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#  Bück dich, Bürger! Warum die Freiheit keine Freunde mehr braucht, wenn sie solche Verteidiger hat

Ulf Poschardt hat wieder zugeschlagen. Nach dem „Shitbürgertum“ nimmt er sich in seinem neuen Buch „Bückbürgertum“ jene Zeitgenossen vor, die zwar gerne von Freiheit, Eigenverantwortung und Marktwirtschaft reden, bei der ersten Gegenrede aber vorsichtshalber unter dem Schreibtisch verschwinden. Eine ebenso bissige wie notwendige Abrechnung mit einer Gesellschaft, die das Rückgrat offenbar für ein evolutionäres Auslaufmodell hält.

Von Manfred · Stand: 28. Oktober 2026

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Es gibt Menschen, die kämpfen für ihre Überzeugungen. Andere diskutieren darüber. Und dann gibt es jene, die zunächst einmal vorsichtig schauen, was die anderen denken, was man darüber denken darf. Letztere haben es in Deutschland zu erstaunlicher gesellschaftlicher Bedeutung gebracht. Sie sitzen in Parlamenten, Vorstandsetagen, Redaktionskonferenzen und Universitätsleitungen. Sie halten Festreden über Demokratie und Freiheit, solange dabei niemand auf die Idee kommt, diese Freiheiten tatsächlich in Anspruch zu nehmen.

Ulf Poschardt hat für diese Spezies einen passenden Namen gefunden: **Bückbürger**.

Nach seinem 2025 erschienenen „Shitbürgertum“, einer ebenso unterhaltsamen wie streitbaren Abrechnung mit den selbsternannten Moralpädagogen unserer Republik, widmet er sich nun deren zuverlässigsten Helfern. Und das sind keineswegs nur die üblichen Verdächtigen aus dem rot-grünen Milieu. Es sind vielmehr jene angeblich Bürgerlichen, die ihre Prinzipien bei Bedarf so geschmeidig verbiegen, dass selbst erfahrene Yogalehrer neidisch werden müssten.

Die Pointe des Buches ist ebenso einfach wie unangenehm: Die selbsternannten gesellschaftlichen Erzieher konnten ihren Einfluss nur deshalb so weit ausdehnen, weil diejenigen, die ihnen eigentlich widersprechen müssten, längst die Lust am aufrechten Gang verloren haben.

Oder etwas zugespitzt: **Deutschland leidet nicht nur an zu vielen Menschen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Es leidet auch an zu vielen Menschen, die sich das bereitwillig vorschreiben lassen.**

## Das Bücken als deutsche Kernkompetenz

Poschardt belässt es nicht bei der Gegenwartsdiagnose. Er begibt sich auf eine historische Spurensuche, die weit vor die Einführung von Genderleitfäden, Klimanotständen und staatlich geförderten Demokratiewerkstätten zurückreicht.

Seine These: Die Neigung zur Unterordnung gehört gewissermaßen zur politischen Grundausstattung der deutschen Geschichte.

Während sich anderswo ein selbstbewusstes Bürgertum gegen monarchische Herrschaft emanzipierte, blieb man hierzulande dem Obrigkeitsstaat bemerkenswert treu. Die Revolution von 1848 scheiterte, 1871 entstand ein Kaiserreich statt einer bürgerlichen Republik, und im 20. Jahrhundert demonstrierte Deutschland auf entsetzliche Weise, wohin die Bereitschaft führen kann, Autorität über das eigene Urteil zu stellen.

Natürlich ist Geschichte komplizierter als eine nationale Charakterkunde. Aber Poschardts Beobachtung besitzt einen unangenehm vertrauten Kern: Der Deutsche widerspricht seiner Obrigkeit besonders energisch, wenn diese gerade nicht im Raum ist.

Der moralische Zusammenbruch des Nationalsozialismus und die vollständige Niederlage von 1945 bilden für Poschardt den entscheidenden Ausgangspunkt der bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte. Ein Land, das in die Barbarei abgeglitten war, musste nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und moralisch neu beginnen.

Das gelang auf beeindruckende Weise. Wirtschaftswunder, demokratische Stabilität und wachsender Wohlstand wurden zur Erfolgsgeschichte der jungen Bundesrepublik. Doch Poschardt entdeckt unter der glänzenden Oberfläche ein Problem: Das neue Bürgertum lernte wieder, erfolgreich zu wirtschaften. Mit der Bereitschaft, auch politisch und kulturell selbstbewusst aufzutreten, tat es sich deutlich schwerer.

