Zwischen Würde, Freiheit und Mut: Kristina Scheyhing im Fingerklopfer-Talk

Manche Protestformen sind laut, fordernd, unübersehbar. Andere wirken gerade durch ihre Reduktion. Die „Schneemänner mit Würde“, die Kristina Scheyhing während der Corona-Jahre mitbegründet hat, gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Weiße Schutzanzüge, wenige Worte auf Schildern, stille Präsenz im öffentlichen Raum – und gerade dadurch eine Ausdrucksform, die auffällt, irritiert und Gesprächsräume öffnet. Im aktuellen Fingerklopfer-Talk spricht Scheyhing über die Entstehung ihres Buches „Schneemänner mit Würde – erinnern, erzählen, aufrichten“, über ihre Erfahrungen auf der Straße und über eine Gesellschaft, die ihrer Ansicht nach bis heute tief gespalten ist.
Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Frage, warum sie ihre Erlebnisse überhaupt aufgeschrieben hat. Scheyhing beschreibt das Buch als bewussten Versuch, etwas festzuhalten, das nicht verloren gehen soll. Videos, Eindrücke, künstlerische Dokumentationen – all das sei vergänglicher als ein Buch. Das Schreiben wurde für sie zu einer Form der Sicherung, aber auch zu einem emotionalen Prozess. Vieles sei beim Niederschreiben noch einmal hochgekommen, Tränen ebenso wie Lachen. Gerade darin liegt für sie offenbar eine wichtige Funktion des Erinnerns: Es geht nicht nur darum, etwas zu dokumentieren, sondern auch darum, das Erlebte zu verarbeiten, ohne es zu verdrängen. Vergessen will sie die Corona-Jahre nicht. Eher geht es darum, aus der Erinnerung heraus Versöhnung überhaupt wieder möglich zu machen.
Diese Haltung ist eng mit ihrer eigenen Biografie verknüpft. Im Gespräch schildert sie die Prägung durch zwei sehr unterschiedliche Elternfiguren: eine impulsive, kämpferische Mutter, die früh vermittelte, dass man für seine Überzeugungen einstehen müsse, und einen eher ruhigen, besonnenen Vater, der sie lehrte, Entscheidungen bewusst zu treffen und dann auch durchzutragen. Dazu kamen frühe Erfahrungen auf Friedensdemonstrationen. Die Spannung zwischen lautem und leisem Protest zieht sich deshalb wie ein roter Faden durch das Gespräch – und letztlich auch durch das Konzept der „Schneemänner mit Würde“.
Eine stille Form des Widerspruchs
Scheyhing macht deutlich, dass die stillen Protestaktionen keine Absage an klassischen Demonstrationsprotest sein sollen. Sie selbst könne auch laut sein, reden, zuspitzen, auf Bühnen sprechen. Doch während der Corona-Zeit habe sie den Eindruck gewonnen, dass viele Menschen von den üblichen Demonstrationsformen nicht erreicht wurden. Wer Parolen ruft, wirkt auf manche mobilisierend, auf andere aber abschreckend oder aggressiv. Genau dort setzte die Idee der „Schneemänner“ an: eine klare, einfache, fast theatrale Performance, die nicht niederbrüllt, sondern neugierig macht.
Die weißen Anzüge, die regungslose Haltung und die bewusst sparsam gewählten Wortbotschaften erzeugen eine eigentümliche Mischung aus Distanz und Offenheit. Begriffe wie „Würde“, „Freiheit“, „Respekt“, „Mut“, „Liebe“ oder „Zuhören“ stehen im Mittelpunkt. Gerade weil diese Worte nicht sofort in ein klassisches politisches Freund-Feind-Schema passen, entsteht ein Moment des Innehaltens. Was will diese Gruppe? Wofür steht sie? Warum gerade diese Form? Für Scheyhing liegt darin ein Schlüssel: Der Protest sollte so gestaltet sein, dass Menschen ins Gespräch kommen können, die sich von scharfem, konfrontativem Protest eher abgestoßen fühlen.
