Christen in der AfD: „Zurück zum christlichen Wertesystem“

Auf einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Herborn-Merkenbach stand zwischen Parteifahnen und Infotischen ein Stand mit einem besonderen Schild: „Christen in der AfD“. Dort sprach ich mit Ute Falk-Offenbach, Sprecherin im Regionalvorstand Süd-West. Es ging um Glauben, Politik, Islam, Staatskirchen – und um die Frage, wie christliche Überzeugung und eine Partei zusammenpassen, die von ihren Gegnern regelmäßig als spaltend und radikal bezeichnet wird. Grundlage dieses Artikels ist das geführte Interview .
„Zurück zur Bibel“ – Christliche Werte als politischer Maßstab
Falk-Offenbach formuliert ihre Botschaft klar: Man wolle „zurück zum christlichen Wertesystem“, gegründet auf Schrift und Bibel. Für sie ist Politik nicht in erster Linie ein technokratisches Projekt, sondern eine Frage von Segen oder Fluch, von Gut und Böse. Deutschland befinde sich in einer Phase, die „nicht unbedingt segensreich“ sei.
Interessant ist dabei der Bruch mit den klassischen C-Parteien. Auf die Frage, warum sie nicht bei CDU oder CSU engagiert sei, antwortet sie sinngemäß: Das, was sie früher bei der CDU gefunden habe, finde sie heute im Wahlprogramm der AfD. Die Union habe sich „kilometerweit“ von ihren ursprünglichen christlichen Werten entfernt.
Ihre inhaltlichen Ankerpunkte sind klar umrissen: Familienpolitik, ein restriktiver Kurs in der Migrationspolitik und eine wirtschaftspolitische Haltung, die sie als freiheitlich beschreibt. Familie müsse wieder gestärkt und gefördert werden. Beim Thema Zuwanderung sieht sie insbesondere im politischen Islam eine Bedrohung gewachsener Ordnungen. Wirtschaftlich verweist sie auf biblische Gebote wie „Du sollst nicht stehlen“ oder „Du sollst nicht begehren“ und kritisiert eine Steuerpolitik, die sie als schleichende Enteignung empfindet.
Auf meine Frage, ob das Evangelium eher ein freiheitliches als ein sozialistisches Wirtschaftsmodell nahelege, antwortet sie deutlich: Es gehe um Freiheit und Verantwortung. Sie zitiert die Bibelstelle „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ – eine Formulierung, die im politischen Kontext zwangsläufig Reibung erzeugt, insbesondere angesichts des deutschen Sozialstaats.
Interview mit Ute-Falk-Offenbach
Kirchen, Wokismus und der politische Islam
Besonders kritisch äußert sich Falk-Offenbach zur Haltung der beiden großen Kirchen in Deutschland. In der evangelischen wie in der katholischen Kirche gebe es „hingegebene Christen“, die sich nicht mit bestimmten ideologischen Strömungen gemein machten. Gleichzeitig widerspreche das, was etwa auf Kirchentagen oder in Teilen kirchlicher Positionierungen vertreten werde, aus ihrer Sicht „komplett“ einem biblisch fundierten Werteverständnis.
Hier wird eine Spannung sichtbar, die über die AfD hinausweist: Die Entfremdung konservativer Christen von kirchlichen Leitungen. Begriffe wie „Wokismus“ fallen im Gespräch als Chiffre für eine gesellschaftspolitische Entwicklung, die als ideologisch und glaubensfern wahrgenommen wird.
Beim Gegenprotest vor der Veranstaltung – unter anderem mit dem Vorwurf der Muslimfeindlichkeit – weist Falk-Offenbach diesen entschieden zurück. Die AfD richte sich nicht gegen integrierte Muslime, sondern gegen den politischen Islam. Integration bedeute Anpassung an ein klar definiertes deutsches Wertesystem. Dieses müsse allerdings, so ihre Forderung, erst wieder klarer bestimmt werden, da es durch „Altparteien“ aufgeweicht worden sei.
An der Schnittstelle von Religionsfreiheit und freiheitlich-demokratischer Grundordnung sieht sie keinen unauflösbaren Widerspruch. Der Konflikt löse sich, wenn Integration in die staatlich definierten Werte konsequent eingefordert werde. Das ist eine politische Position – aber auch eine theologisch aufgeladene, da hier implizit das christliche Erbe Deutschlands als normative Grundlage verstanden wird.
Spaltung, Feindesliebe und die Frage nach dem Geist
Zum Ende des Gesprächs ging es um die gesellschaftliche Spaltung. Kaum eine AfD-Veranstaltung ohne Gegendemonstration, kaum eine Debatte ohne harte Fronten. Als Christin, so meine Nachfrage, müsse sie diese Polarisierung doch schmerzen.
Ihre Antwort verweist erneut auf die Bibel: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.“ Sie plädiert für Gespräch statt Hetze, für Argumente statt Zuschreibungen. Zugleich kritisiert sie, dass die AfD pauschal mit „Lügen“ überzogen werde. Auch in der eigenen Partei sei nicht „alles Gold, was glänzt“, räumt sie ein – eine bemerkenswerte Nuance in einem ansonsten klar positionierten Gespräch.
Die zentrale Frage, die im Raum bleibt, lautet: Welcher „Geist“ prägt aktuell das Land? Für Falk-Offenbach ist die Zerrissenheit nicht nur politisch, sondern geistlich erklärbar. Sie wünscht sich ein Miteinander, das Sicherheit und Freiheit wieder stärker ins Zentrum stellt.
Ob man diese Analyse teilt oder nicht – das Gespräch zeigt, dass sich innerhalb der AfD ein Milieu formiert hat, das seine politische Arbeit ausdrücklich religiös begründet. „Christen in der AfD“ verstehen sich nicht als folkloristisches Anhängsel, sondern als ideeller Kern einer Partei, die aus ihrer Sicht verlorene Werte wiederherstellen will.
Für Kritiker bleibt die Frage, ob hier christliche Ethik selektiv politisiert wird. Für Anhänger hingegen ist es ein notwendiger Korrekturschritt in einem Land, das sich kulturell neu verortet.
In Herborn-Merkenbach jedenfalls wurde deutlich: Der Glaube ist für manche AfD-Mitglieder kein Privatvergnügen – sondern politisches Programm.