Man konnte Autos bauen, Maschinen exportieren und Unternehmen gründen. Aber der gesellschaftliche Deutungsanspruch wanderte zunehmend dorthin, wo das Verhältnis zur Marktwirtschaft eher theoretischer Natur war.

## Die Intellektuellen erklären die Welt – andere bezahlen die Rechnung

Besonders lesenswert sind Poschardts Ausführungen zum Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Leistung und kultureller Macht.

Er greift dabei auf Joseph Schumpeter zurück, der bereits früh auf einen bemerkenswerten Widerspruch des Kapitalismus aufmerksam machte: Eine erfolgreiche Marktwirtschaft schafft den Wohlstand, der es immer mehr Menschen ermöglicht, sich beruflich mit der Kritik an eben dieser Marktwirtschaft zu beschäftigen.

Aus dem wirtschaftlichen Erfolg entsteht also ein wachsendes Milieu von Intellektuellen, das seine gesellschaftliche Bedeutung nicht zuletzt daraus bezieht, die Grundlagen dieses Erfolgs infrage zu stellen.

Das ist selbstverständlich legitim. Kritik am Kapitalismus gehört zu einer freien Gesellschaft wie der Wettbewerb zur Marktwirtschaft. Etwas merkwürdig wird es allerdings, wenn aus der Kritik eine Art moralischer Herrschaftsanspruch erwächst, dessen Vertreter zwar jede Menge Vorstellungen über die gerechte Organisation wirtschaftlichen Handelns entwickeln, mit dessen praktischen Schwierigkeiten aber bevorzugt andere behelligen.

Poschardts eigentlicher Vorwurf richtet sich jedoch nicht einmal gegen diese Intellektuellen. Er richtet sich gegen das Bürgertum, das sich ihnen bereitwillig unterordnet.

Warum eigentlich?

Warum lassen sich Unternehmer, die täglich komplexe wirtschaftliche Entscheidungen unter Unsicherheit treffen, von politischen Milieus einschüchtern, deren praktische Erfahrung mit unternehmerischem Risiko überschaubar ist?

Warum übernehmen bürgerliche Parteien immer wieder die Problemdefinitionen ihrer politischen Gegner und wundern sich anschließend, dass ihnen die Wähler davonlaufen?

Und warum legen Medien, die sich ihrer Unabhängigkeit so sicher sind, häufig einen bemerkenswerten Gleichklang bei der Auswahl der gesellschaftlich erwünschten Haltungen an den Tag?

Hier trifft Poschardt einen Nerv. Denn die Frage ist nicht, ob progressive Ideen grundsätzlich falsch sind. Die Frage ist, weshalb ihnen so selten mit eigenständigen liberalen oder konservativen Entwürfen begegnet wird.

**Wer den Wettbewerb der Ideen aufgibt, darf sich über das entstehende Meinungsmonopol nicht wundern.**

## 1968: Die einen marschieren, die anderen machen Platz

Eine zentrale historische Etappe bildet für Poschardt die Zeit nach 1968.

Während linke Bewegungen mit durchaus bemerkenswerter Ausdauer Universitäten, kulturelle Institutionen, Medien und schließlich politische Entscheidungszentren beeinflussten, reagierten die traditionellen bürgerlichen Kräfte zunehmend defensiv.

Man muss nicht jede politische Veränderung dieser Jahrzehnte für einen Irrweg halten, um die dahinterliegende Asymmetrie zu erkennen.

Die einen kämpften um kulturelle Deutungshoheit. Die anderen konzentrierten sich auf wirtschaftlichen Erfolg, Regierungsämter und den Erhalt des Status quo.

Dass eine Gesellschaft nicht allein durch Parlamente, sondern ebenso durch Schulen, Universitäten, Medien und kulturelle Institutionen geprägt wird, haben die einen früher verstanden als die anderen.

Poschardt deutet diese Entwicklung als schleichende Kapitulation des Bürgertums. Der gesellschaftliche Wandel sei eben nicht nur gegen bürgerlichen Widerstand durchgesetzt worden. Er sei möglich gewesen, weil dieser Widerstand an entscheidenden Stellen ausblieb.

