem 7. Oktober 2023 sichtbarer, lauter und aggressiver geworden ist, lässt sich schwer wegdiskutieren.

Broder stellt dabei eine unangenehme Frage: Warum richtet sich die moralische Obsession vieler Deutscher so regelmäßig auf Israel? Nicht, weil Israel fehlerfrei wäre. Broder selbst sagt, man könne die israelische Politik kritisieren. Aber warum immer Israel? Warum dieses eine kleine Land, das sich täglich für seine Existenz rechtfertigen soll?

Seine Antwort: Israel sei heute „der Jude unter den Staaten“. Eine bittere, aber treffende Formel für die Sonderbehandlung, die sich als moralische Kritik tarnt.

Der deutsche Idealismus als Selbstgefährdung

Ein weiteres Leitmotiv des Gesprächs ist Broders Diagnose eines gefährlichen deutschen Idealismus. Deutschland, so seine Sicht, entwickle eine makabre Konsequenz bei der Verfolgung absurder Ziele. Ob Klimarettung, Energiewende, Willkommenskultur oder politische Moralrhetorik: Das Land neige dazu, einmal eingeschlagene Wege auch dann weiterzugehen, wenn die Realität längst widerspricht.

Broder bringt dafür das Sprichwort „Wer A sagt, muss auch B sagen“ ins Spiel – und widerspricht: Nein, muss man nicht. Man könne nach A auch merken, dass A falsch war, und aufhören. Genau diese Fähigkeit zur Korrektur vermisst er.

Das ist vielleicht die verbindende Klammer des ganzen Interviews. Broder beschreibt Deutschland als ein Land, das weniger an bösen Absichten leidet als an Realitätsverweigerung. An einem Hang, die Welt nicht zu sehen, wie sie ist, sondern wie sie in ein moralisches Selbstbild passen soll.

Politiker wie Bärbel Bas werden dabei zu Broders Lieblingsbeispielen. Wenn sie sage, es gebe keine Einwanderung in die Sozialsysteme, sieht er darin nicht nur einen falschen Satz, sondern ein Symptom: Die Wirklichkeit darf nicht stören.

Gerne — hier eine weniger gestelzte, pointiertere Fassung der beiden letzten Abschnitte:

Broders Methode: Spott als Gegenmittel

Ist das alles nur Polemik? Alterszorn? Lust an der Provokation?

Nicht ganz. Broder übertreibt, ja. Er spitzt zu, manchmal bis an die Schmerzgrenze. Aber sein Spott ist kein Selbstzweck. Er ist sein Werkzeug gegen eine Debattenkultur, die sich selbst viel zu ernst nimmt und dabei oft jede Bodenhaftung verliert.

Broder lacht nicht, weil die Themen harmlos wären. Er lacht, weil die politische Wirklichkeit in Deutschland längst selbst komisch geworden ist: große Worte, moralische Posen, historische Dauerwarnungen – und dahinter oft erstaunlich wenig Mut zur Realität.

Man muss Broder nicht in allem zustimmen. Manche Sätze sind bewusst so formuliert, dass sie Widerspruch provozieren. Aber genau das macht sie wertvoll: Sie reißen den Leser aus der bequemen Empörung heraus und zwingen ihn, sich zu positionieren.

Fazit: Ein Stachel im deutschen Selbstbild

Das Cicero-Interview mit Henryk M. Broder ist kein Gespräch zum Zurücklehnen. Es ist ein Stachel im deutschen Selbstbild.

Broder spricht über Meinungsfreiheit, Brandmauer, AfD, Antisemitismus, Migration und die deutsche Fixierung auf die eigene Vergangenheit. Doch im Kern geht es um etwas Größeres: um ein Land, das sich gern moralisch überlegen fühlt, aber immer öfter an der Wirklichkeit vorbeiredet.

Seine Botschaft ist unbequem: Wer politische Gegner ausgrenzt, macht sie nicht kleiner. Wer jede rechte Position mit dem Nationalsozialismus kurzschließt, schwächt die Demokratie. Wer Antisemitismus nur dort sehen will, wo er ins eigene Weltbild passt, bekämpft ihn nicht ernsthaft. Und wer Probleme wegredet, darf sich nicht wundern, wenn sie größer werden.

Man kann Broder überzogen finden. Man kann sich an ihm reiben. Aber ignorieren sollte man ihn nicht. Denn zwischen Spott, Schärfe und Provokation steckt eine Frage, der Deutschland nicht ausweichen kann:

Wie lange will dieses Land noch gegen Gespenster kämpfen, während die realen Probleme vor der Tür stehen?

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