Wenn Wissenschaft Politik trifft: AfD-Politiker Ehtemai lädt Prof. Hafenegger zum Streitgespräch ein

Ein Vortrag, eine Wahlkampfveranstaltung – und eine Kontroverse, die bis heute nachwirkt.
Der Politikwissenschaftler Prof. Benno Hafenegger sprach Anfang März beim Bürgerforum Bad Camberg über Demokratie und die AfD. Wenige Tage später griff der AfD-Politiker Meysam Ehtemai seine Aussagen in einer eigenen Rede auf – und erklärte, warum er sich von der Darstellung persönlich angegriffen fühlt.
Im Gespräch mit dieser Redaktion schlägt Ehtemai nun einen ungewöhnlichen Weg vor: ein direktes Streitgespräch mit dem Wissenschaftler.
Kritik an Aussagen über AfD-Wähler
Ausgangspunkt der Kontroverse ist ein Vortrag Hafeneggers über Demokratie und Rechtsextremismus, in dem auch die AfD und deren Wählerschaft thematisiert wurden.
Ehtemai sagt, die Darstellung der AfD und ihrer Anhänger habe ihn persönlich betroffen gemacht. Als jemand mit Migrationsgeschichte, der sich politisch in Deutschland engagiert, habe er einige der Aussagen als pauschal und verletzend empfunden.
Er habe daher bewusst entschieden, in seiner eigenen Rede auf diese Punkte einzugehen – allerdings nicht während Hafeneggers Vortrag selbst.
„Die Regeln des Anstands verbieten es mir, eine Veranstaltung zu stören, bei der jemand als Referent eingeladen ist“, erklärt Ehtemai. Deshalb habe er sich entschieden, seine Erwiderung bei einer eigenen Veranstaltung vorzutragen.
„Ich wollte ihm den Spiegel vorhalten“
In seiner Rede griff Ehtemai mehrere Punkte aus Hafeneggers Vortrag auf. Dabei ging es unter anderem um Aussagen zur wirtschaftspolitischen Programmatik der AfD und um die Darstellung der Partei in wissenschaftlichen Analysen.
Ehtemai kritisiert insbesondere, dass wissenschaftliche Bewertungen der AfD häufig ohne direkte Gespräche mit deren Mitgliedern oder Wählern erstellt würden.
„Ich wollte ihm den Spiegel vorhalten“, sagt er im Gespräch. Als Wissenschaftler müsse man sich auch fragen, warum Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen die AfD unterstützen.
Ehtemai verweist dabei auf eigene Erfahrungen in politischen Netzwerken von Menschen mit Migrationsgeschichte innerhalb der Partei. Dieses Phänomen werde aus seiner Sicht in vielen Analysen kaum berücksichtigt.
Einladung zur öffentlichen Diskussion
Trotz der deutlichen Kritik betont Ehtemai, dass er keinen persönlichen Konflikt mit Hafenegger suche. Im Gegenteil: Er würde eine direkte Diskussion begrüßen.
„Ich bin jederzeit bereit für eine Podiumsdiskussion“, sagt er. Ein solcher Austausch könne helfen, unterschiedliche Perspektiven besser zu verstehen.
In einer solchen Debatte, so Ehtemai, könnten beide Seiten ihre Argumente offen darlegen – wissenschaftliche Analysen ebenso wie praktische politische Erfahrungen.
Wissenschaftliche Debatten und politische Wirkung
Der Fall zeigt, welche Wirkung wissenschaftliche Analysen im politischen Raum entfalten können.
Vorträge wie der von Hafenegger sind häufig als akademische Einordnung gedacht. In der politischen Praxis können sie jedoch von Beteiligten als direkte Bewertung oder Kritik wahrgenommen werden.
Gerade in einem aufgeheizten politischen Umfeld führt das schnell zu emotionalen Reaktionen.
Die Rede Ehtemais bei der AfD-Veranstaltung war ein Beispiel dafür, wie stark solche Einschätzungen auch auf lokaler Ebene nachwirken können.
Ein möglicher Schritt aus der Polarisierung
Ob Prof. Hafenegger eine solche Einladung annimmt, ist derzeit offen.
Der Vorschlag ist jedoch bemerkenswert: Ein lokaler AfD-Politiker fordert einen direkten Dialog mit einem Wissenschaftler, der seine Partei kritisch analysiert.
In der aktuellen politischen Debattenkultur geschieht genau das nur selten. Häufig sprechen Wissenschaft, Politik und Aktivismus eher übereinander als miteinander. Gerade deshalb könnte ein solcher Austausch mehr sein als nur eine lokale Episode aus dem Wahlkampf.
Er wäre ein Versuch, zwei Perspektiven zusammenzubringen, die sich sonst meist nur aus der Distanz begegnen: wissenschaftliche Analyse und politische Erfahrung aus der Praxis.
Ob Prof. Hafenegger die Einladung annimmt oder nicht – die Debatte über seine Thesen hat Bad Camberg längst erreicht.