Das mag in seiner Pauschalität überzeichnet sein. Schließlich brachte die gesellschaftliche Liberalisierung auch erhebliche individuelle Freiheitsgewinne hervor. Doch die grundsätzliche Frage bleibt: Wie konnte ausgerechnet eine politische Kultur, die sich auf Freiheit und Selbstverantwortung beruft, so wenig Selbstvertrauen bei der Verteidigung ihrer eigenen Grundsätze entwickeln?

## Merkel, Merz und die Kunst der prinzipienflexiblen Politik

Richtig unterhaltsam wird es, wenn Poschardt in der Gegenwart ankommt.

Angela Merkel erscheint bei ihm als nahezu ideale Verkörperung des politischen Bückbürgertums. Eine Kanzlerin, die nicht einfach nur auf gesellschaftliche Veränderungen reagierte, sondern die programmatischen Grundlagen ihrer eigenen politischen Familie nach Poschardts Deutung zunehmend preisgab.

Der Atomausstieg, die Migrationspolitik und die Verschiebung politischer Prioritäten stehen beispielhaft für diese Entwicklung.

Man könnte es auch so formulieren: Eine Partei, die jahrzehntelang mit wirtschaftlicher Vernunft und konservativer Stabilität geworben hatte, entdeckte plötzlich, dass man Wähler auch gewinnen kann, indem man die Programme anderer Parteien übernimmt. Zumindest so lange, bis die Wähler merken, dass sie das Original ebenfalls wählen können.

Friedrich Merz kommt bei Poschardt nicht wesentlich besser weg. Während er Merkel eine bewusste politische Anpassungsstrategie unterstellt, deutet er Merz' Verhalten eher als Ausdruck mangelnder Standfestigkeit.

Eine besondere Rolle spielt dabei die sogenannte Brandmauer gegenüber der AfD. Poschardt sieht in ihr ein Instrument, das die Union in dauerhafte politische Abhängigkeit von Kräften bringt, deren gesellschaftspolitische Vorstellungen sie angeblich gerade nicht teilt.

Darüber lässt sich trefflich streiten. Eine demokratische Partei darf selbstverständlich selbst entscheiden, mit wem sie zusammenarbeitet. Solche Entscheidungen können Ausdruck politischer Überzeugung sein und nicht bloß Ergebnis äußerer Einschüchterung.

Doch Poschardt legt den Finger auf eine tatsächliche strategische Schwierigkeit: Wer bestimmte politische Mehrheiten kategorisch ausschließt, muss sich darüber im Klaren sein, welchen Preis er dafür bei der Durchsetzung eigener Positionen bezahlt.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn aus einer selbst gewählten Abgrenzung die Erwartung entsteht, dass man die eigene Politik dauerhaft den Vorstellungen möglicher Koalitionspartner unterordnen müsse.

Und wenn eine Partei ihre eigenen Wahlversprechen nach dem Wahltag unter Verweis auf politische Sachzwänge wieder einsammelt, stellt sich tatsächlich die Frage, wozu man diese Versprechen zuvor überhaupt gebraucht hat. Vermutlich zur Wahlwerbung. Dafür haben sie sich schließlich bewährt.

## Vom mündigen Bürger zum betreuten Staatskunden

Einer der interessantesten Gedanken des Buches betrifft die zunehmende Verlagerung von Verantwortung vom Individuum auf den Staat.

Die liberale Vorstellung vom Bürger ist eigentlich recht anspruchsvoll. Der Mensch soll selbst denken, selbst entscheiden, für sein Handeln einstehen und seinen Mitmenschen dieselben Freiheiten zugestehen.

Das klingt zunächst wunderbar. Es hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Man muss dabei selbst Verantwortung übernehmen.

Sehr viel bequemer erscheint die Vorstellung, dass staatliche Institutionen nicht nur für Sicherheit und Rechtsordnung sorgen, sondern möglichst auch für die richtige Ernährung, die korrekte Mobilität, das passende Heizsystem, den sozialverträglichen Sprachgebrauch und die moralisch einwandfreie Weltanschauung.