Interessant ist auch ihre Einordnung anderer Performanceformen aus der Corona-Zeit. Sie erwähnt ausdrücklich, dass sie dystopische, stärker konfrontative Darstellungen durchaus nachvollziehbar und teilweise auch künstlerisch interessant fand. Dennoch habe sie sich bewusst anders entschieden. In einer Zeit, in der viele Menschen psychisch ohnehin unter Druck standen, wollte sie keine zusätzliche Düsternis verstärken, sondern eine Form finden, die das Gespräch öffnet. Nicht Friede-Freude-Eierkuchen, sondern ein Kontrast: sterile Einheitsoptik auf der einen, positive und menschenbezogene Begriffe auf der anderen Seite.
Passanten, Polizei, Beschimpfungen – und überraschend viel Resonanz
Ein besonders spannender Teil des Gesprächs dreht sich um die Reaktionen auf diese Protestform. Scheyhing berichtet, dass es selbstverständlich auch Anfeindungen gab: Stinkefinger, Beschimpfungen, das bekannte Framing als „Querdenker“, „Nazis“ oder „Bekloppte“. Gerade in der frühen Corona-Zeit sei die Angst unter den Menschen groß gewesen, ebenso die Sorge, bereits durch ein Gespräch mit den „Falschen“ sozial eingeordnet oder stigmatisiert zu werden. Trotzdem habe sich mit der Zeit gezeigt, dass die stille Ausdrucksform viele Menschen eher anzieht als abstößt.
Besonders eindrücklich ist ihre Schilderung, wie Passanten auf Begriffe wie „Liebe“ oder „Zuhören“ reagieren. Menschen blieben stehen, wollten Fotos machen, begannen zu weinen, suchten das Gespräch, umarmten einander oder tauschten Telefonnummern aus. Für Scheyhing ist das ein Hinweis darauf, wie groß der Gesprächsbedarf in der Gesellschaft weiterhin ist. Nicht jeder, der stehenbleibt, teilt automatisch alle politischen Einschätzungen der Gruppe. Aber viele scheinen in dieser ruhigen Form eine Einladung zu sehen, sich überhaupt wieder einmal auszusprechen.
Auch im Verhältnis zu Behörden und Polizei beschreibt sie im Rückblick überwiegend pragmatische Erfahrungen. Anfangs sei die Präsenz der Polizei massiv gewesen, gerade bei den ersten Aktionen in Hannover. Inzwischen, so ihr Eindruck, habe sich die Lage deutlich entspannt. Die Versammlungsbehörde kenne die Gruppe, vieles laufe problemlos. Nur in Einzelfällen – etwa bei einer Solo-Aktion vor dem NDR – sei es zu fragwürdigen Interventionen gekommen. Insgesamt jedoch sieht sie in Hannover heute kaum noch größere Schwierigkeiten bei der Durchführung ihrer Mahnwachen.
Bemerkenswert ist, dass die „Schneemänner mit Würde“ ihre Form bis heute beibehalten haben. Seit über viereinhalb Jahren stehen sie nach Scheyhings Angaben jeden Montag in Hannover – ohne Unterbrechung, weiterhin als stille Formation, weiterhin mit klaren Wortbotschaften. Was als Protest in der Corona-Zeit begann, ist für sie längst zu einer fortgesetzten Form gesellschaftlicher Intervention geworden.
Eine Spaltung, die nicht verschwunden ist
Im zweiten Teil des Gesprächs weitet sich der Blick. Es geht nicht mehr nur um die Entstehung der Protestform, sondern um die Frage, was aus der gesellschaftlichen Spaltung geworden ist, die während der Corona-Jahre offen zutage trat. Scheyhing sieht hier keine Entspannung, eher im Gegenteil. Die Themen hätten sich verändert, die Mechanismen aber seien gleich geblieben. Wieder werde in Gut und Böse, legitim und illegitim, sagbar und unsagbar sortiert. Wieder würden Menschen nicht argumentativ gestellt, sondern moralisch abgestempelt.
