1,2 Millionen für ein Kind – und trotzdem scheitert das System

„Wir verwalten – wir helfen nicht“ - Es sind Zahlen, die sprachlos machen: bis zu 100.000 Euro im Monat für die Betreuung eines einzigen Jugendlichen. Hochgerechnet: 1,2 Millionen Euro pro Jahr.
Und dennoch – so berichtet die Sozialarbeiterin „Caro fragt“ im Interview mit der Journalistin Jasmin Kosubek – werde in vielen Fällen kaum geholfen, sondern lediglich verwaltet.
Caro kennt das System von innen. Als Kind lebte sie selbst mehrere Jahre im Heim. Heute arbeitet sie mit sogenannten „Systemsprengern“ – Kindern, die in keiner Einrichtung dauerhaft bleiben können.
Ihr Fazit ist ernüchternd: „Es wird unglaublich viel Geld ausgegeben – aber oft passiert nichts.“
Der 12-Jährige, der durch alle Raster fällt
Besonders drastisch ist der Fall eines zwölfjährigen Jungen aus Albanien, den Caro betreute.
Der Junge kam allein nach Deutschland, nachdem seine Mutter hier lebte, sich aber nicht um ihn kümmern konnte. Was folgte, war eine teure und zugleich chaotische Betreuung: eigene Wohnung, mehrere Betreuer im Schichtsystem und später zusätzlich Sicherheitsdienst.
Kostenpunkt: zunächst rund 70.000 Euro im Monat, später sogar 100.000 Euro.
Doch trotz dieses Aufwands fehlte es an Struktur. Schulbesuch scheiterte, Regeln wurden nicht durchgesetzt, das Team war überfordert.
„Wir hatten kein Konzept, keine Supervision, teilweise keine Fachkräfte“, sagt Caro. Die Eskalation ließ nicht lange auf sich warten: Nach einem Einrichtungswechsel griff der Junge eine Frau mit einem Messer an.
Für Caro keine Überraschung. „Ich habe von Anfang an gesagt, der Junge braucht eine spezialisierte psychiatrische Betreuung. Niemand hat zugehört.“
Ein System ohne Verantwortung?
Für die Sozialarbeiterin liegt das Problem tiefer als in einzelnen Fehlentscheidungen. Sie beschreibt ein System, in dem Verantwortung oft weitergereicht wird:
Jugendamt → Träger → Betreuer → niemand fühlt sich zuständig.
Gleichzeitig wachse der Apparat immer weiter: mehr Maßnahmen, mehr Personal, mehr Kosten
„Es ist ein System, das sich selbst nährt“, sagt sie.
Besonders kritisch sieht sie die Qualifikation vieler Mitarbeiter. In sensiblen Fällen arbeiteten häufig Werkstudenten oder Honorarkräfte – ohne ausreichende Erfahrung.
Was wirklich helfen würde
Trotz aller Kritik formuliert Caro eine einfache, aber grundlegende These:
Nicht mehr Geld sei die Lösung – sondern stabile Beziehungen. „Kinder brauchen Menschen, keine Konzepte.“ Statt ständig neue Maßnahmen zu schaffen, plädiert sie für langfristige Bindungen, etwa durch geeignete Pflegefamilien oder feste Bezugspersonen.
Doch genau daran mangele es im aktuellen System.
Die unbequeme Frage
Das Interview wirft eine Frage auf, die politisch heikel ist: Wie sinnvoll ist ein System, das enorme Summen investiert – ohne messbare Erfolge?
Gerade bei Fällen mit Migrationshintergrund sorgt das zusätzlich für gesellschaftliche Spannungen. Caro versteht diese Kritik, bleibt aber bei ihrer Grundhaltung:
„Es ist ein Kind. Es kann am wenigsten dafür.“
Fazit
Die deutsche Jugendhilfe ist eines der teuersten sozialen Systeme des Landes – und gleichzeitig eines der intransparentesten.
Der Erfahrungsbericht zeigt: Geld allein löst keine Probleme. Strukturen ersetzen keine Beziehung und ein überlastetes System kann selbst gut gemeinte Hilfe ins Gegenteil verkehren.
Oder, wie Caro es formuliert: „Wir tun so, als wäre das alles hochprofessionell – aber oft ist es einfach nur teuer.“