Die moderne Variante des fürsorglichen Staates scheint bisweilen unter dem Motto zu arbeiten: **Du darfst alles selbst entscheiden, solange du dich richtig entscheidest.**

Poschardt erkennt in dieser Entwicklung eine schleichende Infantilisierung des Bürgers. Die Eigenverantwortung wird rhetorisch gefeiert und praktisch immer häufiger durch Regulierung, Lenkung und staatlich organisierte Fürsorge ersetzt.

Dabei sind staatliche Aufgaben selbstverständlich nicht per se freiheitsfeindlich. Ohne Rechtsstaat, funktionierende Infrastruktur und wirksamen Schutz individueller Rechte wäre die Freiheit des Einzelnen wenig wert.

Entscheidend ist vielmehr die Grenze zwischen einem Staat, der Freiheit ermöglicht, und einem Staat, der seinen Bürgern zunehmend erklärt, was sie mit dieser Freiheit vernünftigerweise anzufangen haben.

Poschardts Kritik überzeugt dort besonders, wo er auf die freiwillige Bereitschaft hinweist, diese Grenzverschiebung hinzunehmen.

Es ist schließlich erstaunlich, wie viele Menschen den Staat für chronisch überfordert halten und ihm dennoch mit großer Begeisterung immer neue Aufgaben übertragen möchten.

## Kant hätte vermutlich keine Karriere als Regierungsberater gemacht

Den philosophischen Mittelpunkt des Buches bildet Immanuel Kant.

„Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird“, lautet dessen berühmte Mahnung, die Poschardt seinem Buch voranstellt.

Kant hielt bekanntlich wenig von geistiger Bequemlichkeit. Aufklärung bedeutete für ihn, den Mut aufzubringen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Eine eigentlich simple Aufforderung. Und gerade deshalb bis heute eine ziemliche Zumutung.

Denn wer selbst denkt, könnte zu Ergebnissen gelangen, die dem gesellschaftlichen Konsens widersprechen. Wer diese Ergebnisse öffentlich vertritt, könnte auf Kritik stoßen. Und wer sich davon nicht einschüchtern lässt, läuft womöglich Gefahr, bei der nächsten Veranstaltung nicht mehr auf der Gästeliste zu stehen.

In einer Gesellschaft, die gelegentlich den Eindruck vermittelt, schon eine kontroverse Meinung könne ein Fall für die psychosoziale Betreuung werden, besitzt diese kantische Aufforderung eine erstaunliche Aktualität.

Poschardt verbindet damit eine Vorstellung von Menschenwürde, die nicht allein auf äußeren Rechtsgarantien beruht, sondern auch auf Selbstachtung und der Bereitschaft, das eigene Leben verantwortlich zu gestalten.

Dabei sollte man allerdings präzise bleiben: Die Menschenwürde im verfassungsrechtlichen Sinne ist unveräußerlich. Sie hängt nicht davon ab, wie mutig oder selbstbewusst jemand auftritt. Ein eingeschüchterter Mensch verliert nicht seine Würde.

Was er verlieren kann, ist die praktische Möglichkeit, selbstbestimmt zu handeln. Und genau diese Unterscheidung macht Poschardts Argument besonders interessant.

Sein Bückbürger verzichtet nicht unbedingt auf seine Rechte. Er verzichtet darauf, sie auszuüben.

## Ein gutes Buch, auch dort, wo es übertreibt

Natürlich hat Poschardts Streitschrift ihre Schwächen.

Der Autor neigt dazu, politische Entwicklungen mit seinem eigenen begrifflichen Instrumentarium zu erklären. Wer erst einmal das Bückbürgertum als zentrale Ursache gesellschaftlicher Fehlentwicklungen identifiziert hat, entdeckt dessen Vertreter irgendwann an nahezu jeder Straßenecke.

Nicht jeder Kompromiss ist jedoch ein Kotau. Nicht jede gesellschaftliche Veränderung ein Angriff auf bürgerliche Freiheit. Und nicht jeder, der auf eine politische Auseinandersetzung verzichtet, tut dies aus Feigheit.

Manchmal ist Zurückhaltung auch Ausdruck von Vernunft. Ebenso wenig wäre eine Gesellschaft besonders freiheitlich, in der jedermann seine Überzeugungen mit missionarischem Eifer durchzusetzen versucht.

Die Herausforderung besteht schließlich nicht darin, die eine gesellschaftliche Gesinnungsaufsicht durch eine andere zu ersetzen.