Sie schildert sehr deutlich ihre Erfahrung, dass gerade jene Milieus, die sich selbst auf Begriffe wie Vielfalt, Demokratie und Toleranz berufen, oft nicht bereit seien, tatsächlich mit Andersdenkenden ins Gespräch zu gehen. Das Beispiel von Gegendemonstranten in Hannover, die „für Demokratie“ und „gegen Hass“ auftreten, ein Gespräch aber sofort verweigern, steht für sie sinnbildlich für diesen Widerspruch. Der Dialog werde vielerorts beschworen, aber nicht praktiziert.
Im Gespräch mit Manfred wird daraus eine grundsätzlichere Diagnose: Die demokratische Streitkultur ist beschädigt. Nicht nur bei Corona, sondern auch bei anderen Themen wie Krieg, Klima, Migration, innerer Sicherheit oder gesellschaftlicher Ordnung beobachtet Scheyhing eine Verhärtung, bei der dem Gegenüber oft von vornherein unlautere Motive unterstellt werden. Das eigentliche Problem sei nicht Meinungsverschiedenheit. Das Problem beginne dort, wo man dem anderen nicht einmal mehr zugesteht, aus ehrlichen Motiven heraus zu handeln.
Protest nach Corona: kleiner, verteilter, aber nicht verschwunden
Auch die Entwicklung der Protestszene seit dem Ende der heißen Corona-Phase kommt zur Sprache. Zwar sind die großen Massenmobilisierungen Geschichte, doch Scheyhing widerspricht dem Eindruck, die Bewegung sei einfach zerfallen. Für sie hat sich der Protest eher verändert und in viele kleinere Gruppen, Initiativen und Netzwerke hinein verlagert. Nicht jeder steht noch auf Marktplätzen, aber viele wirken auf anderen Ebenen weiter: in Gesprächskreisen, in Medienprojekten, in lokalen Gruppen, in neuen Vernetzungen.
Darin liegt eine interessante Perspektive auf die vergangenen Jahre. Der große Aufbruch von 2020 und 2021 mag vorbei sein, aber seine Folgen sind aus ihrer Sicht weiterhin spürbar. Menschen seien politisiert worden, hätten sich vernetzt, hätten gelernt, sich einzumischen. Dass dies heute kleinteiliger und weniger sichtbar geschieht, bedeutet für sie nicht automatisch Resignation. Gleichwohl richtet sie am Ende des Gesprächs ausdrücklich einen Appell an jene, die sich entmutigt zurückgezogen haben: nicht aufzugeben, sondern weiter im eigenen Umfeld wirksam zu bleiben, zuzuhören, Fragen ernst zu nehmen und dort präsent zu sein, wo andere keine Stimme finden.
Vielleicht ist genau das der rote Faden dieses Gesprächs: der Versuch, Widerstand nicht als bloße Gegenmacht zu begreifen, sondern als Beharren auf menschlicher Beziehung. Wer Kristina Scheyhing zuhört, merkt schnell, dass für sie Begriffe wie Würde, Freiheit und Mut keine reinen Parolen sind, sondern Leitworte eines politischen und zugleich persönlichen Selbstverständnisses. Als gegen Ende des Interviews die Frage aufkommt, welcher dieser Begriffe ihr am wichtigsten sei, fällt ihr die Entscheidung schwer. Würde, Mut und Freiheit hängen für sie unmittelbar zusammen. Vielleicht lässt sich ihre Antwort dennoch auf einen Nenner bringen: Freiheit, so die unausgesprochene Quintessenz des Gesprächs, entsteht nicht von selbst. Sie braucht Mut – und sie bleibt ohne Würde leer.
Das Video des Fingerklopfer-Talks mit Kristina Scheyhing zeigt eine Aktivistin, Autorin und Gesprächspartnerin, die auch sechs Jahre nach Beginn der Protestbewegung nicht müde geworden ist, auf Begegnung zu setzen. Ihr Buch ist über die Webseite der „Schneemänner mit Würde“ erhältlich. Wer sich selbst ein Bild machen will, bekommt im Interview nicht nur Einblicke in die Entstehung des Buches, sondern auch in eine Protestform, die gerade in ihrer Stille viel über den Zustand dieses Landes erzählt.