Auch Poschardts historische Deutung darf man hinterfragen. Die Geschichte der Bundesrepublik ist eben nicht nur eine Geschichte bürgerlicher Kapitulation. Sie ist ebenso eine Erfolgsgeschichte demokratischer Institutionen, individueller Freiheiten und einer Zivilgesellschaft, die sich vielfach als ausgesprochen widerstandsfähig erwiesen hat.

Doch gerade weil Poschardt übertreibt, zwingt er zum Nachdenken. Seine Polemik macht Zusammenhänge sichtbar, die in einer betont ausgewogenen, akademischen Abhandlung womöglich unter Bergen von Differenzierungen verschwunden wären.

Und vor allem stellt er die unangenehmste aller Fragen nicht an politische Gegner, sondern an jene, die sich selbst gerne als freiheitlich und bürgerlich verstehen:

**Was habt ihr eigentlich getan, um eure Überzeugungen zu verteidigen?**

## Unser Fazit: Mehr Rückgrat, weniger Haltungstheater

Wir können Poschardts Grundgedanken einiges abgewinnen.

Nicht weil wir jede seiner historischen Deutungen teilen oder seine politischen Urteile für unfehlbar hielten. Sondern weil er an etwas erinnert, das in der heutigen politischen Debatte allzu häufig untergeht: **Freiheit ist keine Dienstleistung des Staates. Sie ist eine Zumutung an den Einzelnen.**

Sie verlangt die Bereitschaft, eigene Entscheidungen zu treffen, Irrtümer einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen und anderen Menschen dieselben Rechte zuzugestehen – ausdrücklich auch dann, wenn deren Ansichten den eigenen widersprechen.

Gerade der letzte Punkt scheint inzwischen beinahe revolutionär zu sein.

Wer heute öffentlich eine unbequeme Meinung vertritt, muss damit rechnen, nicht nur Widerspruch zu erfahren, sondern gelegentlich auch hinsichtlich seiner moralischen Zuverlässigkeit begutachtet zu werden. Das ist eine bedauerliche Entwicklung für eine Gesellschaft, die sich bei jeder passenden Gelegenheit ihrer Vielfalt rühmt.

Vielleicht sollten wir Vielfalt tatsächlich einmal etwas umfassender verstehen. Nicht nur als Vielfalt von Herkunft, Lebensstilen oder Identitäten, sondern auch als Vielfalt von Gedanken und Überzeugungen.

Und vielleicht sollten wir uns wieder daran erinnern, dass Demokratie kein Wellnessprogramm ist, bei dem alle Teilnehmer am Ende mit einem guten Gefühl und derselben Meinung nach Hause gehen müssen.

Demokratie ist anstrengend. Freiheit noch mehr.

Poschardt hat mit „Bückbürgertum“ keinen ausgewogenen Leitfaden zur politischen Harmonisierung geschrieben. Zum Glück. Davon gibt es bereits genügend Exemplare, meist mit freundlicher Unterstützung öffentlicher Fördermittel.

Er hat eine polemische, manchmal ungerechte, häufig treffende und durchweg anregende Streitschrift vorgelegt, die den Leser aus seiner politischen Komfortzone holen möchte.

Das gelingt ihm bemerkenswert gut.

Besonders überzeugend ist dabei die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht allein durch diejenigen entstehen, die Macht ausüben, sondern auch durch diejenigen, die ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten aus Bequemlichkeit preisgeben.

Deshalb verdient das Buch eine klare Leseempfehlung – nicht als Offenbarung einer letzten politischen Wahrheit, sondern als Aufforderung zum selbstständigen Denken.

Der für die Fortsetzung der Trilogie angekündigte „Fightbürger“ darf dann zeigen, wie sich dieses Denken in praktisches Handeln übersetzen lässt.

Bis dahin könnte man schon einmal mit etwas Einfachem beginnen: einer eigenen Meinung, einem geraden Rücken und der Gelassenheit, auch andere Ansichten auszuhalten.

**Denn eine freiheitliche Gesellschaft braucht keine Bürger, die immer recht haben. Sie braucht Bürger, die den Mut haben, selbst zu denken – und anderen genau dasselbe zugestehen.**

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**Das Buch**

Ulf Poschardt: *Bückbürgertum* (2026), ulfposhbooks.

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